Schweiz
Im Verhältnis zum Volk gibts nur eine harte Währung: Vertrauen
Von Markus Eisenhut. Aktualisiert am 31.07.2010 21 Kommentare
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David Gelernter (55) ist ein brillanter Kopf der Software-Entwicklung. Als wegen der Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafijallajökull ausgeklügelte Computermodelle Europas Flugverkehr ins Chaos stürzten, publizierte der Yale-Professor in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» über die Gefahren der Software-Gläubigkeit. Unter dem Titel «Die Aschewolke aus Antiwissen» schrieb der Amerikaner, dass unser ständig wachsendes Vertrauen auf Software-Simulationen zu einer intellektuellen Knechtschaft führe, der Software-Staat ein Bevormundungsstaat par excellence sei.
Computersimulationen standen auch am Anfang der globalen Wirtschaftskrise. Hochkomplexe, von mathematischen Modellen getriebene Finanzvehikel überrollten den Hypothekenmarkt der USA. Kaum auf den Risikogehalt überprüfbar und kaum von jemandem verstanden, eigneten sie sich ideal zur Täuschung von Anlegern, Aufsicht, Staat, Politik und Medien.
Autopilot und Simulationen
Die Notwendigkeit von Simulationen steht nicht prinzipiell zur Debatte. Das Problem ist aber, dass diese Simulationen so sehr als Gewissheit gehandelt werden, dass sie Entscheidungsprozesse einleiten, die kaum Platz lassen für Erfahrung, für Intuition, für Instinkt, Spürsinn und gesunden Menschenverstand.
Warum aber schalten ganze Gesellschaften immer häufiger im blinden Vertrauen auf Computermodelle auf Autopilot? Warum lassen sich Politiker, Institutionen und auch Medien periodisch von Simulationen verführen?
Suche nach Sicherheit
Es ist erstens die Suche nach Sicherheit in Zeiten des Zweifels, der Bedrängnis, der Zukunftsangst. Und es ist zweitens der Mangel an Persönlichkeiten, die in dieser komplex gewordenen Welt, in dieser auf Geschwindigkeit ausgerichteten Wissensgesellschaft Wegweiser und Herr der Lage sein wollen. Es mangelt an Persönlichkeiten, die sorgfältig komplizierte Sachverhalte überprüfen und darlegen, die Erklärungen liefern, die der Bürger auch begreift. Es mangelt an Persönlichkeiten, die den Computermodellen mit Skepsis begegnen, die gewillt sind, Instanzen des Ein- und Widerspruchs zu sein. Und es mangelt an Per-sönlichkeiten, die sich auflösenden Prinzipien und Grundwerten wieder eine Stimme verleihen in der Öffentlichkeit. Wie Verlässlichkeit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit.
Gibt es in der Schweiz diese Persönlichkeiten? Natürlich.
Gibt es sie auch in unserer politischen Führung? Die Bürgerinnen und Bürger zweifeln. Gemäss der ETH-Studie «Sicherheit 2010» konnte zwar ein signifikanter Vertrauensgewinn in die meisten Institutionen festgestellt werden. Das Parlament und explizit der Bundesrat verloren indes massiv an Vertrauen. Je schlechter die Befragten ausgebildet waren, desto weniger vertrauten sie Bundesrat und Parlament. Das Verdikt erstaunt nicht angesichts des jüngsten Leistungsausweises: Finanzkrise, UBS-Krise, Libyen-Affäre, Fichenskandal; es wurde gemauschelt, gelogen, vertuscht und verraten. Dass durch die Absenz von Ehrlichkeit und Transparenz die Substanz unserer Demokratie unterminiert wird, dass sich an der Basis Staatsverdruss breitmacht, ist keine Überraschung.
Die Schweiz ist keine Insel. In ganz Europa zollten die politischen Machthaber den Grundwerten der Gesellschaft zu wenig Respekt. Politisch zurechtgebogen wurde zuletzt der Fall Griechenland. Die Spekulation habe Griechenland an den Rand des Staatsbankrotts und damit den Euro in die Krise getrieben, argumentierte die Politik. Genau genommen waren es jedoch die Politiker, die über Jahre hinweg ein Anspruchsdenken auf Pump geschaffen haben, Politiker, die sorglos in Kauf nahmen, dass die Gegenwart auf Kosten der Zukunft ausgebeutet wurde.
