Fighter kämpfen um Anerkennung

Von Michael Widmer. Aktualisiert am 25.07.2009

Free Fighting gilt als besonders harter Kampfsport. In den USA ist er ausserordentlich beliebt. Jetzt soll in der Schweiz eine Amateurliga entstehen. Politiker und Gewaltexperten sind beunruhigt.

Hart: In den USA ist es erlaubt, gegen den am Boden liegenden gegner weiterzukämpfen, bis er k.o. geht oder aufgibt.

Hart: In den USA ist es erlaubt, gegen den am Boden liegenden gegner weiterzukämpfen, bis er k.o. geht oder aufgibt.
Bild: Keystone

Griechische Wurzeln

Mixed Martial Arts («Gemischte Kampfkünste») ist eine relativ neue Form des Vollkontaktwettkampfes. Die Wurzel dieses Sportes ist das Pankration, das zur Zeit der ersten Olympischen Spiele in Griechenland ausgeübt wurde. Der Sieg beim Pankration führte nur über K.o., Aufgabe oder den Tod des Gegners. So weit gehen die heutigen MMAs nicht, obwohl seit 1996 drei Kämpfer gestorben sind. Dass im Bodenkampf geschlagen und zum Teil getreten werden darf, ist aber das Hauptunterscheidungsmerkmal zu anderen Vollkontaktsportarten. (mic)

Zwei Muskelpakete, blutverschmiert, prügeln aufeinander ein. Ein Kämpfer wird zu Fall gebracht und liegt am Boden. Der andere versucht ihn mit Tritten und weiteren Schlägen vollends ausser Gefecht zu setzen.

So präsentiert sich Free Fighting in Videos im Internet: äusserst brutal. Tatsächlich vereint Free Fighting oder präziser Mixed Martial Arts (MMA) diverse Kampfsportarten in einem Vollkontaktwettkampf. Da werden Schlag- und Tritttechniken des Boxens oder des Kickboxens sowie Bodenkampftechniken des Ringens und Judos und weiterer Sportarten eingesetzt. Das Besondere an MMA: Es darf weitergekämpft werden, auch wenn der Gegner am Boden liegt.

Liga ab 2010

In den USA kommt der Wettkampf an. Insider behaupten, er sei dort inzwischen beliebter als Boxen. Und auch in der Schweiz findet er mehr und mehr Anklang. Am 19.September steigt im Zürcher Volkshaus das Shooto Switzerland, der erste MMA-Grossanlass hier zu Lande. Die Organisatoren erwarten «ein volles Haus».

Derweil plant Rafael Perlungher bereits für die Zukunft. «Wir führen im nächsten Jahr in der Schweiz eine Amateurliga des MMA ein», sagt der Inhaber der Luzerner Kampfsportschule Yogaka Mixed Martial Arts Academy. Auch eine Nationalmannschaft soll gegründet werden.

«Grenze überschritten»

Das ruft umgehend Kritiker auf den Plan. «Dass in diesem Sport weitergekämpft werden darf, auch wenn der Gegner am Boden liegt, erachte ich als hoch problematisch. Da wird eine entscheidende Grenze überschritten», sagt Martin Schmid, Sozialpädagoge, Gewaltberater und -pädagoge aus Solothurn und früher selbst Judoka.

Die Walliser CVP-Nationalrätin Viola Amherd gilt als Fachfrau für Jugendgewalt. Auch sie ist gegenüber MMA «skeptisch». Ganz allgemein habe die Brutalität in der Gesellschaft zugenommen. «Werden solche Sportarten legitimiert, könnten die Leute meinen, solches Vorgehen sei erlaubt.»

Und Roland Zolliker, Zentralpräsident des Schweizer Karateverbandes, meint: «Für mich ist die Einführung einer solchen Sportart ein Rückschritt. Da wird gekämpft wie im alten Rom.» Besonders kritisch ist Zolliker gegenüber Schlägen gegen den Kopf. «Ich frage mich schon, was für Leute das sind, die sich in den USA derart prügeln. Das ist schlicht nicht vernünftig», sagt der Karatefachmann. Es sei mit schweren Verletzungen und Spätfolgen zu rechnen.

«Hart arbeiten»

Für Perlungher ist die Kritik an «seiner» Sportart nicht neu. Er führt sie auch darauf zurück, dass viele nicht wissen, was MMA genau ist. Diese Sportart sei nichts für Laien und nicht zu vergleichen mit Schlägereien in der Freizeit. «Der Sport ist enorm hart, entsprechend auch das Training. Es gilt, die Techniken zu verinnerlichen und hart an der Disziplin zu arbeiten. Dazu braucht man unter Umständen Jahre.»

«Ausserdem», betont der Kämpfer, «ist die Amateurversion, die wir planen, im Vergleich zu den US-Profikämpfen massiv abgeschwächt.» Gekämpft werde hier mit Kopfschutz, Schienbeinschonern sowie grösseren Handschuhen. Der Kampf sei auf zweimal drei Minuten verkürzt, und sobald beim am Boden Liegenden drei Schläge durchkämen, sei der Kampf entschieden. Dennoch: Gemäss Regelbuch sind Schläge, Tritte, Ellbogenhiebe und Kniekicks gegen den Kopf erlaubt. «Free Fighting ist dennoch ein verwirrender Begriff», betont Perlungher. «Der Sport kennt natürlich Regeln, und wir setzen gewisse Grenzen.»

Nicht nur blutige Show

Für Gewaltberater Martin Schmid und auch für den Jugend- und Kinderpsychologen Allan Guggenbühl ist dies entscheidend. «Es gilt, transparent zu machen, dass dies ein Sport mit klaren Regeln ist.» Jungen Männern dürfe man nicht verbieten, aggressiv zu sein. «Sie müssen aber lernen, wie sie ihre Aggression ausleben dürfen», erklärt Guggenbühl. Wer einfach so zuschlage und andere Menschen ins Gesicht kicke, sei schlicht ein Banause und habe keine Ahnung, wie man richtig kämpfe. «Zentral für einen Kampfsport ist der Respekt vor dem Gegner», hält Schmid fest.

«Sollten die Veranstalter den Sport gezielt einschränken, sind sie auf dem richtigen Weg», meint Roland Zolliker vom Karateverband. Es gehe eben darum, eine echte Sportart auszuüben und nicht einfach einen brutalen und blutigen Showkampf für das Publikum zu bieten. Vorderhand, ist sich Zolliker aber sicher, «wird MMA weder von Jugend und Sport noch von Swiss Olympic anerkannt werden».

«Lernen fürs Leben»

Für Perlungher ist dennoch klar, dass die Jugendlichen im Kampfsport Halt finden können. «Es ist doch besser, wenn sie sich im MMA abreagieren und sich beweisen können, statt dass sie in der Freizeit ihre Aggressionen abbauen müssen. Im Training können sie viel fürs Leben lernen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.07.2009, 13:37 Uhr

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