Schweiz

«Ich sehe keinen Grund, wieso die Situation bei uns anders sein soll»

Der Präsident des Schweizer Gremiums gegen sexuelle Übergriffe in der katholischen Kirche kennt Fälle, in denen mutmassliche Täter weiterhin im Amt sind. Dagegen unternehmen kann er praktisch nichts.

«Der Zölibat könnte eine indirekte Wirkung haben»: Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert, geschaffen vom italienischen Künstler Michelangelo.

«Der Zölibat könnte eine indirekte Wirkung haben»: Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert, geschaffen vom italienischen Künstler Michelangelo.
Bild: Keystone

Fast täglich liest man von Missbräuchen in der katholischen Kirche im Ausland. Wie sieht es in der Schweiz aus?
Ich sehe keinen Grund, weshalb die Situation in der katholischen Kirche der Schweiz anders sein soll als etwa in Deutschland und Österreich. Deshalb rechne ich damit, dass in nächster Zeit auch hier weitere Missbrauchsfälle ans Tageslicht kommen. Medienberichte über Missbrauchsfälle können Opfern Kraft geben, ihr Schweigen zu brechen.

Wie viele Fälle sind Ihnen bekannt?
Gemäss der Bischofskonferenz kam es in den letzten 15 Jahren zu 60 Meldungen wegen sexueller Übergriffe. Ich schätze die Dunkelziffer aber hoch ein.

Ihr Gremium ist von der Kirche eingesetzt. Ist es unabhängig genug?
Ich selbst bin weder katholisch noch sonst religiös geprägt. Unser Gremium ist unabhängig. Unter den acht Personen sind nur zwei Kirchenvertreter. Der Rest sind Juristen, Opfertherapeutinnen und ein Tätertherapeut.

Sekretär des Gremiums ist der rechtskatholische Opus-Dei-Priester Joseph Bonnemain.
Herr Bonnemain mag in ethischen Fragen andere Ansichten haben. Bei der Prävention gegen sexuelle Übergriffe ist er aber alles andere als ein Bremser.

Wie geht Ihr Gremium vor, wenn Sie Kenntnis von einem Missbrauchsfall erhalten?
Die Opfer kommen in der Regel nicht direkt zu uns, sondern zu den Anlaufstellen in den Bistümern. In den letzten Jahren befassten wir uns dennoch mit zehn Fällen; weil ein Bistum Beratung wünschte oder weil Opfer nicht damit einverstanden waren, wie die Anlaufstelle ihren Fall behandelt hat.

Laut den Richtlinien der Bischofskonferenz wird nicht automatisch Anzeige erhoben, wenn der Verdacht auf Missbrauch besteht.
Als Jurist war ich ursprünglich für eine Anzeigepflicht. Ich liess mich aber von Fachleuten, insbesondere auch von Opfervertreterinnen, überzeugen, dass man nicht gegen den Willen des Opfers Anzeige erheben kann. Wenn das Opfer nicht die Herrschaft über das Verfahren behält, wird es erneut traumatisiert und übergangen. Auch die Öffentlichkeit, die durch ein Verfahren hergestellt wird, ist eine grosse Belastung für das Opfer. Es würden sich viel weniger Opfer melden, wenn ein Anzeigeautomatismus bestünde.

So nehmen Sie in Kauf, dass Täter im Amt bleiben und eine latente Gefahr sein können.
Wenn sich die hohe Gefahr einer Wiederholungstat tatsächlich nicht verhindern lässt, gehen die Interessen zukünftiger Opfer dem Opferschutz vor. Dann empfehlen wir, Anzeige zu erstatten – auch wenn das Opfer dies nicht will.

Was geschieht mit fehlbaren Priestern?
Wenn es zur Verurteilung kommt, werden sie aus ihren Ämtern entfernt. Problematisch sind Fälle, in denen es trotz dringendem Verdacht zu keinem Verfahren kommt. Hier empfehlen wir die enge Begleitung oder Suspendierung, aber das zeigt nicht immer Wirkung.

Sie kennen Fälle, bei denen Angeschuldigte weiterhin im Amt sind?
Ja.

Um wie viele Fälle handelt es sich?
Das sind Einzelfälle. Aber auch wir haben nicht den vollen Überblick.

Was tun Sie in solchen Fällen?
Wir appellieren an den Bischof und fordern eine Untersuchung und intensive Beobachtung des Falls. Einfach die Behörden einschalten können wir nicht, wenn das Opfer dies nicht will.

Und das genügt?
Hier haben wir tatsächlich ein Vollzugsproblem. Wenn sich der Anfangsverdacht nicht weiter erhärten lässt und der mutmassliche Täter alles abstreitet, sind uns die Hände gebunden. Wir sind keine Untersuchungsbehörde. Hilfreich wäre eine internationale Datenbank über fehlbare Kirchenleute. Damit kann vermieden werden, dass sie einfach an einen anderen Ort versetzt werden.

