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In der gefährlichsten Deponie der Schweiz

Von Stefan von Bergen. Aktualisiert am 17.09.2011 1 Kommentar

Im Zwischenlager Würenlingen blickt man in einen Abgrund von Zeit. Hier ruht die schier endlos strahlende Hinterlassenschaft der AKW. Hier kann man den enormen Aufwand studieren, mit dem man das Risiko der Atomkraft zu bändigen versucht.

Die innerste Zone des Zwischenlagers Würenlingen: Jenseits  der Warntafel stehen in der gewaltigen Lagerhalle strahlensichere Behälter gefüllt mit alten AKW-Brennstäben.

Die innerste Zone des Zwischenlagers Würenlingen: Jenseits der Warntafel stehen in der gewaltigen Lagerhalle strahlensichere Behälter gefüllt mit alten AKW-Brennstäben.
Bild: Keystone

Wäre man nicht unterwegs zum nationalen Zwischenlager des radioaktiven Abfalls, würde man den Wegweiser wohl übersehen. Er zeigt zum Denkmal an jener Stelle, wo sich am 21.Februar 1970 eine von palästinensischen Terroristen gesprengte Swissair-Maschine in den Wald beim Aargauer Dorf Würenlingen bohrte. Der Absturzort ist bloss einen Kilometer entfernt von der 2001 in Betrieb genommenen Hochsicherheitsdeponie, die den strahlenden Müll der Schweizer Atomkraftwerke (AKW) beherbergt.

Wo das Risiko lauert

Der Wegweiser im Wald diktiert die erste Frage an den Verantwortlichen in der Eingangshalle: «Herr Heep, übersteht Ihre Anlage einen Flugzeugabsturz?»

Walter Heep, CEO des Zwischenlagers für radioaktive Abfälle (Zwilag), hat die Frage erwartet. Erwartbar sind auch seine Technikerantworten. Die massive Hallendecke sei absturzsicher, versichert er. Jeder strahlensichere Atommüllbehälter sei überdies mit einem Betondeckel geschützt. Über Vorkehrungen gegen Terrorangriffe aber gebe er keine Auskunft.

Noch Fragen? Ja. Ist das Zwilag unter der Anflugschneise des nahen Flughafens Zürich-Kloten nicht reichlich exponiert? «Das grösste Risiko besteht beim Transport des Atommülls, je kürzer die Wege, desto sicherer», erklärt Heep. Weshalb das Zwilag ideal liege: nah bei den AKW-Standorten Beznau, Leibstadt und Gösgen. Nur von Mühleberg her sei der Transportweg länger. Aber die Berner seien ja wohl froh, sei das Zwilag nicht vor ihrer Haustür, lächelt Heep.

Gespenstischer Zeithorizont

«Herr der Halbwertszeit» haben ihn Journalisten genannt. Der gemütlich wirkende Ingenieur aus dem Ruhrgebiet mag die Bezeichnung nicht. Den zähen Zerfall der radioaktiven Strahlung kann er nicht beeinflussen. Heep kann dafür sorgen, dass die Abfälle aus den laufenden Schweizer Atomkraftwerken in dem von ihren Betreibern finanzierten Zwilag sicher verglühen. Die Öffentlichkeit hat sich bis jetzt wenig für die Anlage interessiert. Kaum jemand will den vollen Preis kennen, den wir unter dem Strich für den billigen Atomstrom zahlen.

Seit Fukushima und der Debatte über den Atomausstieg, zu dem sich nächste Woche der Ständerat äussert, wächst nun das Interesse am und der Besucherzustrom im Zwilag. Denn hinter dessen Sicherheitsschleusen und meterdicken Betonwänden lässt sich studieren, mit welch enormem Aufwand man die Risiken der Atomkraft zu bändigen versucht. Und dass die Zwilag-Betreiber so etwas brauchen wie einen Glauben an die Beherrschbarkeit einer Technologie, die mit einem gespenstischen Zeithorizont operiert, bis zu dessen Ende kein Mensch denken kann.

Im Zwilag blickt man in die schier endlose Zukunft der Atomenergie, aber im mehrtausendjährigen Lagerungsprozess ist es bloss eine Episode. Der Atommüll soll in einem unterirdischen Endlager begraben werden. Die neu lancierte Suche nach einem Standort dauert aber schon fast 40 Jahre. Niemand will ein Tiefenlager vor seiner Haustür. Sagt das Schweizervolk in vielleicht 10 Jahren dazu an der Urne Nein, könnte sich das oberirdische Zwischenlager als Endlager erweisen.

