Lockvogel-Marketing der Kantone verärgert die Briten

Von David Vonplon. Aktualisiert am 09.10.2009

Schweizer Kantone locken britische Firmen und deren Chefs mit aggressiven Marketing-Methoden in die Schweiz, schreibt die britische «Times». Doch sind die Vorwürfe auch stichhaltig?

Immer mehr Briten erkennen die Vorzüge eines Umzugs: Steuerparadies Schweiz.

Immer mehr Briten erkennen die Vorzüge eines Umzugs: Steuerparadies Schweiz.
Bild: Keystone

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«Am liebsten mit Seesicht»

Die Schweiz ist derzeit Ziel einer regelrechten Einwanderungswelle aus England. «Wir stellen fest, dass sich britische Finanzgesellschaften und auch Einzelpersonen aus dem Finanzsektor verstärkt für die Schweiz interessieren», erklärt Daniel Küng, Chef der Osec, die im Ausland Standortförderung für die Kantone betreibt.

Dieser Exodus britischer Firmen beschert auch dem Immobiliensektor gute Geschäfte. «Wir erhalten in letzter Zeit viele Anfragen von britischen Firmenchefs, die ihre Unternehmenssitz in die Schweiz verlegen wollen», erklärt Magnus Schnellmann von Lofthome, einer auf Luxus-Wohnungen spezialisierten Immobiliengesellschaft.

Nachgefragt würden dabei neben Gewerbe-Gebäuden häufig gleich auch Wohneigentum für die gesamte Belegschaft - «und dabei am liebsten Häuser mit Seesicht, bester Verkehrserschliessung und an ruhiger Lage.» Begehrt seien dabei vor allem Kantone mit attraktiven Steuerbedingungen, wie etwa Zug oder Schwyz anbieten

In Grossbritannien verfolgt die Öffentlichkeit mit wachsendem Missmut, wie heimische Finanzgesellschaften und Reiche in die Schweiz auswandern. Wegen ihrer aggressiven Standortpromotion geraten dabei die Schweizer Kantone immer mehr ins Zwielicht: So berichtete die Londoner «Times», dass Vertreter der Genfer Kantonsbehörden ungefragt britische Konzernchefs kontaktiert hätten, um sie von einem Standortwechsel zu überzeugen. Dies geschehe freilich unter dem Hinweis auf die steuerlichen Vorteile wie auch der «finanziellen Geheimhaltung».

Im Buhlen um britische Firmen scheue sich Genf auch nicht davor, individuelle Spezial-Deals abzuschliessen: So hätten Genfer Behörden einem CEO eine Pauschalsteuer von zehn Prozent auf sein Einkommen angeboten, sofern dieser seine Firma nach Genf verlege, und eine Prognose seiner Einkünfte für die nächsten zehn Jahre liefere.

Die Berichte bestärken viele Briten bloss in ihrem Eindruck, dass die Schweiz aus der Finanzkrise Kapital schlagen will – wie auch aus dem für reiche Engländer sanktionierenden Steuerregime. «In der Schweiz gab es stets Deals ausserhalb des gesetzlichen Rahmens, aber diese Angebote ohne Aufforderungen seitens der Konzerne sind ein neuer Ansatz», erklärt Mike Warburton von der britischen Buchprüfungsfirma Grand Thornton.

Genf: «Behauptungen sind falsch»

Im Kanton Genf weist man solche Vorwürfe zurück. «Diese Behauptungen sind falsch», erklärt Roland Godel, Sprecher des Genfer Regierungsrates auf Anfrage von Bernerzeitung.ch/Newsnet. Der Kanton Genf betreibe keine aktive Kundenakquisition. Möglich sei aber, dass Anwälte, Steuerberatungsfirmen und andere Gesellschaft mit solchen Methoden britische Firmen umwerben.

Auch der Kanton Zug weist von sich, aktives «Headhunting» zu betreiben. «Wir gehen nicht unaufgefordert auf Unternehmen und deren CEOs zu, um sie von einer Ansiedelung in Zug zu überzeugen», erklärt Bernhard Neidhart, Leiter des Amts für Arbeit und Wirtschaft des Kantons Zug. Einzelbetriebliche Sonderbegünstigungen gebe es nicht.

Kantone wollen auf den Radar der Firmenchefs

Claudia Magri, Sprecherin von «Greater Zurich Area», betont derweil das «vitale Interesse einzelner Kantone an der Ansiedelung von britischen Hedge-Funds». Die Standortmarketing-Organisation, die insgesamt acht Kantone im Ausland vertritt, scheut sich nicht, auch ungefragt bei Firmenchefs anzuklopfen, um die Vorzüge des Wirtschaftsraums Zürich zur Sprache zu bringen.

«Es gehört zu unserem Auftrag, den Wirtschaftsraum Zürich auf den Radar der Entscheidungsträger in ausländischen Unternehmen zu bringen. Wenn ein potenzieller Investor erwägt, ins Ausland zu gehen, müssen wir dafür sorgen, dass er an uns denkt.» Die aktive Akquisition sei dabei Teil der Aufgabe der Marketingorganisationen. Allerdings überlege man sich sehr genau, wie man im Ausland auftreten wolle.

Ähnlich argumentiert Daniel Küng, CEO von der staatlichen Osec, die im Ausland Standortpromotion für Schweizer Kantone betreibt. «Die aktive Standortpromotion gehört zum Aufgabenportfolio der einzelnen Kantone.» Er könnte es deshalb verstehen, wenn diese im Ausland aktiv Kundenakquistion betreiben. Allerdings ist es laut Küng ein teures Unterfangen, einzelne Unternehmen für eine Ansiedelung anzuwerben. Zumindest für die Osec, welche derzeit keine Standortpromotion auf der Insel betreibt, wäre dazu der Aufwand zu gross. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.10.2009, 15:19 Uhr

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