Oft wird gesagt, der Zölibat sei ein Grund für die Missbrauchsfälle in der Kirche. Was sagen Sie dazu?
Das ist mir zu kurz gegriffen. Der Zölibat könnte jedoch eine indirekte Wirkung haben: Wegen des Zölibats gibt es immer weniger Priester, und das birgt die Gefahr in sich, dass die Anforderungskriterien nach unten geschraubt werden. Wenn man aber auch weniger geeignete Kandidaten akzeptiert, erhöht man das Risiko, dass es zu Übergriffen kommen kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2010, 15:30 Uhr

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19 Kommentare

Harry Wyder

16.03.2010, 19:54 Uhr
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Herr Adrian von Kaenel, mit empfehlen ist es nicht getan.Wir brauchen mutige Männer,die das Recht auf Würde der Menschen verteidigen.Und nicht solche Männer,die nur nach dem Wind entscheiden.Die hohen Herren der Katholischen Kirche sollten eigentlich für alle Christen ein Vorbild sein.Wie lange lassen sich die Gläubiger noch am Gängelband führen.Setzt diese ab und wir haben Ruhe! Antworten


Werner Holliger

16.03.2010, 16:34 Uhr
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@Samira Müller: Ihre an und für sich richtige Erklärung greift ein wenig (zu) kurz! Es ist dabei nämlich unerheblich, von wem der Staat Kenntnis von einem solchen Verbrechen erhält. Er muss auch dann aktiv werden, wenn ein Unbeteiligter - sagen wir einmal irgend ein Mitglied der Kirche - Anzeige erstattet. Antworten


Samira Müller

16.03.2010, 14:41 Uhr
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@Werner Hollinger: Offizialdelikt heisst, dass der Staat (also die Poliztei und Staatsanwaltschaft) ein solches Verbrechen von Amtes wegen verfolgen müssen, wenn sie davon Kenntnis erhalten. Auch wenn das Opfer keine Anzeige erstattet. Nun sind aber nur Beamte (bzw. Angestellte des Staates, bzw. der Kantone) dazu verpflichtet Strafttaten zu melden. Die Kirche (egal welche!) gehört da nicht dazu... Antworten


Lukas Forster

16.03.2010, 12:35 Uhr
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@Peter Weierstrass Jesus hätte sie aus der Kirche gejagt. Die RKK ist nichts anderes als das moderne Pharisähertum. Sie wissen angeblich wie man richtig zu leben hat und sind zu wirklichem Mitleid und Liebe nicht fähig. Es sind hartherzige Fundamentalisten, welche ihre Existenz nach wie vor nur der Angst der Bevölkerung vor Sünde und Hölle verdanken. Da gibt es nur eines: AUSTRETN Antworten


Meret Leenders

16.03.2010, 11:34 Uhr
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Aber Pfarrer und Priester, die sich offen zu ihren Geliebten und von ihnen gezeugten Kindern bekennen, und das Grundbedürfnis des Menschen nach Körperkontakt und Nähe nicht verleugnen, werden mit Schimpf und Schande aus der Kanzel und der Kirchenbank verjagt . Was für ein verlogener, kranker Verein. Antworten


Peter Weierstrass

16.03.2010, 11:01 Uhr
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Ich warte darauf, dass ein Priester seiner echten Verantwortung nachkommt, die begangenen Übergriffe gesteht und ohne Rücksicht auf persönliche Verluste die Öffentlichkeit um Verzeihung bittet. Gott sieht alles - aber manche Menschen haben leben offenbar im Glauben, dass Gott ihnen auch alles verzeiht. Niemand fragt sich, wie Jesus gehandelt hätte. Priester geben sich selbst recht. Antworten


Paul Thürig

16.03.2010, 11:01 Uhr
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Keine Sonderjustiz für"Gottesmännern" in Schwarz bei sexuellen Übergriffen! Diese Herren müssen von der Staatsanwaltschaft verfolgt werden! Innerkirchliche Stellen genügen nicht und neigen dazu,schwerwiegende Taten zu verheimlichen! Antworten


Martin Wacker

16.03.2010, 10:42 Uhr
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Ein verurteilter Priester wird aus dem Amt entfernt, so, so. Normal Sterbliche kommen ins Gefängnis, was auch recht ist so. Kann mir jemand sagen, ob schon je ein Priester vor ein ordentliches Gericht gestellt wurde und für X Jahre ins Gefängnis musste? Oder wird das kirchenintern "abgehandelt", sprich beichten, vergeben, und anschliessend weiterwursteln? Ich weiss es nicht. Antworten


