Schweiz
«Im vollen Bewusstsein der möglichen Folgen»
Von Stéphane Zindel. Aktualisiert am 29.03.2010 6 Kommentare
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Zeitgleich mit der Genfer «Tribune de Genève» hätte auch die Waadtländer Zeitung «24 Heures» die berüchtigten Fotos veröffentlichen können, die Hannibal Ghadhafi nach der Verhaftung durch die Genfer Polizei zeigen. Und die dessen Vater erzürnten, mit den bekannten Folgen. Doch in Lausanne entschied man anders: Die Bilder würden ein hohes Risiko in sich bergen, zudem sei der Informationsgehalt gering, so die Begründung. Pierre Ruetschi dagegen, der Chefredaktor der «Tribune de Genève», publizierte die Fotos. Und das «im vollen Bewusstsein der möglichen Folgen», wie er unumwunden zugibt.
Ruetschi ist ein respektierter Journalist. Doch wie so viele Chefredaktoren steht auch er unter einem enormen wirtschaftlichen Druck. Seit seinem Amtsantritt Ende 2006 ist die Auflage der Zeitung um 16 Prozent gesunken. In urbanen Zentren wie Genf und Lausanne ist die Konkurrenz durch Pendlerblätter und Onlinemedien besonders gross.
Ja zum Boulevardjournalismus
Deshalb hat Ruetschi die «Tribune de Genève» gegenüber dem Boulevardjournalismus geöffnet. In den letzten Tagen wurde zum Beispiel ausführlich über jene Gerüchte in Frankreich berichtet, wonach Carla Bruni ihrem Mann Nicolas Sarkozy untreu gewesen sein soll. Zudem lenkt der Chefredaktor die Berichterstattung der einst sehr weltläufig orientierten Zeitung verstärkt auf das lokale Geschehen. Und Ruetschi verteidigte unbeirrt seinen Entscheid, ein diffamierendes SVP-Inserat nicht gestoppt zu haben: Im letzten Wahlkampf zum Genfer Kantonsparlament machte die Partei Stimmung gegen Grenzgänger, die sie als «Gesindel» bezeichnete. Noch vor 10 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass die «Tribune de Genève» ein solches Inserat publiziert hätte.
Auf der Redaktion der Zeitung ist man überzeugt, dass der Journalist Ruetschi bezüglich der Hannibal-Bilder anders entschieden hätte als der Chefredaktor Ruetschi. Der 51-jährige gebürtige Zürcher war in den Neunzigerjahren Korrespondent in den USA. Er fiel durch intensive, aufwendige Recherchen auf und einen analytischen Blick auf das Weltgeschehen.
Von seiner Meinung konnte man ihn kaum abbringen
Die Basis seines Wissens bildet ein Studium der politischen Wissenschaften, das er am renommierten Institut universitaire de hautes études internationales in Genf absolviert hatte. Die Schule gilt auch als Kaderschmiede von Diplomaten. Seichte Themen waren Pierre Ruetschi damals noch fremd, ihn interessierte das Relevante. Unter anderem stach er durch seine Berichterstattung über den Streit um die nachrichtenlosen Vermögen heraus.
Bevor Pierre Ruetschi Chefredaktor wurde, galt er als hartnäckiger und zäher Journalist. Wenn er Texte von jüngeren Kollegen gegenlas, hatten diese richtiggehend zu leiden: Bis Ruetschi endlich zufrieden war, mussten sie ihre Artikel fünf-, zehn-, manchmal sogar fünfzehnmal überarbeiten. Er argumentierte in seiner Kritik immer sehr solid. Und von seiner Meinung konnte man ihn kaum abbringen. Das brachte ihm intern den Übernamen Pitbull ein. Es war als Kompliment gedacht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.03.2010, 15:41 Uhr
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6 Kommentare
Die Zeitungen können sich gegen das Internet nur halten, wenn sie sorgfältig aufbereitetes Wissen und Verständnis verkaufen. Bildi ohne Nutzwert kann man im Internet gratis herunterladen. Qualitätszeitungen sollten den Kampf um Werbegelder dort führen, wo sie stark sind: Intellektuelle Leistung. Boulevard zieht man gratis aus Netz und Glotze, wenn man so etwas denn schon braucht. Antworten
Die Veröffentlichung der Bilder hatte Null Informationsgehalt !!! Ich gebe etwas zu Bedenken: Herr Göldi ist zu 4 Monaten Haft verurteilt, davon hat er 3 Wochen bereits abgesessen. Also dürfte er spätestens ca. Ende Juni freikommen. Erst dann kann man ohne auf die Geisel Rücksicht nehmen zu müssen das Geschehene aufarbeiten. Nicht nur Herr Rüetschi wird auf Jobsuche gehen müssen... Antworten
Pitbull oder nicht Pitbull, rechtmässig oder nicht rechtmässig. Die Veröffentlichung dieser Fotos war unnötig und ist kontraporduktiv. Der dadurch verursachte Schaden für die Geiseln und für die Schweiz stehen nicht im Verhältnis zum Nutzen für die Zeitung. Auch journalistische Pitbulls sollten auf derartige Aktionen verzichten. Antworten
Die veröffentlichung der Polizeiphotos war schlicht und einfach unterste Schublade und eine Persönlichkeitsverletzung, ob man nun Gaddafi mag oder nicht... Sie hatte keinerlei journalistischen Wert und diente einzig der Befriedigung des Voyeurismus! Antworten
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Braucht es wegen Facebook, Google und Co. einen besseren Datenschutz?



müller max
dieses jammervolle Gekusche vor einem Wüstenpotentat nimmt ja groteske Züge an, aber die Wirtschaft ist für die CH schon immer wichtiger als Courage gewesen. Antworten