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Japans Medien versuchen in Bern das Rätsel um Kim Jong-un zu lösen

Von Stefan von Bergen. Aktualisiert am 11.09.2010 1 Kommentar

Kim Jong-un könnte bald zu Nordkoreas Thronfolger gekürt werden. Deshalb studieren Japans Medien seine angeblichen Schuljahre in Bern. Und stricken eifrig mit an der finsteren Legende vom jungen Mann.

Schule der Demokratie für Diktatorensohn? Der angeblich designierte Staatschef Nordkoreas soll um 2000 im Steinhölzli-Schulhaus, Liebefeld, den Unterricht besucht haben.

Schule der Demokratie für Diktatorensohn? Der angeblich designierte Staatschef Nordkoreas soll um 2000 im Steinhölzli-Schulhaus, Liebefeld, den Unterricht besucht haben.
Bild: Susanne Keller

Auf einem Schulfoto: Dieser junge Mann soll Kim Jong-un sein. (Bild: zvg)

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Shinji Inada ist eigens aus Paris angereist. Der japanische Journalist hat sich an der Kirchstrasse in Berns Vorort Liebefeld eines von mehreren identischen Reihenhäusern aus rötlichem Backstein angeschaut. Und er ist zum nahen Steinhölzli-Schulhaus spaziert, einem austauschbaren Flachdachbau.

Der Paris-Korrespondent der Tageszeitung «Asahi Shinbun» besucht sonst aufregendere Orte. Sein Arbeitgeber in Tokio gibt ein Weltblatt mit einer Auflage von 8,5 Millionen Exemplaren heraus. Derzeit verfolgt Inadas Zeitung eine Story, in der ausgerechnet das unspektakuläre Liebefeld ein Schauplatz ist. Es geht um Kim Jong-un, den jüngsten Sohn von Präsident Kim Jong-il aus dem maroden Unterdrückerstaat Nordkorea. Gemäss Geheimdienstgerüchten und laut den Büchern von Kims einstigem Leibkoch soll der Diktatorensohn aus dem bösen Land in Liebefeld gewohnt und dort vor gut 10 Jahren die Schule besucht haben.

Gier nach Nordkorea-News

Im fernen Japan ist diese für uns banale und vielleicht unwahre Geschichte von enormem Interesse. Denn die Launen von Nordkoreas unberechenbarer Führung könnten Japan ans Lebendige gehen. Tokio liegt in Reichweite von Kim Jong Ils Atomraketen, mit denen er die Nachbarn und die Welt reizt.

Die Japaner sind versessen auf News aus dem bizarren Herrscherzirkel und blicken deshalb gespannt nach Pyongyang, das sich herausputzt für den ersten Kongress von Nordkoreas Arbeiterpartei seit 44 Jahren. Dort soll der heute 27- oder 28-jährige Kim Jong-un als Thronfolger des von einem Schlaganfall gezeichneten Kim Jong-il präsentiert werden. Letzte Woche hat Un seinen Vater laut Medienberichten womöglich im gepanzerten Reisezug zum Antrittsbesuch ins verbündete China begleitet. Wird Kim Jong-un inthronisiert, dann will man in Japan wissen, wie der künftige Staatschef tickt, von dem man einen Entspannungskurs erhofft.

Phantom von Liebefeld

Deshalb erforscht Shinji Inada nun akribisch die Zeit, die der Sohn von Nordkoreas «geliebtem Führer» in Liebefeld verbracht haben soll. «Kim Jong-un ist eine völlig unbekannte, abgeschirmte Person, es existiert nicht einmal ein aktuelles Bild von ihm. Nur in Liebefeld ist er ausserhalb von Nordkorea aufgetaucht», erklärt Inada in einem Berner Sushi-Restaurant, was ihn antreibt.

Auch wenn die Spuren spärlich sind und Un damals 15 Jahre jung war: Das hat Inada nicht davon abgehalten, nach Liebefeld zu pilgern. Nur hier kann man Orte besichtigen, wo sich der junge Kim wohl aufgehalten hat. Und offen mit Leuten reden, die ihn gekannt haben. Es gibt gar Fotos des jungen Mannes an Schulanlässen.

Als die Bilder vor einem Jahr auf Facebook und anderswo auftauchten, fielen japanische und südkoreanische Fernsehteams rüde in Liebefeld ein. Mit Paparazzimethoden bestürmten sie frühere Mitschüler. Und sie belagerten das Steinhölzli-Schulhaus wie auch die International School beim Bahnhof Gümligen, wo angeblich Uns älterer Bruder Kim Jong Chol Schüler gewesen sein soll. Die Gemeinde Köniz sah sich zu einer Medienkonferenz im Steinhölzli-Schulhaus genötigt und erklärte da, dass von 1998 bis 2000 in der Tat ein Nordkoreaner, offiziell der Sohn eines Botschaftsangestellten, die Schule besucht habe. Dass es der Sohn des Staatschefs sei, bestätigte aber weder die Gemeinde Köniz noch irgendeine andere Behörde.

In Obhut des Botschafters

«Es wurde aber bis jetzt auch nie dementiert», sagt Shinji Inada. Er ist deshalb überzeugt, in Liebefeld nicht bloss einem Phantom nachzujagen. Überdies habe der junge Mann selber erzählt, er sei Kim Jong Ils Sohn. Tatsächlich hat der frühere Mitschüler Joao Micaelo gegenüber dieser Zeitung bestätigt, dass ihm sein koreanischer Freund ein Foto mit ihm an der Seite des Staatschefs gezeigt habe. Er, Micaelo, habe ihm aber nicht geglaubt, dass das sein Vater sei.