Adieu, Schönwetterpolitiker
Die Zeit dieser Schönwetterpolitiker, die sich selber in die Tasche logen und jetzt kleinkrämerisch die Krise angehen, muss in Europa endlich ablaufen. Die Zeit der Schönwetterpolitiker sollte auch in der Schweiz ablaufen. Zwar kam unser Land bemerkenswert gut durch die Wirtschaftskrise, ist unsere Arbeitslosenquote im europäischen Vergleich vorbildlich tief, der Beschäftigungsgrad sehr hoch. Doch der aktuellen politischen Elite mangelt es an Führungsstärke. Wo ist der Bundesrat, der den Mut hat, das eigene politische Schicksal für das Land zu riskieren? Wo ist der Bundesrat, der den Bürgerinnen und Bürgern die Wahrheit ins Gesicht sagt? Die Wahrheit über den Fall des Bankgeheimnisses etwa, über die Geschehnisse in der Libyen-Affäre, über den Hintergrund der Fichen, über «too big to fail»? Und wo ist der Politiker, der sich nicht hinter Computermodellen versteckt?
Die Welt ist komplex, die Informationsvermittlung dynamisiert, die Furcht vor der Zukunft ein Problem. Verlässlichkeit tut not. Deshalb schuldet die Politik Erklärungen, die die Bevölkerung quer durch alle Bildungsschichten versteht. Erklärungen, die Gewissheit bringen, Sicherheit.
Eine Instanz des Widerspruchs
Der Glaube an die Politik kann mitunter Berge versetzen. Aktuell versetzt er indes die Gläubigen. Denn im Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft gibt es nur eine harte Währung: Vertrauen. Und eben das ist weg. Vertrauen ist ein kostbares Gut. Und Vertrauen gibt es nicht umsonst. Man bekommt es nur, wenn sich die Bürgerinnen und Bürger ernst genommen fühlen. Es muss das Ziel von Bundesrat und Parlament sein, dieses zurückzugewinnen. Es ist ein langer Weg. Aber auch der wichtigste. Bundesrat Moritz Leuenberger, dessen Glanz schon lange ab ist, macht endlich den Weg frei. Simonetta Sommaruga steht bereit, das Ruder zu übernehmen. Die SP-Ständerätin ist pragmatisch, seriös, ehrlich. Eine Instanz des Ein- und Widerspruchs. Eine solche Persönlichkeit sollte auch als Ersatz für Hans-Rudolf Merz zu finden sein. Gute Perspektiven am Vortag des 1. August. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.07.2010, 06:53 Uhr
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21 Kommentare
Wie soll ein Souverän einem Parlament und BR vertrauen, das genau das Gegenteil von dem verfolgt, was sein Souverän will und beauftragt? BR und Parlament zwängeln in die EU, das Volk verlangt weiterhin seine Freiheit und Unabhängigkeit inkl. keine fremden Richter! Wir wollen auch kein automatisches EU-Recht übernehmen. Antworten
Das Parlament ist verantwortlich für die Wahl der Bundesräte,denn die vereinigte Bundesversammlung ist Wahlorgan des BR und niemand anders.Sie wählen aber vorzugsweise schwache Bundesräte,d.h. sie haben Angst vor starken, kantigen Persönlichkeiten! Die Abwahl von C. Blocher war ja ein Musterbeispiel. Da das Parlament immer so weiter macht, bin ich für Volkswahl des BR. Antworten
Dies ist es: "Das Problem ist aber, dass diese Simulationen so sehr als Gewissheit gehandelt werden, dass sie Entscheidungsprozesse einleiten, die kaum Platz lassen für Erfahrung, für Intuition, für Instinkt, Spürsinn und gesunden Menschenverstand." Wahrhaftige Menschen müssten her. Die Kommunikation soll echt, wahr, authentisch und transparent sein - Heucheln sollte passé sein. Antworten
Da Bundesrat bekanntlich ein anspruchsvolles hohes Amt ist, sollten auch die Anforderungen entsprechend hoch sein. Darum gehört nur eine beständige wie auch gewissenhafte, verlässliche Person mit einem vielfältigen Fachwissen in ein Bundesratsamt. Eine Person welche stets ihrem Amt und Eid verpflichtet handelt. Ein erster Schritt um fehlendes Vertrauen teilweise wieder auf zu bauen. Antworten
Jeder Beamte, jeder Politiker, jeder Richter, jeder Staatsangestellte hat diese Währung überstrapaziert. Es ist in der Schweiz nicht mehr lebenswert und der Staat dient nur noch sich und den Angestellten. Vielleicht hat es einmal eine Vertrauensbasis gegeben, aber heute ist sie einer konstanten Lügengeschichte seitens des Staates gewichen. Antworten
Viele, auch Schweizer-innen leben Jahr für Jahr von der Hand in den Mund, müssen duch Subvetionen unterstütz werden( Workingpoor) oder / und Schreiben hunderte von Bewerbungen ohne Erfolg da sie von der Wirtschaft wie Aussätzige behandelt. Und da sollen die Schweizer noch Vertrauen in die Class-Politik haben? Wer hat den dies alles zu verantworten? Antworten
