Eine unpolitische Kirche gibt es nicht
Von Susanne Graf. Aktualisiert am 07.09.2011 13 Kommentare
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«Die einen drohen mit dem Austritt, wenn sich die Kirche politisch äussert. Die andern drohen mit dem Austritt, wenn die Kirche nicht endlich politisch Stellung bezieht.» So beschreibt Thomas Gehrig das Spannungsfeld, in dem sich kirchliche Mitarbeiter befinden. Gehrig ist Kommunikationsleiter der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Er leitete kürzlich eine Tagung, an der sich Engagierte aus katholischen und reformierten Berner Kirchgemeinden fragten: «Soll, darf, muss Kirche politisieren?»
Die SVP Schweiz hat dazu eine klare Meinung: Sie fordert in ihrem Parteiprogramm, dass sich die Kirche gänzlich aus der Politik herauszuhalten habe. Doch die Antwort der rund 50 Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer war ebenso klar: «Egal, was die Kirche macht, sie ist immer politisch.» So fasste Wolfgang Bürgstein, Sekretär der katholischen Kommission Justitia et Pax, die Quintessenz der Diskussionen zusammen.
Das Programm der Kirche
Demnach ist die Kirche nicht nur politisch, wenn Martin Werlen, Abt im Kloster Einsiedeln, in einer Videobotschaft zum 1.August sagt: «In der Kirche gibt es keine Fremden. Alle Menschen sind Söhne und Töchter Gottes.» Bürgstein sagte: «Auch wenn eine Kirchgemeinde ein Mittagessen für abgewiesene Asylbewerber anbietet, ist das hochpolitisch – wenn sie es nicht tut, ebenfalls.» Sich mit Menschenwürde, Gerechtigkeit und Frieden auseinanderzusetzen, sei nun mal das Programm der Kirche.
Damit befinde sich die Kirche tatsächlich in einem links-grünen, ökologischen Umfeld. «Ist das unser Problem? Oder ist es das Problem der Bürgerlichen, weil sie auf diesem Auge blind sind?», stellte Bürgstein die rhetorische Frage.
Wer hat Hilfe nötig?
Wenn die Kirche politisch wird, kommt es unter ihren Mitgliedern fast unweigerlich zu Meinungsverschiedenheiten. Das erlebt zurzeit etwa Johannes Josi. Der Kirchgemeinderatspräsident von Guggisberg sprach an der Tagung von «harten Auseinandersetzungen im Kirchgemeinderat». Diese drehten sich darum, ob die «arme» Kirchgemeinde noch Geld ins Ausland schicken solle. «Es kann doch nicht angehen, dass wir die internationale Hilfe abschneiden», findet Josi. Gleichzeitig weiss er, dass Mitglieder seiner Gemeinde «fast daran zerbrechen, von Subventionen leben zu müssen».
Obwohl in Muri weniger existenzielle Sorgen drücken, ist die Kirchgemeinde auch hier nicht unisono begeistert, wenn es darum geht, Projekte kirchlicher Hilfswerke zu unterstützen. Für die Generation der über 60-Jährigen sei dies noch selbstverständlich, stellte Pfarrer Christoph Knoch fest. «Sie sind noch irgendwann mit den 68ern in Kontakt gekommen.» Aber die nachkommende Generation der rund 50-Jährigen sei «stark auf das Geld bezogen». Bei diesen entscheide das Budget, wo Hilfe nötig sei.
Keine Angst vor Konflikten
Wie können politische Auseinandersetzungen in der Kirche vermieden werden? Matthias Hui, der in der reformierten Kantonalkirche die Fachstelle für Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit leitet, mochte auf diese Frage keine Antwort suchen. Es dürfe nicht Ziel der Kirche sein, Auseinandersetzungen zu vermeiden, sagte er. «Gerade Konflikte können etwas in Bewegung bringen.» Auch Jürg Meienberg, Redaktor beim katholischen Pfarrblatt, scheut negative Reaktionen nicht. Sorgen bereitet ihm etwas anderes: «Was machen wir mit all den Menschen, die sich gar nicht mehr melden?» (Berner Zeitung)
Erstellt: 07.09.2011, 12:54 Uhr
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13 Kommentare
Es ist doch lustig wie unterschiedlich ein und dieselbe Partei die Dinge sehen kann. Einerseits will die SVP Kirche und Staat vollständig trennen. Andererseits wird die SVP nicht müde die christlichen Werte ins Feld zu führen, wenn es um den Kreuzzug gegen die Muslime, oder bei den Wahlen um Stimmenfang geht. Antworten
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