«Dafür ist es nicht ausgelegt. Ein Tiefenlager wird kommen, das ist Gesetz», widerspricht Heep. Was macht ihn so sicher? «Die Einsicht wird reifen, dass man das Abfallproblem nicht künftigen Generationen überlassen kann.» Heep (59) hofft, die Eröffnung des Tiefenlagers noch zu erleben. Es könnte knapp werden. Frühestens 2030 soll es nach dem Fahrplan des Bundesamts für Energie so weit sein.

Im weissen Arztkittel

«Gehen wir rein», bläst Heep zum Aufbruch auf den langen Marsch durch Trakte und Flure bis in die innerste Zone mit den heissesten Abfällen. In einer Garderobe lassen wir alle Gegenstände zurück, woran sich radioaktive Partikel andocken könnten. Nur die Kamera des Fotografen darf mit rein. Über die Schuhe ziehen wir weisse Schutzhüllen – eher gegen Schmutz als Strahlung –, über die Kleider einen weissen Arztkittel. Gesicht und Hände bleiben unangenehm nackt. «Selbst in der Lagerhalle für hoch radioaktive Abfälle gibt es kaum Strahlung», beruhigt Heep. Er checkt sein elektronisches Dosimeter. Es zeigt 0 Mikrosievert. Zügig schreitet Heep voran und erzählt, dass Besucher seit Fukushima mehr Fragen stellen. Etwa über die Abklingbecken, in denen dort Brennelemente ungekühlt strahlen. Er erkläre dann, dass es im Zwilag keine Abklingbecken gebe. «Die befinden sich bei den AKW, wo sich der Abfall erst abkühlen muss, bevor er zu uns transportiert werden kann.» Was das Zwilag besorgten Fragern aber demonstrieren könne: «wie hier konzentriert und sicher täglich mit verstrahltem Material gearbeitet wird».

Dreifach gereinigte Steine

Wie das geht, führen zwei winkende Männer in Astronautenanzügen hinter dem Sicherheitsglas der einfamilienhausgrossen Beta-Gamma-Box vor. Sie sortieren schwach verstrahlte Kieselsteine aus einem Haufen Sand. Er stammt aus einem Oberwasserkanal des AKW Beznau. Die Männer reinigen Stein um Stein. Es soll möglichst wenig radioaktiver Müll anfallen.

Ein paar Schritte weiter tastet ein Mann ohne Kopfschutz mit einem Dosimeter noch einmal jeden Kieselstein ab, den die Kollegen in der Box schon bearbeitet haben. Die «freigemessenen» Steine, erklärt Heep, würden eine Woche gelagert und noch ein drittes Mal untersucht vom Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi. Der Aufwand und die Sorgfalt beeindrucken. «Das räumen sogar Atomgegner ein», sagt Heep.

Erst im Nachhinein wundert man sich: Ist dieses Material aus einem Oberflächenkanal am Ende doch gefährlicher, als man denkt, wenn man es im Raumanzug dekontaminieren muss? Der enorme Sicherheitsaufwand kann einen auch verunsichern.

Himmelblaue Verlorenheit

Wir gleiten mit dem Lift hinunter in das Gangsystem, das die Hallen des Zwilag unterirdisch verbindet. Überall herrscht himmelblau gestrichene Verlorenheit vor. Es riecht nach nichts. Die Gänge zur innersten Zone des Mülls sind klinisch sauber. Walter Heep öffnet Tür um Tür, an der nichts angeschrieben ist. Hinter jeder Tür sieht es wieder gleich aus wie vorher. Unbefugte Eindringlinge würden sich verirren. «Wir haben hier unten noch keinen verloren», lächelt Heep.

In den bis zu 100 Meter langen Gängen verkehren unbemannte Fahrzeuge, die orange Fässer mit schwach verstrahltem Material verschieben. Menschen sind kaum unterwegs. Ihre Körperfunktionen sind hier unten ohnehin hinderlich. Um die Verbreitung von Strahlenpartikeln zu verhindern, gibt es im Gangsystem keine Toiletten, Essen und Rauchen ist untersagt.

An einem Wandtelefon meldet uns Heep nun an. Wir sind da. An der Pforte zur Zone, wo der gefährlichste Abfall der Schweiz lagert. Heep öffnet den einen Flügel einer schweren Doppeltür. Sie geht wieder zu, und wir sind gefangen in einer Schleuse. Heep zeigt einem Hightechlesegerät an der Wand seine rechte Hand. Es checkt das Muster seiner Adern, erkennt es wieder. Geräuschlos schwingt ein Flügel der zweiten Tür auf.

In der Strahlen-Kathedrale

Den Reifenspuren auf dem Boden nach zu urteilen, ist es eine riesige Garage, in der wir nun stehen. Offiziell heisst sie Empfangshalle. Mehrere Sattelschlepper mit ihrer strahlenden Fracht können hier reinfahren und werden als Erstes einer minutiösen Messkontrolle unterworfen. Gut 10 Meter hohe Schiebetore an der Wand deuten auf zwei gewaltige Schliessfächer, in denen die Behälter mit hoch radioaktivem Material eine Woche lang zur Dichteprobe eingestellt werden. In der innersten Zwilag-Zone wirkt alles ein paar Nummern zu gross.

«Jetzt geht es ans Eingemachte», witzelt Heep. Wir legen die weissen Kleider ab und betreten einen Raum von 25 Meter Höhe, in dem sich das Volumen von zwei Dutzend Turnhallen unterbringen liesse. Es ist totenstill in der Strahlen-Kathedrale. Man bleibt respektvoll stehen, hält Abstand von den 6 Meter hohen, sogenannten Castor-Behältern in Reih und Glied. Trotz kühler, cleaner Technik herrscht eine sakrale Stimmung. Dem Fotografen kommen die Behälter vor wie Götzenstatuen.

Etwas abseits stehen zwei deutlich kleinere Behälter. Mit ihnen, erklärt Heep, wird alle zwei Jahre strahlender Müll aus Mühleberg ins Zwilag gebracht. Denn die grossen Behälter, die bis zu 97 abgebrannte Brennstäbe enthalten, wären zu schwer, um mit ihnen vom AKW Mühleberg unten an der Aare die steile Strasse hochzufahren.

Nach zwei Jahren noch heiss

Am Absperrband mit der Aufschrift «Kein Zutritt – Kontrollbereich – Vorsicht Strahlung» turnt eine Spinne herum. Am Boden liegen Blütenblätter, feine Äste. Um von einer Stromquelle unabhängig zu sein, ist die grosse Halle mit Naturzugluft gekühlt, die von aussen angesogen wird und Spuren der Natur hereinwirbelt. Im Winter könne es kühl werden, sagt Heep. Jetzt lastet in der Halle noch die von der Abwärme der Behälter verstärkte Sommerhitze.

Etwas zaghaft übersteigen wir das Band. «Keine Angst, kommen Sie näher», sagt Heep. Die 15 Zentimeter dicken Wände der Castor-Behälter halten die Radioaktivität ab. Aber nicht die ganze Hitze. «Halten Sie mal Ihre Hand hin», fordert Heep auf. Man zieht sie gleich wieder zurück. Noch fast 40 Grad warm ist die Aussenwand eines Behälters mit Abfall aus Mühleberg, der schon seit zwei Jahren im Zwilag ist. Im Behälter drin ist es 300 Grad heiss.

Dreierlei Grenzwerte

Heep konsultiert sein Dosimeter. Es zeigt jetzt 1 Mikrosievert an. Ist das schädlich, Herr Heep?

Ein normaler Besucher, erklärt er kühl, darf im Jahr einer Strahlung von 1000 Mikrosievert ausgesetzt sein. Den Angestellten des Zwilag mutet man im Jahr eine Dosis von maximal 20000 Mikrosievert zu – und untersucht sie regelmässig medizinisch. Für die Arbeiter in Fukushima ist der jährliche Grenzwert auf umstrittene 250000 Mikrosievert erhöht worden, damit sie länger in der heissen Zone Aufräumarbeiten erledigen können.

33 Riesenmilchkannen sind in der Halle mit hoch radioaktivem Abfall gefüllt. Sie belegen gerade mal 17 Prozent des Lagerraums. Es soll, sagt Heep, genug Platz sein für alle Abfälle, die anfallen, bis die laufenden fünf Schweizer AKW dereinst abgestellt werden. Man rechne mit insgesamt 100000 Kubikmeter Raum, dem Volumen der Zürcher Bahnhofhalle.

Angst vor der Atomfabrik

Wir verlassen die innerste Zone wieder durch die Schleuse mit den beiden Doppeltüren. Heeps Dosimeter zeigt jetzt 3 Mikrosievert an. In der Garderobe geben wir Arztkittel und Schuhschoner ab zur Dekontaminierung. Wir waschen gründlich die Hände. Man horcht kurz in seinen Körper hinein, ob da was zwickt.

Wir haben nicht das ganze Zwilag gesehen. Es gibt Bereiche, in die man nicht im weissen Arztkittel reinspazieren kann. Vor allem die «heisse Zelle», von der die «SonntagsZeitung» sprach, als sie enthüllte, dass bei einem künftigen Tiefenlager auch eine Atomfabrik gebaut wird, in der der hochgefährliche Atommüll in kleinere Endlagerbehälter umgeladen wird.

«Atomfabrik?» Heep lacht über das Wort. Warum? Weil so getan würde, als sei da etwas Grosses, Gefährliches verschwiegen worden. «Wer sich mit Tiefenlagern beschäftigt, weiss, dass ein solcher Umladeort dazugehört. Aber von der Endlagerung wollen eben die meisten Leute nichts wissen.» Von einer Fabrik zu reden, sei eine «hysterische Übertreibung». Die «heisse Zelle», wie es hier im Zwilag eine gebe, sei viel kleiner als eine Fabrik.

In der Zelle werden etwa die Brennelemente aus Mühleberg von den kleinen Transportbehältern in die grossen Lagerbehälter umgeladen, erklärt Heep. Das geschehe selbstverständlich «fernhantiert» in einem besonders gesicherten Bereich, der wie ein Atomreaktor durch ein Containment, eine 1,5 Meter dicke Betonhülle, geschützt sei.

Der monströse Ofen

Heep führt uns noch in die Kommandozentrale für den Plasmaofen. Darin werden leicht kontaminierte Stofflappen, Handschuhe oder Filtereinlagen zu Asche verglüht. Auch dieser Ofen ist monströs geraten. Er braucht eine Woche, bis er seine Betriebstemperatur von bis zu 1500 Grad erreicht hat. Drei Monate lang läuft er dann rund um die Uhr, eine ganze Woche kühlt er nach dem Einsatz wieder ab.

Eben gab es bei einem ähnlichen Ofen zur Vernichtung leicht radioaktiver Abfälle in der südfranzösischen Nuklearanlage Marcoule eine Explosion. Deren Ursache sei noch nicht bekannt, er könne sich dazu nicht äussern, sagt Heep. Er betont aber, dass der Plasmaofen im Zwilag ein entscheidendes Element sei, um das Volumen der kontaminierten Stoffe zu reduzieren. Heep nennt eine Zahl, in der das Verdienst seiner Anlage und sein ganzer Stolz drinstecken: 80 Prozent des ins Zwilag angelieferten verstrahlten Materialvolumens werde so dekontaminiert, dass man es wieder «in den normalen Recyclingzyklus einspeisen» könne. Für Heep folgt daraus, dass sich der Aufwand im Zwilag lohnt.

Park des 20.Jahrhunderts

Wir schütteln uns zum Abschied die gründlich gewaschenen Hände, und Heep zeigt noch einmal sein Dosimeter. Es steht immer noch auf 3 Mikrosievert. Das Atom, scheint die kleine Zahl zu flüstern, ist beherrschbar.

Draussen gehen wir an den Trakten des 1988 erbauten Paul-Scherrer-Instituts (PSI) für Natur- und Ingenieurwissenschaften vorbei, neben dessen Gelände das Zwilag steht. Schon 1968 wurde hier zwischen Wald und Aare der Forschungsreaktor «Proteus» gebaut. 1969 und 1971 gingen ein paar Aarewindungen flussabwärts die Reaktoren des AKW Beznau in Betrieb.

Man kommt sich vor wie in einem Technologiepark des 20.Jahrhunderts. Das PSI, der Forschungsreaktor und die nahen AKW atmen einen ungebrochenen Fortschritts- und Technologieglauben. Dass dieser Grenzen hat und erschütterbar ist, davon erzählen das Hochsicherheitszwischenlager und das Denkmal für die 47 Toten von 1970 auf der Absturzstelle, an der man jetzt im Wald von Würenlingen wieder vorbeifährt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.09.2011, 10:11 Uhr

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1 Kommentar

Werner E. Roth

26.09.2011, 11:50 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Kerntechnologie beinhaltet nicht nur Kernkraft zur Erzeugung von elektr. Energie. Die Abfälle, die entstehen bei der Bestrahlung von an Krebs erkrankten Patienten gehören auch dazu. Zudem hätte die Schweiz das Entsorgungsproblem schon längst gelöst, wenn nicht linksextreme Kreise dagegen ankämpfen würden. Die gleichen Leute, die gegen Kernkraft sind mit dem Argument der fehlenden Entsorgung. Antworten




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