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Mühleberg: Was wäre wenn?

Von Urs Egli. Aktualisiert am 15.03.2011 19 Kommentare

Welche Auswirkungen hätte der grösste anzunehmende Unfall (GAU) im Fall des AKW Mühleberg? 440'000 Menschen müssten umgesiedelt werden.

Ernstfall: Wenn in Mühleberg der Gau eintreten würde, müssten 440'000 Menschen umgesiedelt werden.


GAU

Unter einem atomaren GAU versteht man den «grössten anzunehmender Unfall», für den die Sicherheitssysteme eines AKW noch ausgelegt sein müssten. Bei einem GAU wie der jetzt in Japan befürchteten Kernschmelze werden grosse Mengen Radioaktivität freigesetzt, die in der Sicherheitsummantelungen der AKW verbleiben sollten. Am 26.April 1986 aber gelangte bei der Explosion des Reaktors im ukrainischen Tschernobyl die Radioaktivität erstmals ungehindert in die Umwelt. Ein solch «katastrophaler Unfall» (Höchstwert 7 auf der INES-Skala) wird inoffiziell auch als Super-GAU bezeichnet.ue/svb

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Opfer von Tschernobyl

Wie viele Todesopfer, Verletzte und Langzeitkranke der Super-GAU vom 26.April 1986 im ukrainischen Reaktor Tschernobyl gefordert hat, wird sich nie exakt beziffern lassen. Schon nur deshalb, weil Atomkraftgegner und
-befürworter mit Opferzahlen Politik betreiben.

Unter dem unmittelbaren Eindruck der Katastrophe, bei der die Radioaktivität ungehindert aus dem zerstörten Reaktor austrat, rechneten atomkritische Kreise mit Hunderttausenden von Toten, langfristig mit mehr als einer Million. Diese hochgerechneten Werte orientierten sich etwa an der Zahl von bis zu 800'000 «Liquidatoren», die zu Aufräum- und Bauarbeiten nach Tschernobyl abkommandiert wurden. Laut sowjetischen Stellen erhielten von ihnen aber «nur» etwa 1000 in den ersten Tagen nach dem Unglück schwere bis tödliche Strahlendosen. 400'000 der Liquidatoren wurden nirgendwo registriert. Ob sie an Strahlenfolgen leiden, liess sich nie eruieren.

2005 präsentierte das Tschernobyl-Forum der Atomenergiebehörde IAEA einen Bericht, der die bisher genannten Todeszahlen für übertrieben erklärte und massiv nach unten korrigierte. 56 Personen waren demnach an direkter Strahleneinwirkung gestorben. Die IAEA, die Weltgesundheitsorganisation WHO und die UNO-Entwicklungsorganisation UNDP einigten sich auf rund 4000 Tote in ganz Europa. Die zornigen Reaktionen folgten prompt. Greenpeace sprach 2006 von 93'000 Toten, das Komitee der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs von 50'000 bis 100'000 Toten.

Die Zahlen differieren auch deshalb stark, weil sich nicht exakt definieren lässt, welche Gesundheitsfolgen direkt auf die Strahlung zurückzuführen sind. Die Zunahme von Schilddrüsenkrebs etwa ist genau registriert worden. Die Fallzahlen anderer Krebsarten wurden mit Schätzungen und Risikomodellen ermittelt. Viele Vorfälle und Krankheiten haben zumindest indirekt mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zu tun: Totgeburten, Missbildungen bei Neugeborenen, die gesunkene Lebenserwartung oder die Zunahme psychischer Krankheiten.svb

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9000 Kilometer entfernt stehen drei beschädigte Reaktoren des AKW Fukushima in Japan, von denen ein GAU – der grösste anzunehmende Unfall – ausgehen kann. Eine direkte Gefahr für die Schweiz besteht nicht. Doch was wäre, wenn hoch radioaktives Material unkontrolliert aus dem Reaktor des AKW Mühleberg austreten und Menschen und Umwelt verstrahlen würde? Wenn der GAU nahe der Stadt Bern Realität würde?

