Jeder 10. Schweizer ist arm

Das Hilfswerk Caritas rechnet wegen der Wirtschaftskrise mit einem «Armutsschub». Wer am meisten gefährdet ist, arm zu werden.

Armut wird weiter zunehmen: In der Schweiz leiden schon heute etwa 900'000 Menschen unter dem Existenzminimum.

Armut wird weiter zunehmen: In der Schweiz leiden schon heute etwa 900'000 Menschen unter dem Existenzminimum.
Bild: Keystone

Die Caritas geht davon aus, dass derzeit 700'000 bis 900'000 Menschen in der Schweiz so arm sind, dass sie Hilfe vom Sozialstaat beanspruchen können. Sie rechnet zudem damit, dass diese Zahl in den nächsten Jahren als Folge der Wirtschaftskrise noch stark zunehmen wird. Angesichts der Not dieser Menschen in einem reichen Land fühlt sich Caritas verpflichtet, die Armut wieder zu einem zentralen Thema zu machen.

Sie will das Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung 2010 dazu nutzen, der Armutsbekämpfung in der Schweiz einen entscheidenden politischen und gesellschaftlichen Schub zu verleihen, wie Fulvio Caccia, Präsident von Caritas Schweiz, am Dienstag vor den Medien in Bern sagte.

«Dekade der Armutsbekämpfung»

Das Hilfswerk hat eine Erklärung formuliert, mit der es eine «Dekade der Armutsbekämpfung» in der reichen Schweiz fordert. Ziel ist es, die Zahl der von Armut betroffenen Menschen in der Schweiz zu halbieren und das Risiko der sozial vererbten Armut deutlich zu verringern. Politik und Wirtschaft müssten ihre Anstrengungen verstärken, damit diese Vorgabe bis zum Jahr 2020 erreicht werden könne, sagte Caccia. Laut Caritas-Direktor Hugo Fasel ist auch ein Aktionstag vorgesehen, um das Thema zu enttabuisieren.

An die Politik richtete Caritas-Vizepräsidentin Michele Berger-Wildhaber vier grundsätzliche Forderungen. Dazu gehört, verbindliche Ziele in der Armutspolitik festzulegen und auch zu dokumentieren, ob die Ziele erreicht werden. Für eine landesweit einheitliche Grundsicherung in der Sozialhilfe verlangt Caritas zudem ein Bundesrahmengesetz, das die grundlegenden Aspekte der Existenzsicherung und der Integration einheitlich regelt und unter anderem auch die Unterstützungsbeiträge festschreibt.

Weiter fordert Caritas, Sozialfirmen zu fördern, um auch wenig qualifizierten Menschen längerfristige Arbeitsmöglichkeiten zu eröffnen. Und schliesslich hält Caritas es auch für zentral, dass alle eine möglichst gute schulische und berufliche Ausbildung absolvieren können. Eine berufliche Erstausbildung mindestens bis zur Sekundarstufe II soll deshalb ohne Alterslimiten für alle möglich werden.

Bildungsniveau als Armutsfalle

Das Bildungsniveau gehört zu den Faktoren, die das Armutsrisiko am stärksten beeinflussen. Menschen mit schlechter Ausbildung sind mangels geeigneter Arbeitsplätze häufiger langzeitarbeitslos und verdienen in der Erwerbsarbeit oft so wenig, dass sie nicht davon leben können, wie Carlo Knöpfel, Leiter Inland der Caritas, sagte.

Eine Rolle spielen auch die Zahl der Kinder und der Wohnort mit seinen steuerlichen und sozialstaatlichen Rahmenbedingungen. Das grösste Armutsrisiko sei aber wohl die soziale Herkunft, sagte Knöpfel. Kinder aus armen und bildungsfernen Haushalten seien deutlich gefährdeter, im Erwachsenenalter wieder zu den Armen zu gehören, als Kinder aus gut situierten Haushalten. (tan/ap/)

Erstellt: 30.12.2009, 09:16 Uhr

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