«Haben Sie Ihren Ausweis dabei?»

InterviewDie Deutschschweizer spenden zu wenig Organe. Das will der Bund nun untersuchen. Dabei würde das Bundesamt für Gesundheit besser endlich eine richtige Aufklärungskampagne starten, findet Immunologe Beda Stadler.

«Es wäre schon viel getan, wenn das Bundesamt offen über diese Themen sprechen würde»: Beda Stadler, Professor und Leiter des Berner Universitätsinstituts für Immunologie.

«Es wäre schon viel getan, wenn das Bundesamt offen über diese Themen sprechen würde»: Beda Stadler, Professor und Leiter des Berner Universitätsinstituts für Immunologie.

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Herr Stadler, der Bund will per Studie ergründen, warum vor allem die Deutschschweizer immer noch solche Organspende-Muffel sind. Hätten Sie schon eine Theorie?
Ja, mangelndes Wissen. In der ersten Vorlesung frage ich die angehenden Mediziner jeweils, ob sie einen Transplantationspass im Sack haben. Natürlich haben die wenigsten einen. Und wissen nicht einmal, wie man sich am schnellsten einen besorgen kann.

Ihren Studenten können Sie das erklären. Aber wie beseitigen wir diese Wissenslücken beim Grossteil der Bevölkerung?
Mit Aufklärung. Es hat ja offenbar schon seinen Grund, warum sich die Zahl der zur Verfügung stehenden Spenderorgane im Tessin und der Romandie verdoppelt hat. Dort kümmern sich jetzt neue Fachleute zu 100 Prozent um die Umsetzung der gesetzlich geforderten Organspendezahlen. Vielleicht sollte sich das Bundesamt für Gesundheit einmal überlegen, auf welchen Gebieten es Geld ausgibt. Aufklärung in Sachen Organspenden – das wäre allemal lohnender als all die anderen teuren Präventionskampagnen des Amts.

Aber ist die Frage, wie man an einen Organspendeausweis herankommt, nicht eine Ausrede? Man kontaktiert einfach Swisstransplant, die Organspende-Stiftung. Das ist ja nicht schwer zu vermitteln.
Und trotzdem ist es immer wieder erstaunlich, wie viele Leute einen Ausweis bestellen – und ihn danach daheim zu den Akten legen. Haben Sie Ihren im Portemonnaie?

Nein, ertappt. Aber ich habe meinem nächsten Umfeld mehr als einmal eingeschärft, dass ich als Spender zur Verfügung stehe.
Wenn dann aber, etwa bei einem Unfall, ein Verwandter bei Ihnen ist, der sich da nicht mehr ganz sicher ist, kommen Sie schon nicht mehr infrage. Oder man verliert wertvolle Zeit. Zudem kommt noch etwas hinzu, das oft vergessen wird: Denken Sie an all die jungen Assistenzärzte, die regelmässig im Spital zu den Angehörigen gehen, um ihnen mitzuteilen, dass keine Hoffnung mehr für den Verunfallten oder Todkranken besteht – und im selben Moment quasi um Organe betteln müssen. Das ist unendlich schwer. Und überfordert viele.

Dieses Dilemma kann aber keine Aufklärungskampagne aus der Welt schaffen.
Nein, dafür bräuchte es eine andere Abhilfe: Man kehrt die gesetzliche Ausgangslage um. Das heisst, jeder gilt grundsätzlich als Organspender, es sei denn, er distanziert sich per Ausweis davon. Das würde zudem die Motivation, einen Ausweis ständig auf sich zu tragen, bestimmt steigern.

Um das gesetzlich durchzusetzen, müssten Sie die Öffentlichkeit dafür gewinnen. Gleichzeitig sprechen Sie von grossen Wissenslücken in der Bevölkerung.
Ja, die müsste man zuvor eben schliessen. Es gibt viele Ängste in Sachen Organentnahme. Die Debatte, ob nun der Hirntod oder der Herzstillstand als Zeitpunkt des Todes gelte, hat viele verunsichert. Plötzlich fragen sich manche, ob sie Gefahr laufen, zu schnell als Ersatzteillager ausgeschlachtet zu werden.