Danke, sehr guter und wahrer Artikel. Er nennt zumindest die Eckwerte richtig und zieht die richtigen Schlüsse. Nur: die Benennung der Probleme löst diese noch in keiner Weise, leider. Doch Erkenntnis ist der erste Schritt - und die Hoffnung stirbt zuletzt. Danke Antworten
Guter Artikel. Blocher und Merz sind Politiker, die dadurch von den Medien gescholten wurden, weil sie aus Überzeugung etwas getan und gewagt haben. In dem Masse wie die Medien den Vetrauensverlust in der Politik kritisieren, sollten sie selber über die Bücher, weil ihnen die Menschen noch weniger vertrauen als der Politik! Dabei sind es die Medien, welche das Bild der Politik prägen. Antworten
Durch die Abwahl von Christoph Blocher durch Intrigen, geplant von Mimosen und überkorrekten Möchtegernpolitikern, die nur hintenherum den Mut haben, andere zu kritisieren, sind wir jetzt in diesem Schlamassel. Niemand getraut sich mehr etwas zu sagen, Verantwortung zu übernehmen, da jeder Angst hat, es könnte ihm das selbe passieren. Persönliche Diffamierung macht unser System kaputt! Antworten
Sorry, ich bin gar nicht einverstanden mit dem Author, dass er eine 'Vertrauenskrise' feststellt. Das ist leider wieder so ein Beispiel, wo die Medien ein Thema aufbauschen und immer wieder drüber schreiben, bis es im Unterbewusstsein der Bevölkerung wirklich ein Problem ist. Auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was der Bundesrat macht. Besseres Thema: die Macht der Medien! Antworten
Da wird über einen Yale-Professor, der in der konservativen Postille "Frankfurter Allgemeinen (FAZ)" ein Software-Statement abgab, nahtlos auf Leuenberger-Sommaruga-Merz eingeschwenkt. Hier wurden wohl einige Dinge in einer Art "Blocheriade" vermischt, verdreht, verkoppelt. Antworten
Es liegt im Wesen des Schweizers, der politischen Klasse gegenüber kritisch eingestellt zu sein. Viel wichtiger wäre doch, dass die Politiker dem Souverän, dem Volk, Vertrauen schenken! Meiner Meinung nach braucht es keine neuen Instanzen sondern die Besinnung auf grundsätzliche Werte. Und vom Volk weiterhin eine hartnäckige Haltung den Politikern gegenüber. Antworten
Die Medien tragen auch massgeblich zu diesem Misstrauensklima bei. Alles wird zum Skandal aufgebauscht inkl. Rücktrittsforderung bla, bla, bla. Eine funktionierende Demokratie braucht informierte und nicht verführte Bürger. Ich bitte um mehr sachlichen, unaufgeregten Journalismus. Wenn der "freie Markt" das nicht leisten kann, soll von mir aus der Staat die Medien dahingehend unterstützen. Antworten
Vertrauen kann man in der Tat bilden, wenn man sich auf Werte beziehen kann. Hier sehe ich auch Verbesserungspotential bei den Politikern. Ich sehe diesbezüglich (und auch bei der Gläubigkeit für Simulationen) aber auch ein Potential bei den Medien. Ich würde mich freuen, wenn eine Zeitung mehr über das schreiben würde, was die Schweiz zusammen hält anstatt was sie trennt. Antworten
Das Problem der Institution Bundesrat ist bekannt: Es wird nach Parteizugehörigkeit und danach nach Herkunftregion usw. augesucht. Dazu kommt, dass sich wegen der sehr begrenzten Möglichkeit, Leadership zu zeigen und dem unseligen Kollegialprinzips keine Topleute für einen solchen Job zur Verfügung stellen. Hier sind umfassende Reformen angezeigt! Antworten
"Das Problem ist aber, dass diese Simulationen so sehr als Gewissheit gehandelt werden, dass sie Entscheidungsprozesse einleiten, die kaum Platz lassen für Erfahrung, für Intuition, für Instinkt, Spürsinn und gesunden Menschenverstand." Dieser Satz passt haarscharf auf den computergenerierten Klimahype. Antworten
Es ist kaum so, dass die Politiker heute weniger Leadership mitbringen. Sie müssen sich aber anders verhalten, um zu überleben. Das heutige Umfeld ist geprägt durch Populismus, respektlose, rüde Anfeindungen & Empörungs-Journalismus. Und daran sind genau die schuld, die es immer beklagen: z.B. SVP und Enthüllungs-Presse. Nachdenken über die eigene Rolle als Wähler & Medienkonsument wäre nützlich. Antworten
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Daniel Signer
@Hans Meier: Welche Wahrheit meinen Sie denn? Und, wo stehen Sie denn, dass Sie alles ab der Mitte nach rechts als "Rechtsaussen" diffamieren? Klarere Kommunikation und ein kühlerer Kopf würde auch Ihnen gut tun. Und es könnte sogar eine Diskussion um die Sache anstelle eines polemischen Hickhacks entstehen. Antworten