Kritik an Schweinegrippe-Massnahmen: «Es gibt durchaus tragische Szenarien»
Interview: David Vonplon. Aktualisiert am 23.07.2009 22 Kommentare
«Gemächliche Ausbreitung birgt grosse Gefahren»: Beda Stadler, Professor und Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern. (Bild: Keystone)
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Herr Stadler, lange Zeit schien sich die Schweinegrippe nicht auszubreiten, im Herbst soll sie laut dem Bund doch kommen. Warum erst jetzt?
Die Schweinegrippe breitet sich nicht wie bei einem Pandemie-Virus üblich gleich von Anfang an rasant aus. Im Vergleich zur Pandemie im Jahr 1918 etwa lässt sie sich viel mehr Zeit. Damals schaffte es das Virus in sechs Wochen vom Osten der USA in den Westen. Das liegt daran, dass die Schweinegrippe einem exponentiellen Wachstum folgt: Die Zahl der Infizierten nimmt lange nicht allzu sehr zu, bis genügend Personen angesteckt wurden, dann aber breitet sich das Virus explosionsartig aus. So arbeitet die Evolution.
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat also keinen falschen Alarm ausgelöst?
Nein, davon gehe ich nicht aus, auch wenn immer noch andere Szenarien möglich sind. Die gemächliche Ausbreitung birgt aber eine grosse Gefahr: Denn je langsamer sich das Schweinegrippe-Virus verbreitet, desto wahrscheinlicher ist es, dass es sich mit der normalen Grippe oder mit einem Vogelgrippe-Virus kreuzt. Dann aber haben wir es mit einem viel gefährlicheren Virus zu tun.
Wie gross ist die Chance, dass das passiert?
Ob und wann ein Virus mit einem anderen heiratet, lässt sich nicht voraussagen; das ist wie bei einem Lottospiel. Sicher ist nur, dass eine solche Kombination alle dreissig Jahren passiert. Wenn dieses Szenario aber eintritt, die Neuansteckungen zunehmen und plötzlich mehr Todesfälle auftreten, dann sind aussergewöhnliche Massnahmen gefragt.
Wie lässt sich verhindern, dass sich dieses weit gefährlichere Virus ausbreitet?
Als Immunologe hat man da ein gespaltenes Herz: Wir müssen jetzt auf ein Szenario hoffen, das an eine Masern-Party der dümmsten Frauen erinnert: Nämlich, dass das Virus nach Möglichkeit in der Armee auftritt, harmlos bleibt und sich möglichst rasch ausbreitet. Denn das brächte den Vorteil, dass wir die Pandemie durchgeseucht und für die nächsten dreissig Jahre wieder Ruhe hätten.
Die Pharmaindustrie arbeitet fieberhaft an einem neuen Impfstoff. Ist davon auszugehen, dass dieser bis im Herbst in den nötigen Mengen vorhanden sein wird?
Auch wenn die Regulatoren und Beamten von WHO und Bund nicht müde werden zu erklären, dass die Impfstoffherstellung kein Problem darstelle: In Tat und Wahrheit haben wir ein Problem. Natürlich verfügen wir über Verträge mit den Pharmariesen, die im Fall der Schweiz wahrscheinlich eingehalten werden, weil wir über das nötige Geld verfügen. Das ändert aber nichts daran, dass sich die Gesundheitsversorgung damit faktisch in der Hand der verhassten Pharmaindustrie befindet. Denn nur einige wenige Grosskonzerne sind heute noch in der Lage, den Impfstoff herzustellen.
Wurden aus Ihrer Sicht Fehler begangen?
Ja. Denn dass der Bund heute den kommerziellen Lieferanten völlig ausgeliefert ist, müsste nicht sein: Bundesrat Couchepin hat vor ein paar Jahren die Möglichkeit vergeben, mit Berna einen lokalen Impfstoffhersteller zu erhalten. Doch er entschied sich dagegen, die 15 Millionen Franken einzuschiessen, die zum Erhalt der Firma ausgereicht hätten.
Welche negativen Folgen könnte die Abhängigkeit des Staates von der Pharma haben?
Es gibt durchaus tragische Szenarien. Denn wenn die Unternehmen finden, dass sich bei den Schweinegrippe-Impfstoffen mehr verdienen lässt als bei der traditionellen Impfung, dann fahren sie dort die Produktion zurück. Ohne Impfung hätten wir aber viel mehr Todesfälle als jene 400 bis 1000 Tote, welche die normale Grippe heute jährlich verursacht. Auch hat noch keine öffentliche Diskussion stattgefunden darüber, wer eigentlich die teuren Impfstoffe bezahlt. Obschon noch keine genauen Zahlen bekannt sind: Der neue HPV-Impfstoff kostet gegen 200 Franken, eine normale Grippeimpfung rund 50 Franken. Angesichts der 12 Millionen Impfdosen, welche das BAG bestellen will, reisst dies ein ziemlich grosses Loch ins Budget des Gesundheitssystems.
In England wird derzeit darüber beraten, ob man die öffentlichen Schulen schliessen soll. Werden solche Szenarien auch bald in der Schweiz realistisch?
Klar. Es stellen sich heute auch für uns hochinteressante Fragen: Wer darf daheim bleiben, wenn die Schweinegrippe über die Schweiz hereinbricht, und wer sollte zu Hause bleiben? Und wer darf nicht zu Hause bleiben? Oder noch lustiger: Wer ist in unserer Gesellschaft wichtiger, der Bäcker oder der Bankdirektor? Das sind Fragen, mit denen die Gesellschaft nicht gewohnt ist umzugehen. 1918 hat man den Gewerkschaften den Vorwurf gemacht, dass sie trotz der Pandemie eine grosse Kundgebung durchgeführt haben. Man sagte, deswegen seien ein paar Tausend Menschen gestorben. Glücklicherweise ist diese Frage heute aber noch nicht aktuell. Denn noch haben wir mit einem sehr harmlosen Virus zu tun.
Zum Schluss noch die obligate Frage: Was muss man tun zur Vorbeugung gegen die Schweinegrippe?
Die Leute sollen den Knigge nochmals lesen – und ihn neu interpretieren. Das heisst: Beim Husten nicht die Hände vor den Mund nehmen, sondern, auch wer einen feinen Armani-Anzug trägt, stattdessen ins feine Stöffchen am Ellbogen zu husten. Weiter empfiehlt es sich, häufig die Hände zu waschen, dazu eignet sich Seife oder auch eine Alkohollösung. Und dann auch: Distanz wahren zu anderen Menschen, die laut sprechen, denn sie haben eine feuchte Aussprache und das Virus überträgt sich in diesen kleinsten Wassertröpfchen. Schliesslich rate ich, eine Gesichtsmaske zu tragen, auch wenn es noch so doof aussieht. Dies nicht um sich selber zu schützen, sondern vor allem die Mitmenschen. Denn es geht in erster Linie drum, dass man nicht in der Welt herumspuckt.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.07.2009, 13:51 Uhr
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22 Kommentare
Zuerst wars der Rinderwahnsinn, dann die Vogelgrippe, die Bankerpest und nun die Schweinegrippe, passiert ist bei all dem eigentlich wenig. Weder der Rinderwahnsinn, noch die Vogelgrippe schon gar nicht die Bankerpest hat die Todesstatistik hier gross beeinflusst. Welche Einflüsse das Ganze auf das Einkommen von Vasella hatte kann ich nicht beurteilen, alle Ereignisse hatten sicher Einfluss. Antworten
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