«Es geht um Moral, um die Rolle der Frau und um Sexualität»

Sie ist in Burgdorf aufgewachsen, hat einst selber abgetrieben und kämpfte 30 Jahre lang an vorderster Front für den legalen Schwangerschaftsabbruch. Jetzt wehrt sich die 76-jährige Anne-Marie Rey erneut für die Sache der Frauen – kämpferisch wie eh und je.

Anne-Marie Rey kämpft  gegen die Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache».

Anne-Marie Rey kämpft gegen die Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache». Bild: Urs Baumann

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Um den Hals ein feines Foulard – grün wie ihre Augen, dezent geschminkte Lippen, sorgfältig gepflegte Fingernägel, schlanke Statur: Diese Frau will so wirken, wie sie sich das Frausein vorstellt. Unverfälscht, selbstbewusst, überzeugend und ohne falsche Effekthascherei. Äusserlich mag das Alter Spuren hinterlassen haben: Die markanten Falten im schmalen Gesicht sind nicht zu übersehen. Aber geistig ist Anne-Marie Rey in ihrem modisch geschnittenen Jackett jung geblieben – und hellwach.

Eigentlich könnte sie im Alter von 76 Jahren das geruhsame Leben einer Politpensionärin geniessen in ihrem warm eingerichteten Haus im Westen von Zollikofen – mit herrlichem Blick auf die sanfte Landschaft, die der «Chräbsbach» einst geformt hatte. Aber Anne-Marie Rey gibt keine Ruhe. Was sie erneut zum öffentlichen Disput herausfordert, ist die Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache», über die am 9.Februar abgestimmt wird.

Die Argumente der Initianten, die Finanzierung eines Schwangerschaftsabbruchs sei reine Privatsache und mit einem Ja zur Initiative liessen sich Gesundheitskosten einsparen, ist für die streitbare Rey «schlichtweg Blödsinn»: Gemäss Schätzungen würden die Einsparungen für die Krankenkassen bei 0,03 Prozent liegen – pro Versicherten wäre das vielleicht 1 Franken im Jahr. «Werden frauenspezifische Leistungen nicht mehr aus der Grundversicherung bezahlt, diskriminiert das alle Frauen», ärgert sich Anne-Marie Rey.

Betroffen wären insbesondere junge Mädchen, Migrantinnen und sozial schwache Frauen. Sie würden wieder wie früher illegale Abtreibungen vornehmen, sich für 30 Franken fragwürdige Pillen auf dem Internetschwarzmarkt besorgen und dann mit starken Blutungen im Spital landen.

Ihre eigene Geschichte

Ihren Kampf gegen die aus religiös-konservativen Kreisen lancierte Initiative ficht Anne-Marie Rey im Komitee «Nein zum Angriff auf die Fristenregelung» in prominenter Umgebung. Mit ihr im Vorstand sitzen die Frauenpräsidentinnen der grossen Parteien CVP, SP, FDP und der Grünen sowie Vertreterinnen diverser nationaler Frauenorganisationen. Und Rey ist gewappnet: Für das Komitee hat sie sich ein 24 Seiten starkes Argumentarium zusammengestellt, das sie fortlaufend ergänzt. Und jeweils auch gleich auf Französisch übersetzt, wie es ihrem gelernten Beruf als Übersetzerin entspricht.

«Es geht um Moral, um die Rolle der Frau in der Gesellschaft und um Sexualität,» deutet Anne-Marie Rey das wahre Motiv der Initianten. Und fühlt sich an ihre eigene Geschichte erinnert. Frühling 1964. Das Leben der damals 26-Jährigen ist erfüllt mit Tanz. Nun ist ein Sommerkurs für Ausdruckstanz, klassisches Ballett und Jazztanz in Deutschland angesagt, die Vorfreude ist riesig. Da kommt der Befund: schwanger. «Tanzen bedeutete für mich leben. Und das war absolut unvereinbar mit einer Schwangerschaft», erinnert sie sich an das aufwühlende Dilemma. Also entscheidet sie sich für den Abbruch.

Ausser mit ihrem Mann redet sie mit niemanden darüber, ohne Gutachten ist der Eingriff illegal. Doch der Weg ist für sie leichter als für die meisten Frauen damals, befindet sie sich doch in einer privilegierten Lage: Ihr Vater praktiziert als Frauenarzt mit eigener Klinik und hat eine liberale Einstellung zum heiklen Thema. Der Eingriff verläuft problemlos, auch später sollte Rey nie an ihrem damaligen Entscheid zweifeln und sich dann sehr über ihre drei willkommenen Kinder freuen.

Ihre erste Initiative

Ihr eigenes Erlebnis und die vielen dramatischen Erzählungen ihres Vaters über traurige Frauenschicksale lassen bei Anne-Marie Rey den Beschluss reifen, das Tanzen aufzugeben und sich gesellschaftspolitisch zu engagieren. 24.März 1970. An diesem Tag erscheint von ihr ein Artikel in «Der Bund» mit dem Titel: «Ein dringendes Problem: Geburtenregelung in der Schweiz». Das Echo lässt nicht auf sich warten. Denn der Zeitgeist mit dem Babyboom in den 60er-Jahren ist auf die Problematik Umwelt und Bevölkerungswachstum fokussiert.

