Freie Fahrt dank Pannenstreifen
Von Christian Zeier. Aktualisiert am 03.02.2012 2 Kommentare
Artikel zum Thema
Olivier Floc’hic, Informationsbeauftragter des Astra in Estavayer. (Bild: Christian Zeier)
Ausgangslage
Das Schweizer Nationalstrassennetz wird immer stärker beansprucht. Die Folge: Die Anzahl Staus nimmt stetig zu. Mit verschiedenen Massnahmen will das Bundesamt für Strassen den Verkehrsfluss nun erhöhen. Nebst der Beseitigung von Engpässen sind drei Ansätze geplant: die Umnutzung von Pannenstreifen, temporäre Geschwindigkeitsreduktionen und Überholverbote für Lastwagen.
Pannenstreifen: Bis 2020 sollen Pannenstreifen auf rund 125 Nationalstrassenkilometern für die temporäre Umnutzung freigegeben werden. So kann in erster Linie während Verkehrsspitzenzeiten eine dritte Fahrbahn geöffnet werden, um den Verkehrsfluss zu gewährleisten. Verbunden sind diese Massnahmen mit Temporeduktionen auf 100 oder 80 km/h auf den betroffenen Strecken.
Aufgrund der positiven Erfahrungen will das Astra die Pannenstreifenumnutzung auf einzelnen Abschnitten der A1 und der A6 im Raum Bern zwischen den Anschlüssen Muri und Kirchberg sowie auf der Umfahrung Winterthur (A1). Ernst Soltermann von der Bauverwaltung in Muri rechnet damit, dass die Pannenstreifen erst in «einigen Jahren» kommen werden. Die Bedenken des Gemeindeparlaments, dass die Pannenstreifen lediglich ein erster Schritt Richtung oberirdischer Ausbau der A6 seien, teilt Soltermann nicht. «Das ist keine langfristige Lösung», sagt er. Das angestrebte Tunnelprojekt werde so nicht ersetzt. Die Umnutzung des Pannenstreifens dürfte sich auf die Strecke zwischen den Ausfahrten Muri und Ostring beschränken.
Mittel- und langfristig sollen auch in den Agglomerationen Genf, Lausanne, Aargau-Solothurn, Zürichsee und Basel Pannenstreifen umgenutzt werden. cze/nb
In einer kleinen Serie beleuchtet diese Zeitung die drei wichtigsten Massnahmen, welche das Astra einführen will, um das Stauaufkommen zu vermindern. Erster Teil: «Der Bund will die Elefantenrennen punktuell verbieten» (siehe Artikel zum Thema).
Beurteilung
Ein dreimonatiges Monitoring der Strecke Morges–Ecublens ergab laut Bericht des Bundesamts für Strassen (Astra) «ermutigende Ergebnisse». Regelmässige Staus auf einer Länge von bis zu 10 Kilometern verschwanden durch die Massnahme komplett. Nach einem Jahr Testbetrieb tönt die Einschätzung ähnlich positiv: Der Verkehrsfluss habe sich wesentlich verbessert, die Unfallrate sei generell um 15 Prozent und lokal um bis zu 80 Prozent gesunken, und der Schadstoffausstoss habe sich in Strassennähe um rund 20 Prozent reduziert, schreibt das Astra in einer Mitteilung.
Eine Herausforderung bleibt die Verkehrssicherheit, da die Pannenstreifen als Abstellfläche für Unfallautos und Unterhaltsfahrzeuge wegfallen. Um einen Kollaps zu verhindern, wurde eine Vielzahl von Kameras eingebaut, zudem sind regelmässige Nothaltebuchten unumgänglich. «Die Massnahme wurde ausführlich mit den Blaulichtorganisationen abgesprochen», sagt der Astra-Informationsbeauftragte Olivier Floc’hic. Und auch TCS-Sprecher Stephan Müller beschwichtigt: «Es gibt schon heute gewisse Strecken ohne durchgängige Pannenstreifen. Wenn es sich nur um Teilabschnitte handelt, sollte das kein Problem sein.» Wie auch das Astra betont Müller den provisorischen Charakter des Projekts: «Für uns ist die Nutzung der Pannenstreifen ein gangbarer Weg. Letztlich kommen wir aber nicht um einen Vollausbau der Autobahn an neuralgischen Punkten herum.»
Noch sechs Kilometer bis zur Raststätte Bavois, nur noch neun Minuten Fahrzeit zeigt das Navigationsgerät an. Da plötzlich leuchten die roten Bremslichter des vorderen Autos auf. Der Fahrer betätigt den Warnblinker, der Wagen verliert an Tempo. Stau auf der A1 zwischen Yverdon und Lausanne. Stau auf dem Weg zum Verkehrsexperten.
Freie Fahrt in der Stauzone
Olivier Floc’hic lacht, als er die Anekdote hört. Lange hat er nicht warten müssen, der Informationsbeauftragte des Bundesamts für Strassen (Astra) in der Filiale Estavayer. Der kurze Stau sei bestimmt auf das schlechte Wetter zurückzuführen, sagt er. Denn stehende Blechlawinen – das habe man hier schon lange nicht mehr erlebt. Floc’hics Aussage ist umso erstaunlicher, als dass sich nur 15 Kilometer südlich von Bavois ein ehemals berüchtigter Verkehrsengpass befindet. Die Strecke zwischen Lausanne und Genf passieren täglich bis zu 90'000 Fahrzeuge – ein Volumen, das insbesondere zwischen Ecublens und Morges regelmässig für lange Staus sorgte.
