Hintergrund

Im Gewerkschaftshotel verdient jeder Fünfte unter 4000 Franken

HintergrundDie Arbeitnehmerorganisationen besitzen mehrere Hotels in der Schweiz. Deren Angestellte erhalten teilweise tiefere Saläre, als die Gewerkschaften mit ihrer Mindestlohnkampagne fordern.

Gehört der Gewerkschaft Unia: Das Hotel Bern in der Berner Altstadt. (Bild: Franziska Scheidegger)

Gehört der Gewerkschaft Unia: Das Hotel Bern in der Berner Altstadt. (Bild: Franziska Scheidegger)

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Das Hotel Bern im Herzen der Bundesstadt ist ein beliebter Treffpunkt und Versammlungsort für Linke und Gewerkschaften. Im 1914 als Volkshaus entstandenen Gebäude nächtigte der frühere SP-Bundesrat Otto Stich während seiner gesamten Amtszeit, und im altehrwürdigen Unionssaal brüten Arbeitnehmerorganisationen noch heute über Initiativen und Referenden. Am Montag sind Paul Rechsteiner und Daniel Lampart, der Präsident und der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), an einer Medienkonferenz im Hotel Bern gegen jene Modeketten zu Felde gezogen, die ihrem Personal weniger als 4000 Franken pro Monat zahlen.

Das Hotel Bern mit seinen 99 Zimmern und 10 Seminarräumen gehört zur – sinkenden – Zahl der Herbergen, die sich im Besitz von Gewerkschaften befinden (TA vom Donnerstag). Und es gehört zu jenen Betrieben, die nicht allen ihren Angestellten 4000 oder mehr Franken Lohn ausrichten. Auf rund 20 Prozent schätzt Hoteldirektor Philipp Näpflin den Anteil seines Personals, das unter dieser Einkommensschwelle liegt. Angestellte also, die zu jenen «440'000 Menschen in der reichen Schweiz» zählen, die zu wenig verdienen, «um davon leben zu können, anständig leben zu können», wie es Rechsteiner am 1. Mai in Basel ausdrückte. In einer Stellungnahme auf diesen Bericht präzisiert das Hotel Bern die Angaben (siehe Info-Box).

3400 Franken Mindestlohn

Bei diesen Tieflohnbezügern handelt es sich laut Näpflin hauptsächlich um ungelernte Personen in Hilfsfunktionen. Und der Direktor stellt sofort klar: «Wir halten uns an den Gesamtarbeitsvertrag.» Ähnlich tönt es im Hotel Brenscino in Brissago TI, das dem Eisenbahnerverband (SEV) gehört. Direktor Martin Faes schätzt, dass 10 bis 15 Prozent seiner 65 Angestellten weniger als 4000 Franken verdienen. Auch er betont, den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Hotelleriebranche zu respektieren. Auch im Thuner Hotel Freienhof, das wie das Hotel Bern mehrheitlich der Unia gehört, gibt es Löhne unter 4000 Franken. Wie viele seiner 47 Angestellten betroffen sind, kann Direktor Rudolf Rath allerdings nicht sagen. Dass er den GAV «konsequent und ohne Grauzonen» anwende, sei bei dieser Besitzerschaft jedoch selbstverständlich, sagt Rath.

Ein Blick auf den GAV zeigt: Die Mindestlöhne im Gastgewerbe betragen für Ungelernte seit Anfang 2012 monatlich 3400 Franken. 3700 Franken sind es für Angestellte mit einer zweijährigen Attestlehre. Selbst wenn man den 13. Monatslohn dazuzählt, den der GAV seit 2012 garantiert, kommen Angestellte mit dem Tiefstlohn immer noch nicht auf 4000 Franken. Bis Ende 2015 ändert sich mit Ausnahme des Teuerungsausgleichs daran nichts, wie die Sozialpartner in den Lohnverhandlungen für das laufende Jahr vereinbart haben. Anpassungen gibt es, wenn schon, gegen unten der GAV enthält eine Nachverhandlungs- und Kündigungsklausel für «eine ausserordentliche wirtschaftliche Notsituation». Und bei Neuanstellungen kann der Betrieb den Mindestlohn von Ungelernten während maximal sechs Monaten um acht Prozent unterbieten.

