«Ich sehe nicht gut genug aus, um das Herz einer Schweizerin zu erobern»
Interview: Marc Brupbacher. Aktualisiert am 23.02.2010 326 Kommentare
«Wieso kann die Schweiz keine Kritik von aussen akzeptieren?»: Denis MacShane.
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Zur Person
Denis MacShane ist heute Labour-Abgeordneter im britischen Parlament. Von 2002 bis 2005 war er Minister für Europa-Angelegenheiten in der Regierung von Tony Blair. Anfang 1980 arbeitete MacShane in Genf für den Internationalen Metallgewerkschaftsbund (IMB).
Denis MacShane hat mit seinem Artikel im amerikanischen Magazin «Newsweek» (Auflage: vier Millionen) der Schweiz einen empfindlichen Schlag versetzt. Unter dem Titel «The End of Switzerland» zerpflückt der Autor einige Mythen der Schweiz. Von der einstigen Vorzeigenation sei nicht mehr viel übrig geblieben. Sein unhaltbarer Vorwurf: «Heute sind die Städte schmutzig, die Züge haben Verspätung, die Strassen sind alles Baustellen und die Politiker wirken provinziell.»
Das löste unter den Lesern von Bernerzeitung.ch/Newsnet viele Reaktionen aus: Über 220 Kommentare wurden abgegeben. Im Interview sagt der britische Parlamentarier, was er von den vielen Reaktionen auf seinen Artikel hält.
Wieso hassen Sie die Schweiz so sehr?
Ich mag die Schweiz. Ich habe dort viele glückliche Jahre verbracht. Zwei meiner Kinder wurden in der Schweiz geboren. Ich trinke meinen Tee aus einer roten Tasse mit einem grossen Schweizer Kreuz und ich trage eine Swatch-Uhr. Und noch etwas: Ich habe mich im Parlament dafür eingesetzt, dass die Schweizer Bürger am Flughafen nicht in der gleichen Schlange wie die Amerikaner und Nicht-Europäer warten müssen. Handelt so eine Person, welche die Schweiz nicht mag? Quatsch!
Ihre Vorwürfe im «Newsweek»-Artikel wiegen aber schwer: Sie prophezeien das Ende der Schweiz.
Die Wahl des Titels war nicht meine Idee. Das müssen sie mit den «Newsweek»-Produzenten ausmachen. Alles, was ich versucht habe, ist herauszustreichen, dass viele Mythen der Schweiz eben nur Mythen sind. Übrigens: Ich habe gerade einen kritischen Artikel über Frankreich in der Zeitung «Libération» veröffentlicht. Auch über Grossbritannien, USA, Deutschland und Spanien habe ich geschrieben. Aber nur meine Schweizer Freunde reagieren so hysterisch. Warum?
Nun gut, sie behaupten, die Schweizer Städte seien schmuddelig. Wo genau ist es denn zu dreckig?
Am Hauptbahnhof Zürich vor ein paar Wochen. Es tut mir leid, aber auch das Zentrum von Genf rund um den Bahnhof Cornavin ist oft ziemlich schmutzig im Vergleich zu 1980, als ich in die Stadt kam.
Unsere Politiker seien provinziell. Namen, bitte?
Herr Blocher.
Sie schreiben, die Schweiz sei heute eine kleine, paradoxe Nation ohne Einfluss. Aber das war schon immer das Schicksal der Schweiz. Das schmeichelhafte Bild, das von unserem Land gezeichnet wurde, war doch seit jeher eine Illusion.
Hey, das ist genau mein Punkt. Die Schweiz ist voll von Widersprüchen. Das war das Hauptargument im «Newsweek»-Text.
Dann hat sich die Schweiz also doch kaum verändert, trotzdem reden Sie ihr Ende herbei. Unsere Toleranz gegenüber Fremden ist nicht kleiner geworden. Bei einem Ausländeranteil von 22 Prozent haben wir keine Ghettos oder ethnische Unruhen. Die meisten Ausländer haben einen Job, die Arbeitslosenquote ist tief. Die Einreiseregelungen waren schon immer streng.
Gut, ich gebe zu: Die Schweiz hält sich wirtschaftlich wacker. Aber ganz Europa war über die SVP-Plakate zur Minarett-Abstimmung schockiert.
Jedes Land hat seine rechtskonservativen Störenfriede. Und die SVP ist den britischen Tories immer noch näher als dem Front National von Marie Le Pen oder der österreichischen FPÖ.
Aber die Tories haben die Europäische Volkspartei (EVP), die sich aus Mitte-Rechts-Parteien wie CDU und UMP im Europaparlament zusammensetzt, verlassen, um sich mit osteuropäischen Ultra-Nationalisten zusammenzutun. Einige dieser Polen und Letten spielen die Massaker an Juden im Zweiten Weltkrieg herunter. Ich hoffe, die SVP-Politiker, von denen ich einige Nationalräte persönlich kenne und auch schätze, werden sich nicht mit den Tories und den Ultranationalisten zusammen ins Bett legen.
Sie kritisieren unser politisches System, weil das Volk einen zu grossen Einfluss auf die Regierungsarbeit habe. Eine ganz schön arrogante Schlussfolgerung eines britischen Parlamentariers, dem das Volk intelligent genug erscheint, wenn es um die eigene Wahl geht.
Ich denke, ich weiss mehr über die Schweizer Demokratie als die meisten meiner Kollegen. Aber bitte, beleidigen Sie mich nur weiter. Haben Sie nicht gesagt, sie seien Journalist?
Ist wirklich alles so schlecht in der Schweiz?
Nein. Ich mag die Schweiz. Aber mein Gott, wenn ein Text, der nicht nur lobende Worte für das Land findet, einen solchen Aufruhr verursacht, dann sollte ich vielleicht ein Buch über die Schweiz schreiben. Dort würde ich dann das Land verteidigen, aber sicher auch einige unbequeme Wahrheiten aussprechen. «Oh to see yourself as others do» ist ein altes britisches Sprichwort. Wieso kann die Schweiz keine Kritik von aussen ertragen?
Mal ganz ehrlich, welche Schweizer Frau hat ihnen damals das Herz gebrochen?
Ach, herrje. Weder schaue ich gut genug aus, noch habe ich so viel Geld, um das Herz einer Schweizerin zu gewinnen. Was mir wirklich das Herz bricht, sind die Hassmails, die ich aus ihrem Land erhalte. Ich bin erstaunt, wie empfindlich die Schweizer sind. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.02.2010, 14:33 Uhr
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326 Kommentare
...Und dann immer der gleiche beleidigte Unterton der kommentierenden Journalisten. Wer austeilt muss nunmal auch einstecken können. Die Schweizer Journalisten sollten lieber mal den Vorwürfen nachgehen, und ggf. auch einmal selbstkritisch mit dem eigenen Land umgehen. Sonst kommt der Vorwurf der Schwarz-Weiss-Denke wie ein Bummerang zurück. Es ist doch Fakt, dass der Mythos Schweiz tot ist Antworten
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