Werner Holliger

16.03.2010, 10:35 Uhr
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Interessant, dass in der ganzen Diskussion immer "nur" von sexuellen Uebergriffen und nie von konkreten Tatbeständen die Rede ist. Hängt das vielleicht damit zusammen, dass Handlungen z.B. nach Art. 188, 189, 190 und 193 StGB Offizialdelikte sind, und sich die Kirche hier - wenn solche Tatbestände vorliegen - anmasst, über dem geltenden Recht zu stehen........ Antworten


Hansjörg Wirz

16.03.2010, 10:35 Uhr
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Es ist traurig für die Opfer, für die kath. Kirche aber heilsam. Ich denke diese schlimme Welle wird sie (hoffentlich) nicht mehr ohne grundlegende Reformen überstehen und das ist wichtig und positiv. Dazu gehört mE auch die Abwahl des Papstes, der die alten Werte vertritt. - Seit ich aus der Kirche ausgetreten bin, treffen mich diese negativen kath. Probleme nicht mehr mitten ins Herz. Antworten


Dragan Pilic

16.03.2010, 10:33 Uhr
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Sicher bot die Kirche während Jahrzehnten ein optimales Umfeld, in dem solche Schandtaten erst möglich wurden. Der eigentliche Skandal ist aber, dass gegen solche Täter nicht härter vorgegangen wird. Wer sich an Kindern, an Schutzbefohlenen vergeht, gehört FÜR IMMER in einen Kerker, denn solche Typen bleiben EWIG ein Risiko. Antworten


Jens Pfeiffer

16.03.2010, 09:52 Uhr
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Nicht nur die Priester sollten bestraft werden: alle, die in dieser religiösen Organisation Mitglied sind tragen Mitverantwortung. Jede andere Organisation, die soviel Leid, Missbrauch, Kriege, psychische Störungen wäre längst verboten worden. Es ist der Glaube, dieser Wahrheitsanspruch, der solche perversen Folgen hat, und der im Gegensatz zu den Werten der Aufklärung, der Wissenschaft steht. Antworten


Marco Leanza

16.03.2010, 09:36 Uhr
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Diese Verbrechen müssen ausführlich aufgeklärt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Wer von diesen Verbrechen weiss und dies so versteckt, Täter deckt oder die Tat verschleiert ist ein Mittäter und gehört ebenfalls bestraft. Das kann doch nicht sein, dass die Kirche hier tun und lassen kann was sie will und es einfach an den Staat weiterschiebt. Antworten


Dieter Wundrig

16.03.2010, 09:33 Uhr
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Wieso sollte die Situation in der CH-eigentlich anders sein? Man ist aber eher noch verschwiegener und das nicht nur in der Kirche. Es liegt am aufdecken wollen und nicht am können! Antworten


Thomi Horath

16.03.2010, 09:29 Uhr
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"Wegen des Zölibats gibt es immer weniger Priester, und das birgt die Gefahr in sich, dass die Anforderungskriterien nach unten geschraubt werden." Das sagt schon vieles, oder? Wo in der Bibel steht etwas über Zölibat? Soweit ich weiss, hatte Petrus auch eine Ehefrau! Der Papst schaufelt seiner Kirche selber das Grab, wenn hier Übergriffe nicht gerecht bestraft werden. Antworten


Rainer Burri

16.03.2010, 09:19 Uhr
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Es besteht die Möglichkeit, Institutionen zu bojkotieren, in welchen sexuelle Übergriffe auf Kinder erfolgt sind. Pädophile erachten ihr (verbotenes) tun nicht als strafbar. Sie sind auch nicht dazu geeignet, um ihnen anvertraute Kinder zu erziehen. Also Hände weg von solch abnormen und höchst anständigen Menschen! Antworten


Thomas Meier

16.03.2010, 09:08 Uhr
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Es geht nicht primär um die Kirche, sondern in erster Linie um den einzelnen, fehlbaren Menschen. Wenn ein Arzt sich an seiner Patientin vergreift, was immer wieder passiert, klagen wir nicht die gesamte Ärzteschaft an. Ebenfalls klagt niemand Familien an, nur weil viele Missbrauchsfälle sich in der Familie abspielen. Wenigstens wir Leserinnen sollten tun, was Medien nicht mehr tun: differenzieren Antworten


Ulrich Raumer

16.03.2010, 08:23 Uhr
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Es wäre an der Zeit Kirche und Staat wirklich zu trennen (keine automatische Kirchensteuer mehr) und der Kirche die Führung von Heimen zu untersagen, leisten können sie es sich sowieso nicht. Weiter ist die Strafverfolgung der Täter unbedingt aufzunehmen und die Verurteilung der Täter und der Strafvollzug durchzusetzen. Antworten


Martin Meier

16.03.2010, 08:17 Uhr
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Diese Priester sollten auch hart bestraft werden.Das ist einfach nicht zu glauben, was sich die Katholische Kirche alles erlaubt. Himmeltraurig.............. Antworten



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