«Keine Extrawurst für die BKW»

Ist der Berner Klimahistoriker Christian Pfister ein AKW-Gegner, der mit seiner Forscherkritik an der BKW das Ende des AKW Mühleberg beschleunigen will? Er dementiert – und präzisiert seine Einwände gegen die Risikoevaluation für Mühleberg.

Diese Topografie birgt Risiken, findet Klimahistoriker Christian Pfister: Bei  Intensivregen könnte nicht nur die anschwellende Aare, sondern auch ein rutschender Hang das AKW Mühleberg bedrohen.

Diese Topografie birgt Risiken, findet Klimahistoriker Christian Pfister: Bei Intensivregen könnte nicht nur die anschwellende Aare, sondern auch ein rutschender Hang das AKW Mühleberg bedrohen. Bild: Keystone

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Herr Pfister, unterschätzt die BKW das Hochwasserrisiko beim AKW Mühleberg?
Christian Pfister: Das kann ich nicht beurteilen. Weil weder die BKW noch das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) die Zahlen publik machen, mit denen sie in den Hochwasserstudien für die Schweizer AKW operieren. In meinen Augen ist da dringend Transparenz erforderlich. Ich fordere von der BKW, dass sie eine seriöse Studie für ein Aarehochwasser erstellt. So wie sie die Axpo für das AKW Leibstadt machen liess, aufgrund unserer Langzeitstudie der Rheinhochwasser seit 1286. Für die BKW darf es keine Extrawurst geben.

Gibt es denn für die Aare überhaupt so weit zurückliegende Daten wie für den Rhein?
Ja, man könnte durchaus abschätzen, wie viel Wasser während Extremhochwassern die Aare herunterfloss. Wenn die Hochwasserrisiken nicht überall so seriös und langfristig berechnet werden wie in Leibstadt, könnten nur die einen Schweizer AKW die Sicherheitschecks des Ensi überstehen, andere vielleicht nicht.

Sie haben darauf verwiesen, dass der Wohlenseestaudamm in Mühleberg ein Schwachpunkt sein könnte. Müsste ihn die BKW in ihre Sicherungsmassnahmen einbeziehen?
Diese Frage sollte die BKW von Fachleuten klären lassen, von Hydrologen oder Ingenieuren. Der Wohlenseestaudamm ist hohl. Er wurde im Ersten Weltkrieg wegen der damaligen Energiekrise in grosser Eile und mit einem Minimum an teurem Beton gebaut. Daneben gibt es wohl noch andere Risiken in Mühleberg. Die Rekordflut des Rheins von 1480 kam laut dem Berner Chronisten Diepold Schilling nach dreitägigem intensivem Dauerregen. Bei einem 10000-jährigen Hochwasser, dessen Berechnung das Ensi von den AKW-Betreibern bis Ende Juni forderte, ist noch mit längerem Dauerregen zu rechnen, der unter Umständen ganze Hänge mitsamt dem Wald ins Rutschen bringen kann. Das AKW Mühleberg steht in einem Flusstal mit relativ steilen, bewaldeten Flanken. Die AKW in Leibstadt oder Gösgen sind da weniger exponiert.

Hand aufs Herz, Herr Pfister: Wollen Sie, dass das vorübergehend abgestellte AKW Mühleberg nicht mehr in Betrieb geht?
Nein, das will ich nicht. Aber ich will, dass die BKW ihre Hausaufgaben macht.

Betreiben Sie unter dem Deckmantel der Wissenschaft Anti-AKW-Politik?
Quatsch. Ich gehöre keiner politischen Partei oder Gruppierung an. Die Rheinstudie haben wir längst vor Fukushima begonnen. Wir waren überrascht, dass sich die AKW-Betreiber dann dafür interessierten. Was wohl belegt, dass wir ohne politische Absicht forschten. Die Strategie des Bundesrates, den Atomausstieg erst mittel- und langfristig anzustreben, halte ich für geschickt. Wir brauchen Zeit, um uns darauf einzustellen. Als Wirtschaftshistoriker weiss ich, wie der Energieverbrauch stetig zugenommen hat. Wir können die Energieversorgung nicht mit einer Hauruckübung herunterfahren. Das können wir uns ökonomisch schlicht nicht leisten. Sollte sich aber das AKW Mühleberg aufgrund neuer Erkenntnisse als Sicherheitsrisiko erweisen, muss neu entschieden werden.

