Emmi macht den Milchbauern Dampf

Was von Schweizer Bauernhöfen stammt, muss besonders tierfreundlich sein, fordert Emmi. Sonst lasse sich der höhere Preis nicht mehr rechtfertigen. Doch Bauern kämpfen schon mit dem jetzigen Milchpreis.

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Die meisten Joghurts werden heute industriell abgefüllt. Die Förderbänder bei Emmi, die ein Drittel der Schweizer Milch verarbeitet und damit die grösste Milchverarbeiterin der Schweiz ist, transportieren täglich rund eine Million Becher zur Spedition.

Die täglich 200 Essentscheidungen der Konsumenten schaffen Trends, die Hersteller von Lebensmitteln beherzigen müssen.

Die Konsumenten wissen das, wenn sie im Regal ihre Lieblingssorte oder einen saisonalen Hit einkaufen. Für die einen muss schlicht der Preis stimmen, für andere sind Lifestyle, Qualität oder regionale Herkunft wichtig. Und immer entscheidender wird der Wunsch, dass die Milch von gut gehaltenen Tieren stammt.

Differenz zum Ausland beim Tierwohl schrumpft

Die täglich bis zu 200 Essentscheidungen der Konsumenten schaffen Trends, die Hersteller von Lebensmitteln beherzigen müssen. Emmi ist zum Schluss gekommen, dass die Milch ihrer 6500 Lieferanten höheren Anforderungen genügen muss, als das Gesetz vorschreibt. Sie wollen die Landwirte bis 2020 zur Weidehaltung, zu besonders tierfreundlichen Ställen und zu einer Fütterung verpflichten, die auf Heu und Gras basiert.

«Tierwohl und Um­weltschutz werden für den Konsumenten wichtiger.»Sibylle Umiker, Emmi

«Tierwohl und Umweltschutz werden für den Konsumenten immer wichtiger. Ausländische Milchverarbeiter haben das erkannt und verbessern sich laufend. Unser Vorsprung wird kleiner», sagt Sibylle Umiker, Sprecherin von Emmi. Momentan ­liege zudem der durchschnittliche Milchpreis um rund 20 Rappen über jenem im Ausland. Konsumenten müssten einen Mehrwert sehen, wenn sie dennoch die teureren Schweizer Produkte kauften, ist Umiker überzeugt.

Denn ausländische Anbieter bedrängen Emmi – und dies trotz mehr oder weniger geschütztem Heimmarkt. Im Ausland, wo die Firma 48 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet, hat Emmi sowieso keine Wahl und muss sich als Produzentin von Premiumprodukten positionieren.

Bei den Bauern sorgt die neue Strategie, die Emmi im Herbst ankündigte, für Irritationen. Zwar gewähren schon heute freiwillig über 80 Prozent der Bauern ihren Milchkühen Auslauf gemäss den «Raus»-Vorschriften (Auslauf) und 40 Prozent erfüllen die BTS-Normen (tierfreundliche Ställe). Doch für einige Bauern ist die Hürde hoch, wenn sie zur zwingenden Anforderung werden sollte.

«Für Milchbauern bedeuten die Vorschriften mehr Arbeit.»Thomas Hirsbrunner, Landwirt

Thomas Hirsbrunner, Landwirt und Präsident der Bemo, in der sich die rund 750 Berner Bauern organisiert haben, die Emmi beliefern, kennt solche Fälle: «Für Milchbauern, deren Höfe mitten im Dorf stehen, oder für solche mit Anbindeställen bedeuten die Vorschriften mehr Arbeit», sagt er. Für Investitionen in neue Ställe stehen die Zeichen aber schlecht. Neubauten sind angesichts des tiefen Milch­preises auf einen Tiefststand gesunken.

Emmi-Sprecherin Umiker beschwichtigt: «Wir halten an der Stossrichtung fest, fixiert ist aber noch nichts.» Man sei noch im Gespräch mit den Produzenten, bis Mitte Jahr wolle man dann die Vorschriften festlegen.

Standards stellen effiziente Produktion in Frage

Hirsbrunner, der selber 50 Milchkühe hält, hat grundsätzlich Verständnis für die Stossrichtung von Emmi. Der Konsument müsse sehen, was er für den höheren Preis erhalte. Allerdings ist er der Meinung, dass die Schweizer Bauern schon heute überdurchschnittliche Standards einhielten. Irgendwann seien sie dann kaum mehr erfüllbar, wenn der Bauer daneben auch noch effizient wirtschaften solle.

Emmi-Sprecherin Umiker ist der Ansicht, dass sich beides verbinden lässt. Dafür seien auch nicht zwingend grössere Betriebe notwendig: «Es gibt verschiedene Wege, die sich wirtschaftlich rechnen», sagt sie.

Letztlich müssen aber sowohl Emmi wie auch die Bauern mitansehen, wie Konsumenten sich im Discounter oder als Einkaufs­touristen im nahen Ausland ein­decken.

