Kulturkampf um einen Fetzen Stoff

Von Dario Venutti. Aktualisiert am 21.08.2010

Der rigide Islamische Zentralrat managt die Familie, die im Kanton St. Gallen gegen das Kopftuchverbot an Schulen kämpft. Die moderaten Muslime sind ausmanövriert worden.

Das Kopftuch als Teil der Identität von Musliminnen: Oscar A. Bergamin, Muslimin am UNO-Informationsgipfel 2003 in Genf.

Das Kopftuch als Teil der Identität von Musliminnen: Oscar A. Bergamin, Muslimin am UNO-Informationsgipfel 2003 in Genf.
Bild: Keystone

Sein Geschäft ist die wortgetreue Auslegung des Korans. Da kann es nicht schaden, manchmal den Freak zu geben. Vor allem dann, wenn man als Kadermitglied des strenggläubigen Islamischen Zentralrats dämonisiert wird. Also schreibt Oscar Assadullah Bergamin, ein zum Islam konvertierter früherer Journalist und Offizier der Schweizer Armee, in einer SMS an den Journalisten: «Ich fahre mit Tempo 200 auf der Autobahn.»

Bergamin raste letzte Woche von Sarajevo in die Schweiz, nachdem er dem Oberhaupt der bosnischen Muslime einen Brief überreicht hatte. Obermufti Mustafa Ceric soll klarstellen, dass das Kopftuch nicht einfach ein religiöses Symbol sei, sondern zur Identität von Musliminnen gehöre. Demnach dürften sie es im Schulunterricht tragen.

Hardliner auf beiden Seiten

Bergamins Fahrt in die bosnische Hauptstadt war die jüngste Etappe in der Eskalation des Kopftuchstreits im Kanton St. Gallen. Die nächste folgt am 27. August, wenn der regionale Schulrat über den Rekurs einer bosnischen Familie aus Bad Ragaz entscheidet. Deren 15-jähriger Tochter hatte die Schule das Tragen des Kopftuchs untersagt.

Der Konflikt hat in der Zwischenzeit Züge eines Kulturkampfs angenommen. «Das Kopftuch wurde ideologisiert und politisiert. Das kommt den Hardlinern auf beiden Seite zugute, die Maximallösungen fordern», sagt die Schweizer Islamwissenschafterin Amira Hafner al-Jabaji. Dem dezidierten Verbotsbefürworter und SVP-Erziehungsdirektor Stefan Kölliker steht der rigide Islamische Zentralrat gegenüber.

Von Saudiarabien gesponsert?

Bergamin war nicht nur nach Sarajevo gefahren, um sich die Unterstützung einer religiösen Autorität zu holen. Er hat auch Tage und Nächte in Bibliotheken verbracht, Gerichtsentscheide zu verwandten Themen aus Archiven hervorgeholt und mit Rechtsprofessoren telefoniert. Ausserdem berät Bergamin jetzt die Familie, führt ihre Korrespondenz mit den Behörden, und der Zentralrat hat auch den Vorschuss von 400 Franken für den Rekurs bezahlt. «Wir verstehen uns als Anlaufstelle für Muslime, die nicht länger kuschen wollen», sagt Quaasim Illi, Pressesprecher des Zentralrates und ebenfalls konvertierter Schweizer.

Woher der Verein, der nach der Minarett-Initiative gegründet wurde, das Geld für die aufwendige Arbeit nimmt, ist nicht transparent. Pressesprecher Illi will vor Ende Jahr dazu nichts sagen. Der Verein habe 1200 Mitglieder, von denen jedes einen Jahresbeitrag von 12 Franken bezahlt. Unter liberalen Muslimen wird spekuliert, dass die Organisation von Saudiarabien gesponsert wird. Dafür spräche die Tatsache, dass im Zentralrat der Koran ähnlich auslegt wird.

Die Ohnmacht der Liberalen

Wer sich im Umfeld bosnischer Migranten auskennt, kann trotzdem nachvollziehen, dass die junge Frau aus Bad Ragaz den Zentralrat um Hilfe bat. Oscar Bergamin verkehrt in der gleichen Moschee in Chur wie sie. Und als Schweizer ist er mit den Abläufen besser vertraut als Ausländer mit Sprachschwierigkeiten. Migranten haben zudem Skrupel, Behördenentscheide anzufechten.

«Viele Muslime werden den Zentralrat in dieser Frage unterstützen. Nicht, weil sie für ihn sind, sondern gegen das Kopftuchverbot», sagt Hisham Maizar, Präsident der FIDS, der grössten islamischen Dachorganisation in der Schweiz. In der FIDS ist rund die Hälfte der muslimischen Zentren zusammengefasst. Im Gegensatz zum Zentralrat, der einer Kaderpartei gleicht und daher schnell und entschlossen entscheidet, sind die Strukturen in der FIDS schwerfällig. Hingegen kann Maizar für sich in Anspruch nehmen, die Muslime zu repräsentieren.

Kopftuch auf dem Pausenplatz erlaubt

In seiner Aussage schwingt grosses Bedauern darüber mit, dass seine Methode bisher erfolglos war. Nach Auffassung der FIDS verlangt der Islam von seinen Gläubigen, sich in fremden Ländern den lokalen Verhältnissen anzupassen. «Wenn in einem Schulreglement steht, dass der Unterricht um 8 Uhr beginnt, kann man nicht einfach dagegen verstossen», sagt Maizar. Konflikte sollen nicht konfrontativ, sondern über Kompromisse gelöst werden. Zum Beispiel: Im Unterricht ist das Kopftuch verboten, auf dem Pausenplatz erlaubt.

Maizars Kritik gilt auch dem SVP-Erziehungsdirektor Stefan Kölliker. Dieser hatte den Schulen empfohlen, Kopfbedeckungen generell zu verbieten. Gemeint waren selbstverständlich Kopftücher. Kölliker tat dies, ohne mit muslimischen Organisationen vorher darüber zu reden. «Er hat einen politischen Entscheid über unsere Köpfe hinweg gefällt», so Maizar. Für Kölliker war das gar nicht notwendig. Er sagt: «Uns lagen sämtliche Informationen vor. Wir wollen Transparenz, Ordnung und Ruhe an den Schulen schaffen.»

Pubertäts-t oder Kulturkonflikt?

Ob hinter dem Kopftuchstreit in Bad Ragaz tatsächlich ein Kulturkonflikt steckt, ist fraglich. Laut der Zeitung «Sonntag», die als einzige ein ausführliches Interview mit der Familie führen durfte, hatte der Vater seiner Tochter davon abgeraten, das Kopftuch zu tragen. Sie würde sich damit nur schaden. Das deutet auf einen Pubertätskonflikt zwischen Eltern und Kind hin.

Gerne hätte der «Tages-Anzeiger» mit der Familie darüber gesprochen. Doch Bergamin blockte ab. Er macht auch ihre Medienarbeit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2010, 14:19 Uhr

Schweiz

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

Umfrage

Waren Sie schon mal in einem Pfingstlager?




AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz