«Im Widerspruch zu den Menschenrechten»

OrganspendenDer Nationalrat will die Organspende zum Normalfall erklären. Die Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle erklärt, warum dieser Vorschlag so gefährlich sei. Wenn der Staat über die Körper seiner Bürger verfüge, stehe die Demokratie auf dem Spiel.

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Frau Baumann-Hölzle, der Nationalrat möchte für die Organspende die sogenannte Widerspruchslösung einführen. Nur wer sich zu Lebzeiten aktiv dagegen ausspricht, kommt nicht für eine Organspende infrage. Ist dieser Entscheid ethisch korrekt?
Aus meiner Sicht widerspricht er dem Grundverständnis der Menschenrechte. Wir setzen damit eines unserer wichtigsten Grundrechte aufs Spiel: Nämlich dass die Menschen gefragt werden müssen, bevor etwas mit ihnen passiert. Auf dieser Vorstellung basiert ja auch unser Wahl- und Abstimmungsrecht.

Und wie hängt die Demokratie mit unseren Organen zusammen?
Bei der Widerspruchslösung kann der Staat über unseren Körper verfügen. Er dringt ein in unsere körperliche Integrität.

Aber dient dieses Eindringen nicht einem guten Zweck? Der Staat könnte dadurch unzählige Menschenleben retten.
Wenn wir damit anfangen, die Lebenserhaltung eines Menschen höher zu gewichten als die körperliche Integrität eines anderen, dann könnte man durchaus argumentieren, dass alle dazu verpflichtet werden sollten, ihre Stammzellen oder eine ihrer Nieren zu spenden.

Kann man denn lebende und tote Organspender in einen Topf werfen?
Die Frage, die sich zuerst stellt, ist eine andere: Wann ist ein Mensch wirklich tot? Menschen dürfen heute schon vor dem Eintreffen des Hirntodes medizinisch auf eine Organentnahme vorbereitet werden. Dies ist möglich, wenn der Entscheid getroffen worden ist, lebenserhaltende Massnahmen abzustellen. Gerade bei solchen Patienten finde ich die Widerspruchslösung höchst problematisch. Und wenn wir bei den Organspenden diese Zwangssolidarität einführen, dann müssen wir konsequent weiterdenken, was die nächsten Schritte sein könnten. Dann sind wir auch ganz schnell bei anderen Zwangsmassnahmen. Denn im Grunde geht es darum, dass der Staat eine ganz neue Macht erhält.

Ist unsere Gesellschaft denn nicht auch darauf angewiesen, dass sich zumindest ein grosser Teil der Menschen moralisch zur Solidarität verpflichtet fühlt?
Das ist ganz heikel. Ein Beispiel von Zwangssolidarität ist die Zwangsimpfung. Diese wiederum ist aus meiner Sicht nur dann gerechtfertigt, wenn es darum geht, eine Epidemie zu verhindern.

Bei den Organspenden kann ja immer noch jeder frei entscheiden. Die Menschen müssen sich nur äussern.
Das ist einfacher gesagt als getan. Nicht alle Menschen in unserer Gesellschaft haben die gleichen Möglichkeiten, sich mit diesem heiklen und anspruchsvollen Thema auseinanderzusetzen. Personen aus bildungsfernen Familien zum Beispiel sind eindeutig benachteiligt.

Bei Umfragen erklären sich immer viel mehr Menschen bereit, ihre Organe zu spenden, als es tatsächlich Spenderausweise gibt. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?
Wenn die Leute befragt werden, reagieren sie spontan. Grundsätzlich scheuen sich aber viele, sich mit diesem Thema zu befassen. Andere haben dieses Grundgefühl, dass sie ihre körperliche Integrität behalten wollen – vor und nach dem Tod. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 13.09.2013, 14:30 Uhr)

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Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle ist Mitbegründerin und Leiterin von Dialog Ethik, ein interdisziplinäres Institut für Ethik im Gesundheitswesen. Sie war und ist an interdisziplinären Nationalfonds-Forschungsprojekten im Bereich Medizin, Pflege und Ethik beteiligt. Seit 1998 ist sie Mitglied der kantonalen Ethikkommission Zürich und seit 2001 Mitglied der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin. (Bild: Keystone )

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