Inada rekonstruiert aus Puzzleteilchen den Berner Lebensabschnitt des jungen Kims, der unter dem Namen «Un Pak» die Schule besucht haben soll. Der 1983 oder 1984 geborene Un soll Mitte 1990er-Jahre in die Obhut des in Muri bei Bern residierenden Botschafters Ri Tcheul gekommen sein. Dass Ri, dem direkte Drähte zum Herrscherzirkel in Pyongyang nachgesagt werden, nach langen Berner Jahren im Mai in die Heimat zurückkehrte, könnte mit Uns Aufbau zum Kronprinzen zu tun haben, spekuliert Inada.

Kim im heilsamen Heidiland

Die Rechercheausbeute von Inada und seinen Kollegen bleibt mager. Sie haben von einstigen Mitschülern bloss gehört, der Kollege aus Nordkorea sei nett, fleissig, ehrgeizig und ganz normal gewesen. Er habe leidlich Englisch und auch Berndeutsch gesprochen, gerne Basketball und Pingpong gespielt sowie Jackie-Chan-Filme angesehen. Was für ein Mensch sich hinter dem rundlichen Gesicht des Jungen verbirgt, haben die japanischen Journalisten nicht erfahren. Sie stricken vielmehr mit an der Legende vom rätselhaften Liebefelder Prinzen aus dem Land des Bösen.

Shinji Inada widerspricht. Er studiere den Aufenthalt von Kim junior mit einer bestimmten Hoffnung: dass die wohlhabende, demokratische Schweiz einen positiven, mässigenden Einfluss auf den Diktatorensohn gehabt habe. Einen Einfluss, der dereinst den geknechteten Nordkoreanern und den Nachbarstaaten zugutekomme.

Wenn Inada von seiner Recherchetour in Liebefeld berichtet, scheint er von der Reise in ein Paradies namens Schweiz zu erzählen, in dem man geheilt wird. Wie die kranke Städterin Klara auf der Alp von Heidi und dem Alpöhi.

Westliche Projektion

Auch Barbara Demick, Korrespondentin der «Los Angeles Times» in Peking, erkundigt sich in Bern telefonisch nach Kim Jong-uns Zeit im Liebefeld. In der renommierten Zeitschrift «The New Yorker» hat sie kürzlich aufgrund von Aussagen geflohener Nordkoreanerinnen einen beklemmenden Report über die Lage im Land verfasst. Was kümmern sie da Gerüchte um King Jong-uns stille Tage in Liebefeld? «Ich interessiere mich für unseren Blick auf diese Figur, für das überhöhte Bild, das wir im Westen uns von ihr machen», sagt Demick.

Shinji Inada weiss, dass sein Bild vom geheilten Kim wohl eine Illusion ist. Um das zu verstehen, sei es aber gut gewesen, nach Liebefeld zu kommen. In den Gesprächen mit Mitschülern habe er begriffen, dass Un bloss einen eng begrenzten Auslauf an der kurzen Leine seiner Aufpasser genossen habe. Basketballspiele und Jackie-Chan-Filme hätten aus ihm keinen Demokraten gemacht. «In den paar Schuljahren hat er nicht die Ausbildung erhalten, die ihn befähigen würde, sein Land zu managen oder gar zu reformieren.»

Tragische Figur

Korrespondent Inada wird seinem Publikum in Japan aus Liebefeld die «Geschichte einer tragischen Figur» übermitteln, «die ein paar Jahre im Westen spielen durfte, aber gefangen blieb im hermetischen Herrscherzirkel». Dieser werde Un nun eng kontrolliert zur Macht geleiten, vermutet Inada. Man hört bei ihm Mitleid mit dem privilegierten Herrschersohn heraus. Wie zur Bestätigung sagt Inada, dass Kim Jong Un wohl «ein einsamer Mensch» sei. «Er musste alle Verbindungen abbrechen. Die Liebefelder Kameraden haben nie mehr von ihm gehört.» Sein Berndeutsch habe Kim wohl längst vergessen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.09.2010, 19:10 Uhr

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1 Kommentar

Akio Mori

12.09.2010, 07:29 Uhr
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Aha, jetzt kritisiert der linke TA schon namentlich japanische Journalisten wegen kritischer Recherchen. Vielleicht sollte der TA besser mal kritischer mit Nordkorea und mit sich selber sein. Waer ja eine schoene Schweinerei wenn da ein Regime seine Sproesslinge auf Kosten der Schweizer Steuerzahler ausbilden liesse. Antworten


Christian Dürig

12.09.2010, 14:48 Uhr
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So wie die Griechen zur Zeit von Platon schon Funkgeräte kannten (alle Ausgrabungen haben keine Drähte nachweisen können), lässt sich schliessen, dass in der Schweiz nur Füchse leben (keine Spuren auffindbar). Eine Frage bleibt: Was will Herr Stefan von Bergen mit diesem Artikel erreichen? Warum kooperieren wir nicht besser? Weshalb bleibt alles so schleierhaft? Wie viel Geld ist im Spiel? Antwort Antworten




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