Zudem heizen Gerichtsfälle im Kanton Neuenburg das emotionale Thema Schwangerschaftsabbruch an. Am 19.Juni 1971 lancieren eine Gruppe Kantonspolitiker und Anne-Marie Rey die erste Initiative für einen straflosen Schwangerschaftsabbruch. «Da bin ich als völlig unbeschriebenes Blatt in die Politik hineingerutscht», erinnert sie sich. Ihr Kampf für mehr Selbstbestimmung der Frauen sollte über 30 Jahre andauern: Am 2.Juni 2002 wird die «Fristenregelung» endlich angenommen.

Ihre Lehren aus dieser Zeit

Nun ist erneut eine Volksabstimmung angesagt, und sie tritt noch einmal an für die gleiche Sache. Heute allerdings als Frau, die inzwischen sehr wohl auf politische Erfahrungen zurückblicken kann: zuerst im Gemeindeparlament von Zollikofen, dann im Grossen Rat. Den Entscheid, sich in der SP zu engagieren, hatte sie einst an einer Versammlung der FDP gefällt, wo sie sich unter den anwesenden Frauen deplatziert vorkam: «Das sind Damen – und ich fühle mich als Frau.»

Die Sache der Frauen und ihre aufwühlenden Schicksale beschäftigten sie schliesslich über ihre Zeit als aktive Politikerin hinaus. 2007 veröffentlichte sie ein Buch über das 30-jährige Ringen um die Fristenregelung. Titel der 447 Seiten starken Memoiren: «Die Erzengelmacherin». So hatte sie einst Alexander Baumann, lautstarker Thurgauer SVP-Nationalrat, im Bundeshaus verspottet, während sie oben auf der Zuschauertribüne der Debatte folgte.

«An Anne-Marie Rey habe ich ihr Durchstehvermögen und ihre Hartnäckigkeit bewundert», sagt Judith Stamm, die Luzerner Alt-Nationalrätin der CVP und frühere Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, über die Mitstreiterin aus Bern. «Sie hat ihre Vision, den Frauen eine freie Entscheidung zu ermöglichen, in die Realität umgesetzt.»

Und sie setzt sich jetzt erneut für das Erreichte ein. Denn, und diese beklemmende Erkenntnis hat die unermüdliche Anne-Marie Rey verinnerlicht: «Bei Frauenfragen kann man nicht davon ausgehen, dass einmal errungene Rechte für immer gelten.»

Die Erzengelmacherin. Verlag Xanthippe, 2007, Zürich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.01.2014, 13:22 Uhr

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Zur Person

Anne-Marie Rey ist 1937 geboren und in Burgdorf aufgewachsen. Nach der Matur besuchte sie die Dolmetscherschule an der Uni Genf und die Berufsschulklasse an der Tanzakademie Kreutzberg in Bern.

Sie war 1971 Mitbegründerin der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Bevölkerungsfragen und 1973 der Schweizerischen Vereinigung für Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs. Von 1980 bis 1988 war sie für die SP Mitglied des Grossen Gemeinderates Zollikofen, anschliessend bis 1995 des Grossen Rates. Anne-Marie Rey lebt in Zollikofen, ist verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Stabile Zahl der Abbrüche

Rechtliche Lage: Ein Schwangerschaftsabbruch ist in der Schweiz straflos, wenn die Gesundheit der Frau gefährdet ist oder wenn er innerhalb der ersten zwölf Wochen auf schriftliches Verlangen der schwangeren Frau hin erfolgt. Diese Fristenregelung sowie die Kostenübernahme durch die Grundversicherung hat das Stimmvolk im Jahr 2002 mit 72 Prozent angenommen.

Gleichzeitig verwarf es die Volksinitiative «für Mutter und Kind» mit 82 Prozent. Sie hatte Schwangerschaftsabbrüche nur bei Lebensgefahr für die Mutter erlauben wollen. Das hätte eine striktere Regelung bedeutet als die von 1942 bis 2002 geltende, welche einen Schwangerschaftsabbruch dann gestattete, wenn die Gesundheit der schwangeren Frau stark gefährdet war.

Zwischen 1942 und der Annahme der Fristenregelung 2002 gab es verschiedene politische Vorstösse aus beiden Richtungen. So wurde 1977 eine Initiative «Für die Fristenregelung» vom Stimmvolk verworfen. 1985 sagte das Volk aber auch Nein zur Initiative «Recht auf Leben», welche dieses Recht von der Zeugung bis zum natürlichen Tod einforderte.

Zahl der Abbrüche: Gemäss den Angaben des Bundesamts für Gesundheit (BAG) blieb die Rate der Schwangerschaftsabbrüche in den letzten zehn Jahren stabil und schwankt um sieben Abbrüche pro 1000 Frauen zwischen 15 und 44 Jahren. Im europäischen Vergleich ist die Rate der Abbrüche in der Schweiz sehr gering.

Kosten: Bei einem medikamentösen Abbruch mit der Abtreibungspille betragen die Kosten laut BAG etwa 600 Franken. Ein chirurgischer Eingriff verursache Kosten von rund 1000 Franken. Seit der Zulassung der Abtreibungspille 1999 seien medikamentöse Eingriffe gängig geworden. 2012 machten sie 67 Prozent der Abbrüche aus. Die Gesamtkosten werden auf 8 Millionen Franken pro Jahr geschätzt. Ein Teil davon wird von den betroffenen Frauen direkt – über Franchise und Selbstbehalt – finanziert.

Die am 9.Februar zur Abstimmung gelangende Initiative verlangt, dass die Grundversicherung keine Kosten mehr übernimmt. Brigitte Walser

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