Schweiz

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Forscher sagen: Kinder leben in AKW-Nähe nicht gefährlicher

Von Philippe Müller. Aktualisiert am 13.07.2011 4 Kommentare

In der Schweiz erkranken Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken leben, nicht häufiger an Krebs als andere Kinder. Zu diesem Schluss kommt eine breit angelegte nationale Studie der Universität Bern. Die Studie wurde von der BKW mitfinanziert.

Die untersuchten Standorte

Die untersuchten Standorte

Grosses Interesse: Eine beachtliche Schar an Medienleuten folgte gestern den Erklärungen von Matthias Egger
vom Forschungsteam der Universität Bern. (Bild: Beat Mathys)

«Kernenergie nahm nichtEinfluss»

Die Unabhängigkeit der Canupis-Studie sei garantiert, sagt Werner Zeller vom Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Die Canupis-Studie wurde von den AKW-Betreibern Axpo und BKW finanziell unterstützt. Welchen Einfluss hatten sie?

Werner Zeller: Gar keinen. Wir haben ganz stark auf Gewaltentrennung geachtet. Axpo und BKW haben das Geld auf ein Sperrkonto des Bundesamts für Gesundheit (BAG) einbezahlt. Es waren die Krebsliga Schweiz und das BAG, welche die Universität Bern mit der Studie beauftragten. Auch wir als Auftraggeber hatten keinerlei Einfluss auf die Studienautoren.

War es nicht etwas unsensibel, ausgerechnet die Axpo und die BKW ins Boot zu holen?

Wir haben sie nicht ins Boot geholt, sondern Geld von ihnen akzeptiert. Wir waren darum bemüht, das Geld sinnvoll einzusetzen und haben ausserdem wie ein bissiger Wachhund dafür gesorgt, dass auf die Studie kein Einfluss genommen werden konnte. Die Kernenergie hat das auch gar nicht versucht. Sie hat die Resultate im Übrigen gleichzeitig mit den Medien erfahren.

Axpo und BKW haben das Geld selbst angeboten?

Sie haben bekannt gegeben, dass sie bereit seien, eine solche Studie zu unterstützen. Die Alternative wäre gewesen, dass der Steuerzahler die Beiträge der Kernenergie von 200'000 Franken hätte übernehmen müssen.

Unabhängigkeit ist also garantiert?

Ja. Selbst wenn man den Versuch einer Einflussnahme theoretisch annehmen wollte;?praktisch ist er ausgeschlossen. Denn die verwendeten Daten stammen aus dem Kinderkrebsregister. Sie wurden von der Schweizerischen Pädiatrischen Onkologiegruppe gesammelt und lagen schon vor, als die Studie in Auftrag gegeben wurde. Für die Studie wurden die Datensätze erweitert, man forschte nach, wo die Kinder zur Zeit der Geburt und der Diagnose gewohnt haben. Darauf kann man gar keinen Einfluss nehmen.

Welche Erwartungen hatten Sie an die Studie?

Einzig, dass sie wissenschaftlich sehr gut abgestützt ist und dass wir klare Resultate erhalten.

Ist mit diesem Resultat das Thema Leukämie bei Kindern in der Nähe von AKW für Sie erledigt?

Nein. Diese Studie gibt uns Auskunft über die Situation heute. Wir wollen nun diese wertvollen Daten genauer anschauen. Vielleicht ergeben sich weitere Analysen daraus.

In welchem Bereich des Strahlenschutzes wären weitere Studien nötig?

Wichtig wäre zuerst einmal, dass weitere gute Daten gewonnen werden, etwa über die Krebserkrankungen bei Erwachsenen.

Da gibt es immer noch Lücken?

Bei den Erwachsenen leider deutliche. Das ist eine Aufgabe für die Zukunft. Wir hätten uns etwa nach Tschernobyl gute Krebsregister gewünscht, dann hätten wir auch viel früher klare Aussagen machen können, ob etwa die Zahl von Schilddrüsenkrebs angestiegen ist.

Aufgrund welcher Daten wurden denn Aussagen zu Tschernobyl gemacht?

Dank Radioaktivitätsmessungen kennen wir die Dosen, denen wir ausgesetzt waren. Aufgrund derer können die zusätzlichen Krankheitsfälle nur abgeschätzt werden. Es ist wichtig, dass man das auch anhand von Daten sehen kann.

Ein flächendeckendes Krebsregister ist also nötig?

Ja, das ist auch die Haltung des?Bundesrats. Er hat im Dezember beschlossen, eine gemeinsame gesetzliche Basis für ein nationales Krebsregister zu schaffen. Interview: Brigitte Walser/Philippe Müller

Werner Zeller ist Leiter der Abteilung Strahlenschutz beim Bundesamt für Gesundheit (BAG)

Die Resultate der Untersuchung wurden mit Spannung erwartet: Ein Forschungsteam des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern hat sich während zweier Jahre mit der Frage beschäftigt, ob die Nähe zu Atomkraftwerken Einfluss auf die Leukämiehäufigkeit bei Kindern hat. Die verkürzte Antwort: nein. Oder anders formuliert: Falls es einen Zusammenhang gibt, haben ihn die Forscher nicht gefunden.

