Schweiz

«Frauen haben in der Regel ein höheres Körperbewusstsein»

Schweizerinnen und Schweizer werden immer dicker. Thomas Mattig von Gesundheitsförderung Schweiz erklärt warum das so ist und wie er dagegen kämpft.

Gesundheitsförderer: Thomas Mattig.

Gesundheitsförderer: Thomas Mattig. (Bild: ZVG)

«Frauen sind aber umgekehrt auch stärker von Untergewicht betroffen»: Badende.

«Frauen sind aber umgekehrt auch stärker von Untergewicht betroffen»: Badende. (Bild: Keystone)

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Zur Person

Thomas Mattig, ist seit 2007 Direktor der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. Davor war er in leitender Funktion beim Schweizerischen Versicherungsverband und sowie einer Versicherungsgesellschaft tätig. Sein Rechtsstudium in Basel und Fribourg schloss er mit einer Promotion ab. Bis heute ist Thomas Mattig in einer Vielzahl nationaler und internationaler Gremien im Gesundheits- und Präventionsbereich engagiert. Er ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Bern.

Gesundheitsförderung Schweiz
Gesundheitsförderung Schweiz ist eine Stiftung, die von Kantonen und Versicherern getragen wird. Mit gesetzlichem Auftrag initiiert, koordiniert und evaluiert sie Massnahmen zur Förderung der Gesundheit (Krankenversicherungsgesetz, Art. 19). Die Stiftung unterliegt der Kontrolle des Bundes. Oberstes Entscheidungsorgan ist der Stiftungsrat. Die Geschäftsstelle besteht aus Büros in Bern und Lausanne. Jede Person in der Schweiz leistet einen jährlichen Beitrag von CHF 2.40 zugunsten von Gesundheitsförderung Schweiz, der von den Krankenversicherern eingezogen wird.

Übergewicht und Fettleibigkeit haben laut neusten Zahlen in den letzten 15 Jahren stark zugenommen, bei den Männern von 40 auf fast 50 Prozent und bei den Frauen von 22 auf 31 Prozent. Ein alarmierendes Zeichen?
Wir haben in der Schweiz in der Tat immer mehr Probleme mit Übergewicht und Fettleibigkeit. Wenn heute schon mehr als ein Drittel der Schweizerinnen und Schweizer zu viel Gewicht auf die Waage bringt, ist Handeln angesagt. Die Folgen von Übergewicht und Fettleibigkeit sind dramatisch. Einerseits sind die Betroffenen selbst stark eingeschränkt. Andererseits liegen die Folgekosten für die Gesellschaft in Milliardenhöhe. Wir können es uns nicht mehr leisten, tatenlos zuzusehen.

Was sind die Gründe für diese Zunahme?
Unser Leben hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert. Obwohl wir immer mobiler werden, bewegen wir uns viel weniger. Die 24-Stunden-Gesellschaft fordert viel von uns. Zeit ist knapp, das Angebot an Convenience-Produkten und energiedichter Zwischenverpflegung ist gross. In diesem Dschungel aus Angeboten und Verlockungen verliert man leicht die Orientierung. Für die Zunahme sind also auch die sozialen Rahmenbedingungen verantwortlich.

Geht die Entwicklung so weiter? Müssen wir mit amerikanischen Verhältnissen rechnen?
Diese Entwicklung ist weltweit zu beobachten, nicht nur in westlichen Industriestaaten, sondern sogar in Entwicklungsländern. Nur mit frühzeitigen Weichenstellungen und Interventionen kann dieser Trend gebremst werden.

Hat die Prävention versagt?
Innerhalb des Gesundheitswesens hat sich in der Vergangenheit der Fokus nur sehr langsam hin zu mehr Gesundheitsförderung und Prävention verschoben. Das Potenzial in diesem Bereich ist noch lange nicht ausgeschöpft. Die Massnahmen zeigen ihre Wirkung zudem nicht von heute auf morgen. Um eine ganze Gesellschaft für ein Thema zu sensibilisieren braucht es Zeit. Die ersten Erfolge – vor allem beim Ernährungsverhalten von Kindern – zeigen sich aber bereits.

Worauf muss die Prävention in Zukunft setzen?
Gesundheitsförderung Schweiz setzt bei der Gesundheitsförderung und Prävention im Bereich des gesunden Körpergewichts vor allem bei Kindern und Jugendlichen an. Mit unseren Programmen, die wir gemeinsam mit den Kantonen durchführen, wird schon bei den Kleinsten viel Wert auch Bewegung und ausgewogenes Essen gelegt. Die Resonanz darauf ist bisher absolut positiv – von Kindern, Eltern und Erziehenden.

Der grosse Unterschied zwischen Frauen (31 Prozent) und Männern (50 Prozent) überrascht. Wie lässt sich das erklären?
Tendenziell kann man sicher sagen, dass Frauen in der Regel ein höheres Körperbewusstsein haben und sich stärker mit Gesundheit und Ernährung auseinandersetzen. Dadurch haben sie mehr Gesundheitskompetenz, die sie für sich einsetzen können. Frauen sind aber umgekehrt auch stärker von Untergewicht betroffen.

Kann man Fettleibigkeit und Übergewicht auf die Formel «arm gleich dick» reduzieren?
Eine gesunde Ernährung ist nicht allein von den finanziellen Mitteln abhängig. Es geht vielmehr um die gesamten Lebensumstände, in die Menschen hineingeboren werden, in denen sie aufwachsen, leben, arbeiten und schliesslich alt werden. Diese sogenannten sozialen Determinanten der Gesundheit sind alle miteinander verknüpft. Was sie im Kern verbindet, ist die Frage nach der individuellen Freiheit. Wie viel Freiheit haben Menschen, ihr Leben individuell zu gestalten? Wie viel Kontrolle hat der Einzelne über sein Leben? Wie frei kann sich ein Mensch für oder gegen einen gesunden Lebenswandel entscheiden?

Amerika setzt auf Fettsteuern und Abgaben für stark zuckerhaltige Getränke. Ist das der richtige Weg?
Das eigene Wohlbefinden hängt zu einem grossen Teil von der individuell wahrgenommenen Gestaltungsfreiheit ab. Es sind in den meisten Fällen nicht einzelne Lebensmittel, die zu Übergewicht führen, sondern der gesamte Lebenswandel. Ein Verbot ungesunder Nahrungsmittel bringt langfristig also wenig und wirkt eher kontraproduktiv. Der Staat sollte vielmehr auf eine Veränderung der sozialen Rahmenbedingungen hinwirken und so die Gesundheit aller Schweizerinnen und Schweizer nachhaltig verbessern.

Wird das Problem von Übergewicht und Fettleibigkeit am Ende gar überbewertet?
Es steht ausser Frage, dass Übergewicht und Fettleibigkeit schwere gesundheitliche Konsequenzen haben. Das Bewusstsein für die Grössenordnung dieses Problems ist heute vorhanden. Zahlreiche wirksame Massnahmen sind eingeleitet und werden auf nationalem Niveau koordiniert. Wichtig ist, dass man diese Bemühungen nun fortsetzt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.03.2010, 15:56 Uhr

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