Elektronische Dossiers für Patienten

Die digitale Revolution mache vor dem Gesundheitswesen nicht halt, sagt Bundesrat Alain Berset. Bis alle Menschen in der Schweiz elektronisch auf ihre Patientendaten zugreifen können, ist es trotzdem noch ein weiter Weg.

«Wunder erwarte ich nicht», sagt Gesundheitsminister Alain Berset über das elektronische Patientendossier. Doch sei es ein wichtiges Hilfsmittel.

«Wunder erwarte ich nicht», sagt Gesundheitsminister Alain Berset über das elektronische Patientendossier. Doch sei es ein wichtiges Hilfsmittel. Bild: Keystone

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Im Finanzsektor ist E-Banking etabliert. Bankkunden können wählen, ob sie ihre Finanzen weiterhin am Kundenschalter regeln oder über Computer auf ihre Bankdaten zugreifen wollen. Im Gesundheitssektor ist E-Health ein noch wenig bekannter Begriff. Ärzte halten Patientendaten auf Papier fest und Patienten überlassen es dem Arzt, wie er diese Informationen aufbewahrt oder weitergibt.

«Das wird sich ändern», sagt Adrian Schmid. Er ist der Leiter von E-Health Suisse, einer Organisation, die Bund und Kantone vor vier Jahren gegründet haben. Immer mehr Ärzte erfassen Krankengeschichten mit dem Computer, Spitäler arbeiten mit elektronischen Informationssystemen, und gewisse Ärztenetzwerke stellen ihren Patienten Informationen online zur Verfügung. «Die digitale Revolution macht vor dem Gesundheitswesen nicht halt», sagte gestern Gesundheitsminister Alain Berset an einer Konferenz in Bern zum Thema E-Health. Der digitale Informationsfluss sei unumgänglich. Das Gesundheitswesen tendiere immer stärker zur Spezialisierung, entsprechend wichtig sei der Austausch von Daten. «Patienten sollen jederzeit und überall Zugang zu persönlichen Daten haben, die für die Behandlung nötig sind», so Berset. Und alle sollen selbst entscheiden können, ob sie über Computer auf diese Daten zugreifen oder diese einem Arzt zugänglich machen wollen. Bis zur schweizweiten Einführung von elektronischen Patientendossiers ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Regionale Projekte nötig

Das Ziel sei nicht von heute auf morgen zu erreichen, sagt Schmid. Es werde auch nicht möglich sein, auf einen bestimmten Zeitpunkt hin das Gesundheitswesen schweizweit flächendeckend zu digitalisieren. Schmid verweist auf andere Länder wie England oder Holland, wo solch nationale Vorhaben Rückschläge erlitten haben. «Elektronische Projekte müssen vor Ort entstehen, von Arztpraxen, Gesundheitszentren oder Kantonen initiiert werden», sagt Schmid. Die Ärzte sind es schliesslich auch, welche die Dossiers mit Informationen füllen sollen, seien dies Angaben zur Medikamenteneinnahme, zur Krankengeschichte, zu Allergien, Impfungen, Analysedaten oder Röntgenbilder. Die Aufgabe seines Teams von E-Health Suisse sei es, einheitliche Regeln aufzustellen, damit die verschiedenen Systeme kompatibel sind.

IT-Branche in den Startlöchern

Einige Kantone haben bereits die Initiative ergriffen und Projekte gestartet. Der Kanton Bern beobachtet die Lage noch. Aber im Kanton Genf zum Beispiel können Patienten bereits ein elektronisches Patientendossier eröffnen lassen und mittels einer Karte und einem PIN-Code ihrem Arzt ermöglichen, die Informationen zu lesen und zu ergänzen. Die technischen Mittel stellt die Post bereit. Auch Swisscom bietet solche Dienstleistungen an. Die IT-Branche hat erkannt, welcher Markt im Gesundheitswesen brachliegt und ist eifrig dabei, ihn zu beackern.

Der gläserne Patient

«Die Patienten werden irgendwann ein solches Dossier fordern», ist Schmid überzeugt. Er weiss zwar auch um die Bedenken. Nicht alle Patienten wollen heikle Daten irgendwo abgespeichert haben, es gibt die Skepsis vor dem gläsernen Patienten. So forderte an der gestrigen Konferenz Thomas Zeltner, der ehemalige Direktor des Bundesamts für Gesundheit: Die Privatsphäre der Patienten sei genügend zu schützen. «Das ist eine grosse Herausforderung, es sind ganz klare Regeln nötig», sagte er. Weil E-Health ihre Arbeit transparenter macht, gibt es auch bei den Medizinern die Angst vor dem gläsernen Arzt. Zudem ist für Ärzte die Umstellung auf eine elektronische Dokumentation und das strukturelle Erfassen von Informationen aufwendig.

Es gehe darum, ein Vertrauensklima zu schaffen, damit E-Health angewendet werden könne, sagte Gesundheitsminister Berset. «Das kann man nicht per Gesetz fordern, darauf muss man gemeinsam hinarbeiten.»

Gesetzesvorlage noch 2012

Schmid ist überzeugt, dass E-Health sowohl Patienten als auch Ärzten Vorteile bringt. Der elektronische Zugang ermögliche, dass die richtige Information zur richtigen Zeit am richtigen Ort sei. «Das erhöht die Sicherheit für Patienten und verbessert damit die Qualität. Weil die Informationen zugänglich sind, müssen Ärzte nicht immer alles neu abklären, und so wird das Gesundheitssystem auch effizienter.»

Das Departement von Bundesrat Berset arbeitet derzeit an einem Gesetz, das schweizweite Rahmenbedingungen für ein elektronisches Patientendossier festlegt. Es soll klären, wie die Daten sicher übermittelt werden und wer auf welche Weise Zugriff darauf hat. Ziel ist, dass alle Bürgerinnen und Bürger ab 2015 ein elektronisches Patientendossier eröffnen können, wenn sie das wollen. «Der Zeitrahmen ist vermutlich etwas ehrgeizig», räumt Schmid ein. Das Gesetz alleine reiche nicht, sagt zudem Berset: Auch die Kantone müssten ihren Beitrag leisten. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 25.05.2012, 10:43 Uhr)

Tests in Bern

Datenaustausch Während dieser Woche testen auf dem Bernexpo-Gelände rund 70 Unternehmen aus der ganzen Welt ihre Angebote im Gesundheitsbereich. Sie haben in einer grossen Halle ihre Computer aufgestellt und prüfen mittels praxisnaher Tests, ob ihre IT-Systeme fähig sind, miteinander Daten auszutauschen. In Europa findet jährlich ein solches Testlabor, der sogenannte IHE-Connectathon (Integrating the Healthcare Enterprise) statt. Der letzte wurde in Pisa durchgeführt, der nächste ist in Istanbul geplant. IHE ist eine internationale Initiative zur Verbesserung des Datenaustauschs zwischen IT-Systemen im Gesundheitswesen.

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