Hirntod oder Herzstillstand? Wo stehen Sie?
Das Gesetz ist hier klar: Es gilt der Hirntod. Tatsache ist aber, dass der Herzstillstand, der in der Regel bekanntlich zuerst eintritt, in der Praxis die sinnvollere Grenze darstellt. Wenn bei einem Patienten nach allem fachärztlichem Ermessen keine Hoffnung mehr besteht und Ärzteteam und Angehörige zum Entschluss kommen, alle kreislaufstützenden Massnahmen abzubrechen, dann finde ich das vertretbar. Aber das sind schwierige Themen, die eher vom Organspendethema ablenken.

Sie wollen doch rückhaltlose Aufklärung.
Ja, aber es wäre schon viel getan, wenn das Bundesamt offen über diese Themen sprechen würde. Wenn man den Menschen einmal erklärt, wie solche Entscheide im Spital getroffen werden. Statt, wie derzeit, in aller Stille eine Gesetzesrevision in Richtung Zeitpunkt Herzstillstand zu betreiben. Sodass dann Patientenschützerin Margrit Kessler in der «Weltwoche» empört droht, sie würde ihren Organspendeausweis zerreissen, wenn das durchkomme. So was verunsichert die Leute nachhaltig.

Da müsste der Bund offener kommunizieren?
Auf jeden Fall. Er müsste auch die Parlamentarier besser informieren. Die wissen ja oft genauso wenig wie die Durchschnittsbevölkerung. Der Wechsel vom Organspende- zum Organverweigerungsausweis wird seit Jahren diskutiert. Warum zögert das Parlament hier einen Entscheid hinaus?

Das Bundesamt will ja nun handeln. Bis Ende Jahr soll ergründet werden, warum es in der Schweiz solch grosse regionale Unterschiede im Spenderverhalten gibt.
Das ist doch ein Witz. Was soll denn das bringen? Danach wissen wir, aus welchen Mentalitätsgründen das Thema in den verschiedenen Landesteilen unterschiedlich gehandhabt wird. Und was dann? Ergibt sich daraus irgendein Handlungsauftrag? Zudem bin ich gegen diese typischen Auftragsstudien des Staats. Dabei will man immer ein bestimmtes Resultat erreichen.

Was ist Ihr Verdacht?
Dieses Bundesamt hat in den vergangenen Jahren systematisch gegen Raucher oder Dicke oder andere «Ungesunde» Stimmung gemacht. Immer mit angeblich objektiven Studien. Im vorliegenden Fall mache ich jede Wette, dass man eine besonders «problematische» Minderheit ermitteln wird, die sich zu sehr gegen Organspenden wehrt. Und dann werden die entsprechenden politischen Ideen spriessen, zum Beispiel höhere Krankenkassenprämien für Organspende-Muffel. Die entsprechenden Verbündeten dafür im Parlament findet man immer.

Sie setzen lieber auf die Kraft des Wissens.
Genau. Kurt Aeschbacher wirbt in seiner Sendung regelmässig fürs Organspenden. Ich bin sicher, am nächsten Morgen steigt die Zahl der Ausweisbestellungen regelmässig an. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.09.2012, 13:22 Uhr)

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Die Kantone sind seit fünf Jahren per Gesetz verpflichtet, dass möglichst viele Organe von Verstorbenen gespendet werden. Wie Radio DRS heute Morgen berichtete, ist Swisstransplant, die nationale Organspende- und Transplantationsstiftung, jedoch sehr unzufrieden mit der Umsetzung dieses Gesetzes. Nur die Romandie und das Tessin hätten Stellen geschaffen, um das Organspenden zu fördern. In der Deutschschweiz seien zwar mancherorts, wie in Basel, die entsprechenden Mittel gesprochen, doch die Stellen nicht geschaffen. Die Folge: Im Tessin und in der Romandie hat sich die Zahl der Spenderorgane verdoppelt.

In der Deutschschweiz stagniert sie. «Wir sind vom Ziel, die Zahl gesamtschweizerisch von hundert auf zweihundert Spenden pro Jahr zu erhöhen, weit entfernt», kritisiert Stiftungsdirektor Franz Immer. Das Bundesamt für Gesundheit will die grossen Unterschiede bei den Spenderzahlen nun per Studie untersuchen lassen. Bis Ende Jahr sollten erste Ergebnisse vorliegen.

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