Letztlich müssen aber sowohl Emmi als Abnehmerin wie auch die Bauern als Produzenten der Milch mitansehen, wie Konsumenten – trotz ihren Ansprüchen an die Qualität – den höheren Preisen ausweichen und sich im Discounter oder als Einkaufs­touristen im nahen Ausland ein­decken.

Im Clinch stehen Abnehmer und Lieferanten darum vor allem beim Preis, den Emmi bezahlt. Derzeit liegt er bei durchschnittlich 50 bis 55 Rappen pro Liter Molkereimilch. Zu wenig für das langfristige Überleben, sagen die Bauern, vor allem wenn daran noch höhere Anforderungen geknüpft werden. Sie fordern darum immer wieder einen faireren Anteil an der Wertschöpfung.

Emmi schreibt zur neuen Strategie, dass man bereit sei «Milchbauern einen überdurchschnittlich hohen Milchpreis» zu ­zahlen. Allerdings stellt sich die Firma auf den Standpunkt, dass dies schon heute der Fall ist und eine höhere Preisdifferenz zum Ausland schlicht nicht drinliegt. Die zusätzlichen Anforderungen seien schon nur darum notwendig, die heutige Preisdifferenz gegenüber den Konsumenten zu rechtfertigen.

Bis jetzt scheint die Rechnung für die grösste Milchverarbeiterin der Schweiz aufzugehen. Kunden sind bereit, für ein Premiumjoghurt bis doppelt so viel zu bezahlen wie für die Basis­varianten der Budgetlinien.

Trotz Milchkrise macht Emmi mehr Gewinn

Im März präsentierte Emmi ihre Geschäftszahlen für 2016. Trotz Milchkrise konnte die Firma den Gewinn bei leicht gesunkenem Umsatz in der Schweiz dank guten Geschäften im Ausland steigern. Die Bauern dagegen molken bei niedrigen Preisen weniger, was unter dem Strich durchschnittlich eine jährliche Einbusse pro Betrieb von 10'000 Franken gegenüber dem Jahr 2014 bedeutete.

«Es ist nicht in unserem Interesse, dass viele Milchbauern aufgeben.»Sibylle Umiker, Emmi

Das Milchgeld sank also um rund 12 Prozent gegenüber vorletztem Jahr. Hirsbrunner sieht dennoch eine Zukunft für die Milchbauern. Er glaubt, dass es wieder aufwärtsgeht. Und letztlich sind beide, Emmi und die Bauern, aufeinander angewiesen, wie Umiker betont: «Es ist nicht in unserem Interesse, dass viele Milchbauern aufgeben.»

Denn ohne Schweizer Milch gäbe es bei Emmi auch die 400 verschiedenen Schweizer Joghurts mit den 70 Aromen nicht mehr. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.04.2017, 08:26 Uhr

Bundesrat: Blick in die Zukunft

Vor zwei Jahren fasste der Bundesrat den Auftrag, Perspektiven zum Milchmarkt zu entwickeln. Am Mittwoch hat die Landesregierung ihre Sicht der Dinge mitgeteilt.

Der Bundesrat will die Milchproduzenten nicht stärker mit staatlichen Mitteln unterstützen. Das hält er in einem Bericht im Auftrag der Wirtschaftskommission des Nationalrats fest. Vielmehr solle die Branche eine gemeinsame Strategie entwickeln, um sich besser zu positionieren.

Mit dem Bericht stelle der Bundesrat den Akteuren des Milchsektors eine Grundlage zu Verfügung, auf welcher die Milchproduzenten eine gemeinsame Strategie erarbeiten können. Dies teilte der Bundesrat gestern mit.
Nach einer Analyse des Schweizer Milchmarktes empfiehlt er der Branche beispielsweise, die Mehrwerte der Schweizer Milch besser zu vermarkten. Die Schweizer Milchbranche verfüge nämlich im internationalen Vergleich über wertvolle Alleinstellungsmerkmale.

Zu den Alleinstellungsmerkmalen gehörten beispielsweise das hohe Niveau des Tierwohls oder dass der Käse mehrheitlich aus handwerklicher Produktion stamme. Auch dass die Fütterung der Kühe stärker auf Grünland und vergleichsweise wenig auf Kraftfutter basiere, sei ein Mehrwert der Schweizer Milch. Im Bericht hält der Bundesrat zudem fest, dass der Preis von Schweizer Milch stark von der Entwicklung des Milchpreises in der EU abhänge. Auch politische Massnahmen in der EU sowie der Wechselkurs wirke sich stark auf den Schweizer Milchpreis aus.

Der Bundesrat rät der Branche, diese internationale Vernetzung, konkret das mit dem Marktzugang geschaffene Exportpotenzial, zu nutzen. Die Milchproduzenten müssten sich dem Wettbewerb stellen, damit die Konsumenten eine Wahlfreiheit hätten. (sda)

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