Die Canupis-Studie (Abkürzung für «Childhood Cancer and Nuclear Power Plants in Switzerland») war sehr aufwendig angelegt, was auch die vergleichsweise hohen Kosten von 800'000 Franken erklärt. Zwischen September 2008 und Dezember 2010 verglich das Team der Universität Bern das Risiko für Leukämie und andere Krebsarten bei Kindern, die in der Nähe von AKW geboren wurden, mit demjenigen von Kindern, die weiter entfernt geboren wurden. Alle zwischen 1985 und 2009 in der Schweiz geborenen Kinder wurden in die Studie aufgenommen. Die für die Studie notwendigen Daten stammen aus dem Schweizer Kinderkrebsregister, die Angaben zum Wohnort aus den beiden Volkszählungen von 1990 und 2000.

Problem: Kleine Fallzahlen

Bei Kindern unter fünf Jahren wurden zwischen 1985 und 2009 in der Schweiz 573 Fälle von Leukämie diagnostiziert. Die allermeisten davon traten bei Kindern auf, die mehr als 15 Kilometer von einem AKW entfernt zur Welt kamen. Aufgrund der gesamtschweizerischen Fallzahlen hätten die Forscher für die Zone von 0 bis 5 Kilometer Entfernung zu einem AKW 6,8 Leukämiefälle erwartet. Tatsächlich festgestellt haben sie aber 8 Fälle, also knapp 20 Prozent mehr als erwartet.

Der Leiter des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern, Matthias Egger, leitet daraus jedoch kein erhöhtes Krebsrisiko ab. Das wäre unseriös, sagte er gestern vor den Medien. Vielmehr müsse man bei dieser kleinen Fallzahl von Zufall sprechen. Dies umso mehr, als in der Zone mit 5 bis 10 Kilometern Entfernung zum nächsten AKW die effektive Fallzahl deutlich unter den Erwartungen gelegen sei. In keiner Analyse sei das Risiko für Krebserkrankungen statistisch signifikant erhöht gewesen. Egger zog ein klares Fazit: «Wir haben keine Hinweise dafür gefunden, dass das Leukämierisiko für Kinder in der Nähe von Atomkraftwerken und anderen nuklearen Installationen höher ist als anderswo.»

Ärzte üben Kritik

Die Canupis-Studie zog noch während der gestrigen Medienkonferenz den Ärger von Kritikern auf sich. Zwei im Saal anwesende Mitglieder des Vereins «Ärzte gegen den Atomkrieg» stellten die Studie in Frage. Die Schweiz sei nicht gross genug, um in dieser Frage statistisch relevante Resultate zu erhalten, monierten sie. Relevanter sei deshalb die deutsche Kikk-Studie, die für Kinder in AKW-Nähe ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko festgestellt habe (siehe Kasten). Egger verteidigte die wissenschaftliche Robustheit der Schweizer Studie: «Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das Risiko in der Schweiz so stark erhöht ist, wie es die deutsche Studie für Deutschland errechnete.»

100'000 Franken von der BKW

Die 2007 erschienene deutsche Kikk-Studie war ausschlaggebend dafür, dass in der Schweiz die Canupis-Studie gestartet wurde. Krebsliga und Parlament befürchteten ähnliche Zusammenhänge in der Schweiz. Finanziert wurde die Canupis-Studie mit jeweils 400'000 Franken von der Krebsliga Schweiz und vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Wobei die Hälfte des BAG-Anteils ausgerechnet die beiden AKW-Betreiber Axpo und BKW beisteuerten. Werner Zeller vom BAG versicherte, dass die AKW-Betreiber keinerlei Einfluss auf die Studie gehabt hätten (siehe Interview).

Die BKW begründet ihre Spende von 100'000 Franken mit dem Wunsch nach einer «transparenten und neutralen Beurteilung» eines allfälligen Zusammenhangs zwischen Kinderleukämie und Kernkraftwerken. Man nehme die Resultate der Studie zur Kenntnis. «Sie bestätigen die Ergebnisse ähnlicher Erhebungen», so ein BKW-Sprecher.

Krebsliga akzeptiert Resultate

Bei der Krebsliga zeigte man sich gestern erleichtert. Rolf Marti, Leiter des wissenschaftlichen Sekretariats, glaubt an die Qualität der Canupis-Studie und akzeptiert die Ergebnisse. Er sieht momentan keinen akuten Bedarf für weitere Untersuchungen, schliesst aber nicht aus, dass die Krebsliga irgendwann eine ähnliche Studie in Auftrag geben wird. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.07.2011, 11:34 Uhr

4

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

4 Kommentare

Edwin Schaltegger

13.07.2011, 21:28 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Endlich eine positive Nachricht, die den irrationalen AKW-Hysterikern den "Wind aus den Segeln" nimmt. Die Strahlenbelastung ausserhalb unserer AKW's entspricht der natürlichen Strahlenbelastung u. wir streng überwacht! Die Belasungen am 12.07.211 beträgt gemäss NAZ-Messung in Mühleberg: 111 nSv/h in Zermatt 145 nSv/h = bedingt d. radioaktive Gesteins- u. kosmischer Strahlung! Antworten


Soraya Moana

13.07.2011, 14:10 Uhr
Melden

Sind das unabhängie Forscher? Oder sind die befangen weil mit der Atomlobby verbandelt? Wie glaubwürdig ist diese Studie und wie glaubwürdig sind die Autoren der Studie? Antworten




Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

FÜR IHRE FREIZEIT

Für Ausgehtipps in der Region, nutzen Sie einfach unsere Agenda.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.