Kapo sitzt am Drücker
«Diese Zeiten sind vorbei», sagt Olivier Floc’hic und steigt in seinen Wagen. Wir verlassen die Raststätte Bavois, um die Waadtländer Antwort auf das Stauproblem hautnah mitzuerleben. Nach wenigen Kilometern, kurz nach der Abzweigung Lausanne/Genf, offenbart sich des Rätsels Lösung: Drei grüne Pfeile leuchten einige Meter über der Fahrbahn und signalisieren den Verkehrsteilnehmern freie Fahrt auf drei Spuren – eine davon ist der Pannenstreifen. «Bald werden sie die dritte Spur wieder abschalten», sagt Floc’hic und überfährt die durchzogene Linie. Mit «sie» ist die Kantonspolizei Waadt gemeint. Diese entscheidet, wann die zusätzliche Spur geöffnet und wann sie geschlossen wird. Zählt der Verkehrsmanager in der Betriebszentrale etwa zu Stosszeiten mehr als 35 Fahrzeuge pro Kilometer, schaltet das Signal auf grün und gibt so den Pannenstreifen für den Verkehr frei.
6 Millionen pro Kilometer
Ende 2009 wurde die temporäre Nutzung der Pannenstreifen als schweizweit einmaliges Pilotprojekt lanciert. Auf fünf Kilometern Länge, zwischen Morges und Ecublens, erneuerte das Astra den Belag und montierte alle 500 Meter Signalanlagen, welche die Öffnung der Pannenstreifen und allfällige Geschwindigkeitsreduktionen anzeigen. Die Investitionen beliefen sich auf rund 30 Millionen Franken.
Dass sich das Geld gelohnt hat, konnte das Bundesamt mittels mehrerer Evaluationen belegen: Nicht nur habe es auf der betroffenen Strecke so gut wie keine Staus mehr gegeben, auch das Unfallrisiko sei kleiner geworden. «Zum Teil sind die Effekte auf die Temporeduktion zurückzuführen», räumt Olivier Floc’hic ein. Wissenschaftliche Studien hätten ergeben, dass Autobahnen ihre maximale Kapazität bei einer Geschwindigkeit von etwas über 80 km/h erreichten – daher wird die Tempolimite auf dem Engpass zwischen Lausanne und Genf auf 80 oder 100 km/h beschränkt. «Wir konnten aber auch belegen, dass die Pannenstreifen ein wirksames Mittel gegen Staus sind», ergänzt der Informationsbeauftragte.
Dieser Erfolg hat den Bundesrat auf den Plan gerufen: Mitte Januar gab er bekannt, die temporäre Nutzung der Pannenstreifen ins Massnahmenpaket gegen die zunehmende Stauproblematik aufzunehmen.
Grünes Licht statt Busse
«Klar, für viele Fahrer war das zu Beginn ungewohnt», sagt Olivier Floc’hic und weist auf die vorbeifahrenden Autos. «Normalerweise wird das Fahren auf dem Pannenstreifen gebüsst.» Erst durch eine umfangreiche Informationskampagne in Gemeinden und Unternehmen hätten sich die Automobilisten nach und nach an die neue Option gewöhnt. Der Astra-Mann hat die Erkundungstour unterbrochen und steht auf einer Autobahnbrücke im Osten von Morges – mittendrin in der ehemaligen Stauzone.
«Dass unser Projekt auf die ganze Schweiz ausgeweitet wird, macht uns stolz», sagt Floc’hic. Eine Patentlösung für alle Verkehrsprobleme dürfe man in den Pannenstreifen aber nicht sehen. Bei der Umsetzung müsse man beachten, dass sich die temporäre dritte Spur nicht in jeder Umgebung erstellen lasse: «Die Pannenstreifen müssen breit genug sein und die Last der 40-Tönner aushalten können.» Zudem würden Unter- und Überführungen die Realisierung erschweren – Tunnels seien gar ein kaum zu bewältigendes Hindernis.
Zwischen Muri und Kirchberg
Wo also können die Pannenstreifen den Verkehrsfluss im Kanton Bern verbessern? «Geplant sind Abschnitte auf der A1 und der A6 zwischen Muri und Kirchberg», sagt Olivier Floc’hic. Genauere Angaben – auch hinsichtlich des Baubeginns – könne er zu diesem Zeitpunkt nicht machen. Nur so viel: Man plane in einem Zeitrahmen zwischen einigen Monaten und zwei Jahren.
Mittlerweile ist es kurz vor Mittag, die Lichtsignale für den Pannenstreifen stehen wieder auf Rot. Nichts ist mehr zu sehen von der dreispurigen Autobahn – wie überall in der Schweiz reihen sich die Autos brav auf zwei Spuren ein. Doch ein Unterschied bleibt: Auf Knopfdruck lässt sich hier ein Stau auflösen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 03.02.2012, 06:49 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
2 Kommentare
Ich finde es nicht gut, aber wenn wirklich alle 500m eine Ampel ist und bei Panne wieder rot geschaltet werden kann ist es okay, aber man sollte sich auch einig werden, bei den Einspurstrecken von Autobahn - Einfahrten, dort wird im BL mit Ausweisentzug gebüsst, wenn man den Pannenstreifen, nach dem Ende der Einfahrspur zum Einfädeln in den Verkehr verwendet, SZ + BE lernt es die Fahrschule Antworten
Schweiz
- 18:44Nach dem Kampfjet erhitzen die Militärvelos die Gemüter
- 15:25Hacker dringen in EDA-Computernetzwerk ein
- 12:32Kriminaltouristen rücken mit schwerem Geschütz vor
- 10:49So will Levrat ein Nein zu den Steuerabkommen erzwingen
- 08:32FDP-Präsident Müller will Gripen abschiessen
- 23:34Roger de Weck in der Kritik
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Bitte warten