«Bei einem schweren Strahlenunfall müsste ein heute nicht bestimmbares Gebiet um Mühleberg evakuiert und vorübergehend zur Sperrzone erklärt werden», erklärt Stefan Füglister, Atomexperte für Greenpeace Schweiz. Fakt ist: In den Gefahrenzonen 1 und 2 müssten 440'000 Bernerinnen und Berner umgesiedelt werden. 102 Gemeinen im Kanton Bern wären betroffen. Allerdings betonte der Regierungsrat im letzten Herbst bei seiner Antwort auf die Interpellation von Natalie Imboden (Grüne, Bern): «Die Evakuation von Tausenden von Menschen innert weniger Stunden ist nicht durchführbar, nicht vorgesehen und auch nicht sinnvoll. Einzig entscheidend ist, dass sich die Bevölkerung nicht im Freien aufhält und durch Beton möglichst gut abgeschirmt wird.»

Auswirkungen hätte der GAU auf die unmittelbar neben dem AKW Mühleberg fliessende Aare, wenn radioaktiver Staub ins Wasser gelangen und dieses kontaminieren würde. «Trinkt man dieses Wasser, gelangt der radioaktive Staub in den Körper, sodass man quasi von innen bestrahlt wird», sagt Physiker Emmanuel Egger, Leiter der Arbeitsgruppe Nuklearfragen des AC-Labors Spiez. Als Trinkwasser wäre das Aarewasser über längere Zeit unbrauchbar, zumal sich die radioaktiven Stoffe in den Sedimenten des Flussbettes ablagern würden. Ein Fischfangverbot, analog jenem im Lago Maggiore nach der Katastrophe von Tschernobyl, wäre die Folge für die Aare.

Probleme für Landwirte

Harte Zeiten kämen nach einem GAU in Mühleberg auch auf die Landwirtschaft zu. Produkte aus kontaminierten Böden dürften nicht mehr verkauft werden. «Je nach Grad der Kontamination müsste man das Gebiet vor dem Anbau von Landwirtschaftsprodukten dekontaminieren», erklärt Egger. 20 Zentimeter Erde müssten abgetragen, als radioaktiver Müll entsorgt und durch frische Erde ersetzt werden. Die verseuchte Erde würde in Fässer eingegossen und in Würenlingen zwischengelagert, bis in der Schweiz eine definitive Endlagerlösung gefunden ist.

Sehr teuer käme dies auf jeden Fall: Die Entsorgung eines Kubikmeters radioaktiven Mülls kostet rund 100'000 Franken. Bei einer Fläche von mehreren Quadratkilometern würden damit exorbitante Entsorgungskosten auflaufen. Was wäre die Alternative? Weil Cäsium 137 eine Halbwertszeit von 30 Jahren hat, ist nach Ablauf dieser Zeit immer noch die Hälfte der ursprünglich auf dem Land verstreuten Kontamination vorhanden. Bei hoher Konzentration müsste das Gebiet gesperrt werden. Für die Landwirtschaft wäre diese Fläche für weitere Jahrzehnte nicht nutzbar.

Nicht ansteckend

Kaum Auswirkungen hätte der Atom-GAU auf den zwischenmenschlichen Kontakt: Selbst wenn eine Person von einer radioaktiven Quelle bestrahlt wurde, ist das Händeschütteln unproblematisch. Eine Ansteckungsgefahr besteht nicht. Hände weg heisst es jedoch, wenn radioaktiver Staub auf die Haut gelangt ist. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.03.2011, 10:51 Uhr

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19 Kommentare

Kurt Streit

15.03.2011, 16:13 Uhr
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@AKW-Turbo Jorns: Das ganze ist noch nicht ausgestanden! Die Gefahr des Hochdruckpfad (d.h.Kernschmelzen unter hohem Druck mit interner Wasserstoffbildung) besteht immer noch. Im schlimmsten Falle bildet sich so hoher Druck , dass sich das Reaktordruckgefäss für immer nach oben verabschiedet (nach oben raus katapultiert wird)! Herr Jorns, bitte Thema "Hochdruckpfad" bei Reaktor googeln! Antworten


Yves Arnold

15.03.2011, 11:45 Uhr
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Der Supergau ist eingetreten und somit der Ausstieg aus der Atomtechnik per sofort einzuleiten. Es ist ein Hohn und menschenverachtend wenn ein RR erklärt, dass es unmöglich ist, betroffene Menschen zu evakuieren, dennoch aber an der Atompolitik festhält. Sollen diese Menschen in ihren Häusern verrecken während dem die Politiker und KKW-Betreiber sich in Sicherheit bringen? Antworten




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