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«Für die Banden aus Lyon ist die Schweiz ein Eldorado»

Interview: Emmanuel Borloz (Tribune de Genève). Aktualisiert am 10.01.2012 122 Kommentare

In Genf und in der Waadt haben in den letzten Jahren immer wieder Kriminelle aus dem Grossraum Lyon Raubüberfälle und andere Delikte verübt. Wie diese Leute funktionieren, erklärt der Anwalt David Metaxas.

Schlechter gewordene Sicherheitslage: Festnahme eines Jugendlichen im letzten Oktober in Genf.

Schlechter gewordene Sicherheitslage: Festnahme eines Jugendlichen im letzten Oktober in Genf.
Bild: Keystone

«Diese Kriminellen haben den Eindruck, dass die Schweizer Polizei weniger kompetent sei»: Anwalt David Metaxas. (Bild: «Tribune de Genève»)

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Im Wartesaal der Kanzlei des französischen Rechtsanwalts David Metaxas im 6. Stadtbezirk in Lyon besteht kein Zweifel hinsichtlich des beeindruckenden Katalogs an Dossiers, die er behandelt. Übeltäter, Verbrecher, Räuber und Schieber: Metaxas' Spezialität ist die organisierte Kriminalität, die auch die Stadt Genf und den Kanton Waadt betrifft. Metaxas, von vielen Anwaltskollegen angefeindet, ist ein Mann der grossen Fälle. Unter dem Spitznamen «Schwarze Robe des Milieus» ist der 35-jährige Anwalt der aufsteigende Strafrechtler in Lyon.

Herr Metaxas, in der Romandie vergeht kein Monat, ohne dass eine «Bande aus Lyon» versucht, einen Coup zu landen. Erstaunt Sie diese Erscheinung?
Sie ist relativ neu, erstaunt mich aber nicht. In Lyon erlitten wir Anfang 1999 eine Welle von etwa 50 Überfällen, ein Rekord. Seither wird das Stadtzentrum von Lyon von der Polizei überwacht. Danach haben sich diese Leute der Schweiz zugewendet, allen voran Genf und Waadt. Für sie ist Ihr Land ein Eldorado. Die Vorstellung ist sicher falsch, aber für diese Franzosen ist die Schweiz das Land des leichten Geldes.

Die geografische Nähe zwischen der Schweiz und Lyon ist also nicht der einzige Grund für die Attraktivität unseres Landes?
In den Augen dieser Kriminellen ist die Schweiz das Land des Goldes. Diese Leute haben auch den Eindruck – ob zu Recht oder nicht –, dass die Schweizer Polizei weniger kompetent sei, weil diese angeblich weniger informiert und weniger erfahren ist. Und sie wissen, dass die Polizei sie in Lyon genau kennt. Eine Rolle für die Kriminellen aus Lyon spielen nicht zuletzt auch die zahlreichen möglichen Fluchtwege über eine Grenze, die – geben wir es zu – durchlässig ist. Man muss auch wissen, dass sich diese Leute aufmerksam über die Schweizer Rechtsprechung informieren. Wenn eine Region oder ein Gebiet für Räuber interessant wird, interessieren natürlich auch die Untersuchungs- und Festnahmebedingungen, die dort herrschen. Aufgrund ihrer Kenntnisse über das Funktionieren verschiedener Schweizer Gefängnisse vergleichen sie auch die Strafen zwischen den beiden Ländern.

Anfang 2010 fiel ein junger Mann unter den Schüssen eines Waadtländer Polizisten im Sévaz-Tunnel FR. Vor zwei Monaten machten zwei Banden Einbruchsversuche an der Genferseeküste. Muss man mit weiteren spektakulären Vorfällen dieser Art rechnen?
Ich befürchte es. In Lyon beobachtet man übrigens einen Rückgang von aufsehenerregenden Gewaltüberfällen. Sie verlagern sich in die Schweiz. Diese Verbrechen werden von verzweifelten jungen Leuten zwischen 20 und 30 Jahren begangen. Sie haben nichts zu verlieren und gehen in die Schweiz mit der Entschlossenheit von Männern ohne jede Zukunft. So kommt es zu Extremsituationen, mit Schüssen auf beiden Seiten. Ich konnte allerdings beobachten, wie die Arbeit der Schweizer Polizei in allen Bereichen verbessert und auf das Niveau der französischen gebracht wurde. Dazu gehören auch radikale Methoden, wie sie im Sévaz-Tunnel angewendet wurden. Früher war es besser, sich in der Schweiz festnehmen zu lassen. Das ist inzwischen überhaupt nicht mehr der Fall.

In der Romandie redet man vielleicht etwas zu vereinfacht von «den Lyonesern». Aber wer sind diese Leute denn genau?
In Wirklichkeit wohnen sie nicht in Lyon, sondern in den Ortschaften rundherum. Es sind Lyoner Vororte, zu denen namentlich die Stadt Vaulx-en-Velin gehört. Und selbstverständlich gibt es dort auch die grössten sozialen Probleme: sehr hohe Arbeitslosigkeit und junge Leute, die nicht viel zu tun haben und mit Vorstrafenregistern gebrandmarkt sind. Sie sind keine Frühaufsteher und ihr Tagesablauf wird vor allem bestimmt von illegalen Aktivitäten. Aber warum sollten sie von 8 bis 20 Uhr arbeiten für einen Lohn von 1500 Euro, wenn ihnen ein «gelungener Coup» in fünf Minuten bis zu einer Million Euro einbringen kann? Sie wissen, dass sie das Risiko eingehen, an den Schüssen eines Schweizer Polizisten zu sterben, aber sie wissen auch, dass sie, wenn sie Erfolg haben, ihre farblose Existenz loswerden können. Was mich überrascht, ist die Diskrepanz zwischen ihrer Persönlichkeit und den Verbrechen, zu denen sie fähig sind. Wenn ich sie in den Schweizer Gefängnissen besuche, weg von ihrem kriminellen sozialen Umfeld, treffe ich durchaus intelligente Leute. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.01.2012, 19:21 Uhr

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122 Kommentare

Stefan Jost

10.01.2012, 19:43 Uhr
Melden 231 Empfehlung 0

Dank den offenen Grenzen haben die Kriminellen freie Wahl in welchem Land sie sich ihr Ziel aussuchen. Dort wo das Verhältnis von Gewinnaussichten zu Risiko am besten ausfällt, dort sammeln sich die Kriminellen. Wenn man weiterhin mit offenen Grenzen arbeiten will, dann müssen Festnahmerisiko und/oder Strafmass in der Schweiz deutlich erhöht werden. Antworten


Gerhard Keller

10.01.2012, 21:34 Uhr
Melden 156 Empfehlung 0

Das ist der Preis für offene Grenzen. Antworten



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