Schweiz

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Fälle von Kindesmisshandlungen nehmen zu

Von Martin Kaiser. Aktualisiert am 03.02.2009

Die Kinderschutzgruppe des Zürcher Kinderspitals meldet Unerfreuliches:Die Fälle von Kindesmisshandlungen nehmen zu. Die Zahlen sind aber nicht repräsentativ, eine nationale Statistik fehlt. Diese soll nun erstellt werden.

Die Zahlen, die das Kinderspital in Zürich gestern veröffentlichte, sind auf den ersten Blick alarmierend. Im Jahr 2008 war die Kinderschutzgruppe des Spitals mit 455 gemeldeten oder selber entdeckten Verdachtsfällen von Kindesmisshandlung und -missbrauch konfrontiert – plus 13 Prozent gegenüber 2007. Zwei Drittel aller mutmasslich misshandelten Kinder waren Mädchen, was dem langfristigen Trend entspricht. In 165 Fällen ging es um sexuelle Gewalt, 141 Fälle betrafen körperliche Gewalt, 72 Fälle psychische Gewalt, 50 Fälle zählten zur Kategorie «Vernachlässigung».

Diese Zahlen sind zwar unerfreulich, aber etwas zu relativieren. Effektiv stellten sich 2007 275 und 2008 285 Fälle als bestätigte Misshandlung heraus. Die restlichen Fälle haben sich nicht bestätigt oder blieben unsicher. Absolut betrug die Zunahme also «nur» 3,6 Prozent. Zudem waren 2006 (432 Verdachtsfälle, 304 bestätigte Misshandlungen), 2005 (396, 269) und 2004 (458, 281) ähnlich unerfreuliche Jahrgänge. Dennoch: Der Leiter der Kinderschutzgruppe Ulrich Lips zeigt sich besorgt.

Früher mehr weggeschaut

Für Lips gibt es handfeste und hypothetische Gründe für die Zunahme der Meldungen von Missbrauchsfällen. Tatsache sei, dass die Öffentlichkeit und die Fachgremien heute dafür mehr sensibilisiert seien – «das Thema Kindesmissbrauch ist nicht mehr tabu wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren». Hortleiterinnen, Lehrer, Grosseltern und Nachbarn würden Verdachtsmomente heute rascher melden.

Rund die Hälfte der Fälle gelange auf diesem Weg ans Licht. In den anderen Fällen ergebe sich der Verdacht erst im Spital, zum Beispiel wenn ein Kind mit einem Knochenbruch eingeliefert wird und sich bei der Untersuchung zeigt, dass der Bruch nicht auf einen Treppensturz zurückzuführen ist, wie die Eltern oft glaubhaft machen wollen. «Wir müssen uns aber ganz sicher sein, dass unsere Diagnose stimmt», sagt Lips hierzu. «Im Endeffekt machen wir in gut 20 Prozent der Verdachtsfälle, auf die wir im Spital stossen, eine Gefährdungsmeldung.»

Die Beweise fehlen

Der andere mögliche Grund für die Zunahme der Meldungen bei einem Verdacht ist ein rein hypothetischer: Missbräuche und Misshandlungen nehmen tatsächlich zu – «das können wir aber nicht beweisen», sagt Lips. Hier könne man nur abwarten, wie sich die Zahlen in den nächsten Jahren entwickelten, und dann Rückschlüsse daraus ziehen.

Es gibt aber auch Experten, die unverblümt sagen, Gewalt an Kindern sei nicht die Ausnahme, sondern Norm und Regel. Eine Mehrheit der Kinder werde von ihren Eltern geschlagen, sagte jüngst etwa Franz Ziegler, Psychologe der Fachstelle Kindesschutz Kanton Solothurn, gegenüber dieser Zeitung. Mit der Thematik Jugendgewalt und Jugendkriminalität werde, auch von namhaften Politikern, wieder die «harte Hand im Elternhaus» gefordert – gerade auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten. Diesbezüglich war das Jahr 2008 kein auffälliges Jahr. 2009 könnte eines werden.

Mangelnde Koordination

Die nackten Zahlen aus Zürich sind das eine – sie sind aber nur wenig aussagekräftig. Jede Anlaufstelle führt eine eigene Statistik. Diese werden kaum koordiniert. Zudem existiert im Verdachtsfall keine Meldepflicht.

Die Fachstelle Kindesschutz Kanton Solothurn verzeichnete 2007 154 Fälle von Gewalt an Kindern. Zahlen für das Jahr 2008 sind auf Grund der Umstrukturierung der Sozialregionen (und unterschiedlicher Auffassungen darüber, welche Informationen an die Öffentlichkeit gehören) nicht erhältlich.

Auf der Abteilung Kinderschutz des Inselspitals in Bern sah sich gestern auf Anfrage niemand im Stande, statistisches Material herauszugeben.

Eine nationale Statistik über die Zahl der Misshandlungen an Kindern existiert gar nicht.

Kinderkliniken handeln

Immerhin: Die 38 Kinderkliniken in der Schweiz spannen nun zusammen und lancieren die erste gesamtschweizerische Statistik über die Häufung von Kindesmissbrauch und -misshandlungen. «Gut» finde er das, sagt Franz Ziegler. Nur: «Diese Zahlen sind nur die oberste Spitze des Eisbergs.» Längst nicht alle Fälle tauchten in der Statistik der Kinderspitäler auf. Viel repräsentativer wäre eine Statistik über sämtliche Meldungen, die bei den Vormundschaftsbehörden eingehen. Das seien ein paar tausend jedes Jahr, sagt Ziegler. Aber auch hier: Eine solche Statistik gibt es nicht.

«Statistik genügt nicht»

Für Andrea Hauri, Leiterin Fachbereich Kindesschutz bei der Stiftung Kinderschutz Schweiz, ist von den Zürcher Zahlen nicht direkt auf eine Zunahme von Gewalt an Kinder zu schliessen, sondern darauf, dass mehr Verdachtsfälle gemeldet werden. Die Kinderschutzgruppen hätten so aber mehr zu tun und «eher die Möglichkeit, Gewaltvorfälle in einem frühen Stadium zu erfassen», sagt Hauri – und das sei an sich eine erfreuliche Meldung.

Entscheidend wäre aber, das tatsächliche Ausmass zu erkennen. Und dazu genüge die Statistik, die die Kinderkliniken jetzt erstellen wollen, nicht. «Dazu wäre eine umfassende Datenerhebung mit Berücksichtigung der Dunkelziffer nötig», sagt Andrea Hauri. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.02.2009, 07:18 Uhr


Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

FÜR IHRE FREIZEIT

Für Ausgehtipps in der Region, nutzen Sie einfach unsere Agenda.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.