Was würde ein Ja zur Mindestlohninitiative für die Gewerkschaftshotels bedeuten? Philipp Näpflin gibt sich zurückhaltend. Durchgerechnet habe er dieses Szenario noch nicht, aber eine «Lohnerhöhung würde sicher das Produkt verteuern». Und das in einem «Umfeld, das mit dem tiefen Eurokurs nicht gerade rosig ist». Deutlicher sagt es Martin Faes: «In der aktuellen Situation wären höhere Löhne ein Problem.» Seit dem Rekordjahr 2006 mit gutem Wetter und einer Tessinaktion der Raiffeisenbanken sind die Übernachtungszahlen im Südkanton permanent gesunken. Gelassen reagiert Rudolf Rath. Klar hätten höhere Mindestlöhne Auswirkungen aufs Budget, aber damit müsse man leben können. Er zahle seinen Angestellten bereits heute mehr, als der GAV vorschreibe.

Noch 47'000 mit Tieflohn

Für die Branche lassen sich die Auswirkungen der Mindestlohninitiative «nur schwer abschätzen, weil die Angaben der Initianten sehr vage sind», wie Marc Kaufmann, Leiter Wirtschaft und Recht beim Dachverband Hotelleriesuisse, sagt. Grundsätzlich sei mit Verschiebungen im Lohngefüge zu rechnen, denn durch staatliche Mindestlöhne gerieten alle Löhne des Gesamtarbeitsvertrags unter Druck. Für den Verband ist es daher «unverständlich, dass die Gewerkschaften mit der Initiative Mindestlöhne torpedieren, die innerhalb der Sozialpartnerschaft gemeinsam erarbeitet wurden».

Gemäss Erhebungen des Bundesamts für Statistik arbeiteten im Jahr 2010 rund 226'000 Personen im Bereich Gastgewerbe/Beherbergung. Davon erhielten laut einem Bericht des SGB rund 81'000 einen Lohn unter 4000 Franken. Dank dem neuen GAV mit garantiertem 13. Monatslohn seien es inzwischen noch rund 47'000, schätzt Hans Hartmann, der Sprecher der Unia. «Wir sind noch nicht glücklich über die Löhne im Gastgewerbe», fügt Hartmann an, aber gegenüber der Situation von vor zehn Jahren habe man dank dem GAV einen «Riesenfortschritt» gemacht. Dass immer noch viele Angestellte Tieflöhne bekämen, sei «unbefriedigend, und wir wollen das möglichst rasch korrigieren».

«Eine Gratwanderung»

«Wir befinden uns in einem Dilemma, ganz eindeutig», sagt Peter Moor, der Mediensprecher des Eisenbahnerverbands, zu den Löhnen im eigenen Hotel. Wenn ein Gesamtarbeitsvertrag tiefere Saläre zulasse, halte man sich daran. Leider habe der SEV auch im eigenen Bereich noch nicht überall Mindestlöhne von 4000 Franken durchsetzen können. «Wir befinden uns da auf einer Gratwanderung, zumal im Tourismus, der schwierige Zeiten durchlebt», sagt er. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.05.2013, 07:08 Uhr

«Richtigstellung» der Hotels

In einer «Richtigstellung» wehren sich die im Bericht erwähnten Hotels Bern und Freienhof. Der mit der Initiative geforderte Mindestlohn von 4000 Franken beziehe sich auf 12 Monatslöhne. In der Gastro-Branche seien jedoch 13 Monatslöhne obligatorisch. Umgerechnet ergäbe das einen Mindestlohn von 3700 Franken. Der tiefste Lohn für Ungelernte, welchen die beiden Hotels aktuell bezahlen, sei Anfang 2013 «nochmals» auf 3600 Franken erhöht worden. Eine weitere Erhöhung auf 3700 Franken folge per 2014. Insgesamt bezahlten beide Hotels «Löhne, die spürbar über dem Mindestlohn des Gesamtarbeitsvertrages und über dem Branchen-Niveau liegen», teilen sie mit. (rub)

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