Erstmals seit 1972 wird eine neue Synagoge eingeweiht
Von Richard Diethelm. Aktualisiert am 13.03.2010
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Die Liberale Israelitische Gemeinde Genf (GIL) hat sich für die Einweihung ihres topmodernen neuen Zentrums am kommenden Montag etwas Besonderes einfallen lassen: Alphornbläser werden den Gebetsraum der Synagoge beschallen und vom Imam bis zum buddhistischen Bonzen sind Vertreter von 20 Religionsgemeinschaften eingeladen, einige Worte an die Festgemeinde zu richten. «Wir wollen damit zeigen, dass wir in der Schweiz stark verwurzelt sind und unsere Türen weit offenstehen», sagt der Präsident der GIL, Jean-Marc Brunschwig.
In Genf gründeten liberale Juden erst 1970 eine eigene Gemeinde. Aber die GIL wuchs so stark, dass ihr bisheriges Gemeindezentrum aus allen Nähten platzte. 1994 zählte die Gemeinde etwas mehr als 500 Mitglieder. Heute sind es 1200 Erwachsene; dazu kommen 750 Kinder. Die liberalen Juden rückten hinter der traditionellen Israelitischen Gemeinde Genf (CIG), die etwa 3000 Personen umfasst, zur zweitstärksten Kraft auf. Diverse orthodoxe Gruppierungen, die mit den Liberalen nichts zu tun haben wollen, sind wesentlich kleiner.
«Selten und aussergewöhnlich»
Als «selten und aussergewöhnlich» bezeichnet der Chefredaktor der jüdischen Zeitschrift «Tachles», Yves Kugelmann, den Bau eines komplett neuen Gemeindezentrums in der Schweiz. Der Normalfall ist, dass eine Gemeinde eine bestehende Synagoge umbaut und erweitert oder bestehende Gebäude umnutzt, um darin einen Gebetsraum, Unterrichtsräume und Büros einzurichten. Gegen den Bau der neuen Synagoge in Genf gab es laut GIL-Präsident Brunschwig «keinerlei Widerstand».
Dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) sind auch aus der übrigen Schweiz keine Fälle bekannt, wo gegen die Erweiterung von Synagogen oder die Einrichtung neuer Kultstätten opponiert wurde wie gegen die Minarette von Moscheen. SIG-Vizepräsidentin Sabine Simkhovitch-Dreyfus führt dies unter anderem darauf zurück, dass im Gegensatz zur stark wachsenden muslimischen Wohnbevölkerung die Bevölkerung jüdischen Glaubens seit 1980 stabil sei und zum überwiegenden Teil aus alteingesessenen Familien bestehe. Von den rund 18'000 Jüdinnen und Juden in der Schweiz leben gemäss Volkszählung von 2000 die meisten in den Kantonen Zürich (knapp 7000) und Genf (4400).
Lockere Bindung zur Gemeinde
Weshalb wuchs die liberale Gemeinde Genfs so stark? Laut Präsident Brunschwig suchen Juden aus angelsächsischen Ländern, die in den internationalen Organisationen oder Niederlassungen von Multis arbeiten, den Anschluss an die GIL. Bei alteingesessenen jüdischen Familien seien «die Jüngeren weniger religiös als ihre Vorfahren». Liberale Gemeinden folgten zudem stärker dem Wandel der Lebensformen – etwa bezüglich der Gleichberechtigung von Mann und Frau oder der Toleranz von Mischehen. «Wir gehen auf die sich wandelnden Bedürfnisse der Leute ein und wollen ihnen nicht etwas aufzwingen», sagt Brunschwig.
In Genf nehmen immer mehr Juden an Aktivitäten sowohl der liberalen als auch der traditionellen Gemeinde teil. Brunschwig schätzt ihren Anteil in der GIL auf über 20 Prozent. Sabine Simkhovitch-Dreyfus, die in Genf in der traditionellen CIG aktiv ist, sieht es ebenfalls als positiv, «dass die Leute sich nicht nur einer Gemeinde zugehörig fühlen».
Mitgliedschaft ist eine Preisfrage
In Zürich wuchs die Mitgliederzahl der 1978 gegründeten Jüdischen Liberalen Gemeinde (JLG) in den vergangenen neun Jahren um über 100 auf 420 Erwachsene. Doppelmitgliedschaften mit der traditionellen Kultusgemeinde sind laut JLG-Präsidentin Nicole Poëll allerdings selten. «Das ist eine Preisfrage», sagt sie. In Zürich sind die Mitgliederbeiträge der beiden staatlich anerkannten jüdischen Gemeinden hoch, und sie bemessen sich wie die Kirchensteuern nach dem Einkommen; in der Westschweiz sind sie dagegen tiefer und fix.
SIG-Vizepräsidentin Simkhovitch bedauert, dass in der Schweiz kleine israelitische Gemeinden verschwinden und die verbliebenen Juden stattdessen Aktivitäten von Gemeinen in den grossen Städten besuchen. So gab 2008 die Gemeinde von Vevey ihre Selbstständigkeit auf und fusionierte mit jener von Lausanne. Indirekt profitierte die GIL in Genf von dieser Entwicklung.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.03.2010, 09:31 Uhr
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