«Es gibt keine Verlagerung!»
Interview: Norbert Raabe. Aktualisiert am 16.12.2011 89 Kommentare
Ulrich Giezendanner ist seit dem Jahr 1991 für die SVP im Nationalrat. Als Transportunternehmer in Rothrist ist er zudem Mitglied der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrates. Er setzt sich dort und in Wirtschaftsgremien für die Interessen der Transportbranche ein. (Bild: Keystone )
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Rollende Landstrasse und UKV-Transporte
Die Rollende Landstrasse (kurz RoLa) ist ein Transportsystem für den kombinierten Verkehr auf der Schiene. Dabei trägt ein spezieller Zug einen kompletten Lastwagen oder Sattelzug. Der Chaffeur ist während der Fahrt in einem Begleitwaggon untergebracht. Dagegen wird beim Transport im Unbemannten Kombinierten Verkehr (UKV) mit Containern gearbeitet, die in speziellen Terminals, ähnlich wie in einem Hafen, auf Züge verladen und weitertransportiert werden.
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Herr Giezendanner, der Bundesrat hat soeben mitgeteilt, dass bei der Verlagerung von der Strasse auf die Schiene das Zwischenziel 2011 nicht erreicht wird.
Das kommt nun wirklich nicht überraschend. Ich sage das schon seit dem Bau der Neat. Sehen Sie: 20 LKW entsprechen ungefähr einem Güterzug. Wenn Sie das Ziel von 650'000 Lastwagen durch 20 teilen, kommen sie auf 32'500 Güterzüge. Das ist einfach nicht realistisch.
Gleichwohl betont der Bundesrat in seinem Verlagerungsbericht natürlich, dass er an den gesetzlich verankerten Zielen festhält…
Es gibt keine Verlagerung! Jedes Jahr spricht man davon, die Takte bei den Personenzügen zu erhöhen, zum Beispiel in Richtung Milano. Dafür braucht es aber Kapazitäten: Ein Personenzug fährt mit bis zu 200 Stundenkilometern, ein Güterzug mit maximal 100. Das verträgt sich auf demselben Schienennetz nicht, zumal das Schweizer Netz schon überlastet ist.
Auch das Ziel von 650'000 Lastern für 2018 wird verfehlt. Der Verlagerungseffekt durch die Neat-Achse kann die Zahl der alpenquerenden Lkw-Fahrten offenbar nur auf heutigem Niveau stabilisieren. Wie sehen Sie das auf lange Sicht?
Der Lkw-Verkehr wird laut Prognosen von Fachleuten in den kommenden 20 Jahren auf mehr als das Doppelte steigen. Das glaube ich auch.
Fachleute sagten schon vor zwei Jahren, dass die Verlagerungsziele, die zuvor schon verschoben worden waren, schwer zu erreichen sind. Warum informiert der Bundesrat ausgerechnet jetzt?
Es geht auch um die verfügbaren Mittel. Man sieht nun, dass man das Geld nicht in Subventionen für die Verlagerungen stecken muss, sondern in den Unterhalt und Ausbau des Schienennetzes. Das ist viel dringlicher.
Die Alpentransitbörse sollte das zentrale Steuerungselement der Verlagerung werden. Sie wird laut dem Bundesrat in den nächsten Jahren kaum möglich sein, weil die Akzeptanz in den Nachbarländern und der EU gering sei…
Das halte ich für eine schöne Ausrede. Wir haben doch gar nicht die Kapazitäten, um die Lastwagen auf die Schiene zu zwingen.
Sie sind doch ohnehin dagegen.
Wenn eine Alpentransitbörse käme, wäre die Arbeit von UKV-Transporteuren (Unbemannter Kombinierter Verkehr, siehe Info-Box), wie auch von meinem Unternehmen, in den vergangenen Jahren zunichtegemacht. Der UKV hätte keinen Platz mehr auf der Schiene. Dabei ist diese Lösung ökonomisch und ökologisch viel sinnvoller als die Rollende Landstrasse (siehe Infobox), die von manchen Politikern favorisiert wird. Dabei wird dort mit den Lkws plus Ladung zu viel nutzlose Last transportiert.
Der Bundesrat will abklären, ob sich die LSVA als flankierendes Lenkungsinstrument für die Verlagerung ausgestalten lässt…
Das würde wohl vor allem mehr Einnahmen bringen. Die LSVA kann man aber so nicht einsetzen, wenn man die Kapazitäten auf der Schiene gar nicht hat.
Deutschland erprobt die Gigaliner, um Strassentransporte in Zukunft effizienter zu gestalten. In der Schweiz regt sich Widerstand dagegen. Auch bei Ihnen?
Als Transportunternehmer bin ich natürlich kein Freund der Gigaliner. Da würde ich mir ins eigene Fleisch schneiden: Ich bekomme nicht mehr Geld, wenn ich mit einem solchen Fahrzeug mehr Fracht transportiere.
Und als Verkehrspolitiker?
Ökologisch und ökonomisch gesehen sind Gigaliner das Nonplusultra. Auf 100 Kilometern transportieren sie mit 5 Litern mehr Diesel 15 Tonnen mehr Fracht.
Viele Kantone sind dennoch dagegen, genau wie der Nutzfahrzeugverband Astag – mit Aussicht auf Erfolg?
Die EU wird bei der Einführung so starken Druck machen, dass sich Gigaliner auf unseren Strassen wohl nicht verhindern lassen werden.
Die Kapazitäten auf den Strassen beeinflussen auch den alten Streit um eine zweite Gotthardröhre, für die es beim Stimmvolk noch nie eine Mehrheit gab. Wie sehen Sie das jetzt?
Mehrere Vorstösse sind im Parlament hängig, auch von mir. Wenn die Güter auf die Bahn sollen, aber die nötigen Kapazitäten fehlen, bleibt gar nichts anderes übrig. Das wird am Ende gemacht werden müssen.
Sie kämpfen schon seit Jahren unablässig dafür...
Ja, und wenn am Gotthard gebohrt wird, kann ich mich aus der Politik zurückziehen. Dann habe ich mein Ziel erreicht. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.12.2011, 15:20 Uhr
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89 Kommentare
SVP-Verkehrspolitiker Giezendanner will europäische Gigaliner auf unseren Strassen. "Das lässt sich nicht verhindern".
-
Danke bestens, Herr $VP-Politiker. Wenns fürs eigene Portemonnaie rentiert, ist auch die $VP nicht gegen EU-Normen und überdimensionierte EU-Lastzüge. Und die zweite Gotthardröhre soll auch gebaut werden, wenngleich das Volch dagegen war. Soso...
Antworten
Bravo Herr Giezendanner. Endlich einer der wagt, Kartext zu diesem Thema zu reden. Jedes Wort, das er sagt ist wahr, auch wenn Herr Giezendanner halt von der SVP ist...was er sagt ist trotzdem richtig...und es wird nicht falsch dadurch, dass er selber Transportunternehmer ist. Sachlich bleiben, liebe Kommentatoren! Antworten
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