Sind Sie als national bekannter Papst der Klimageschichte und des Klimawandels ein rotes Tuch für die AKW-Betreiber?
Vielleicht schon, denn ich habe einen relativ guten Überblick. Aber meine Grundlagen sind greifbar, überprüfbar und angreifbar. Die BKW könnte sich damit auseinandersetzen.

Würden Sie mit der BKW diskutieren?
Natürlich. Aber unter Einbezug weiterer Fachleute. Und die Diskussion dürfte nicht im stillen Kämmerlein stattfinden.

Machte Ihnen das AKW Mühleberg schon vor oder erst nach der Havarie in Fukushima Angst?
Viele Leute haben ein kurzes Gedächtnis. Ich habe die Anfänge der Schweizer Atomenergie studiert, und mir war dabei immer klar, welche Risiken sie birgt. Bei Extremsituationen wie dem Tsunami in Japan treten halt Erscheinungen auf, mit denen niemand gerechnet hat. Die historische Klimatologie muss heute bei der Abwägung von Klimarisiken mitreden. Bei Erdbeben ist der Einbezug der Historiker längst selbstverständlich.

«Die Weltwoche» wirft Ihnen vor, dass Sie sich gern publikumswirksam verkaufen und sich vom skeptischen Klimahistoriker zum Klimahysteriker gewandelt hätten.
«Die Weltwoche» vergleicht meine Skepsis gegenüber dem Waldsterben mit meiner Haltung zum Klimawandel. Ein absurder Vergleich. Die Wissenschaft hat das übertriebene Waldsterbeszenario seinerzeit selber widerlegt. Den menschengemachten Klimawandel aber belegt sie immer präziser. Einige Leute wollen nicht begreifen, dass Forschung weder links noch rechts ist. Ich würde auch Befunde publizieren, die der politischen Rechten entgegenkommen. Etwa die ungeklärte Frage, ob es gegenwärtig wirklich mehr Unwetter gibt als früher.

Es gibt Klimatologen, die vorPublizität und der politischen Vereinnahmung der Klimaforschung warnen. Was sagen Sie?
Die Forschung muss ihre Ergebnisse in die Risikodiskussion einspeisen. Ich betrachte das auch als meine Aufgabe. Dieser Staat hat mich gefördert, also schulde ich ihm auch etwas. Den Vorwurf will ich mir nicht einhandeln, dass ich zwar von Gefahren gewusst, aber nicht vor ihnen gewarnt hätte. Ich möchte, dass die Schweiz sicher bleibt. Deshalb mische ich mich mit meinen Erkenntnissen ein. Damit wird auch weiterhin zu rechnen sein. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 20.08.2011, 13:46 Uhr)

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Christian Pfister, Klimahistoriker. (Bild: Andreas Blatter)

Mühleberg-Debatte

Der Berner Historiker Christian Pfister (66) und die Bernische Kraftwerke AG sind sich nicht grün. Der frühere Professor an der Universität Bern forscht dort heute am Oeschger-Zentrum für Klimawandel. Pfister ist ein Pionier der Klimageschichte und kritisiert aufgrund seines Wissens, dass die BKW das Risiko für ein Rekordhochwasser beim AKW Mühleberg intransparent und unpräzis berechne. Er stört sich daran, dass die BKW seine jüngste Studie über die historischen Hochwasser des Rheins nicht beachtete. Pfister und Forscherkollegen haben darin die bis jetzt längste Hochwasser-Messreihe bis ins Mittelalter vorgelegt. Je länger eine Messreihe ist, desto präziser lässt sich daraus ein 10'000-jähriges Hochwasser hochrechnen. Genau das hat das Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi bis Ende Juni von den AKW-Betreibern verlangt. Die BKW stützt sich dabei auf die Extremwasserstudie des Kantons Bern von 2007, die bloss den Umfang eines 1000-jährigen Hochwassers eruierte.

Die BKW hat im Rahmen der Risikoberechnung das AKW Mühleberg vorsorglich abgestellt. Ende August wird das Ensi sich zur Hochwassersicherheit der AKW äussern. Dann wird sich klären, wann das AKW Mühleberg wieder hochgefahren wird. Oder ob es abgestellt bleibt.svb

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