Schweiz
Ein armer Schweizer ist «anders» arm
Von Michael Widmer. Aktualisiert am 05.01.2010
Walter Schmid (Bild: Keystone)
Herr Schmid, hat die Schweiz ein Armutsproblem?
Walter Schmid: Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern haben wir kein besonderes Armutsproblem. Aber auch wir haben ein Armutsproblem, nur wird kaum darüber gesprochen. Oder wenn wir darüber reden, dann nur in skandalisierender Form von Einzelfällen.
Die Caritas spricht von 900'000 Armen in der Schweiz. Skandalisierung oder Realität?
Weder noch. Es gibt verschiedene Definitionen von Armut. Die Zahl der Caritas ist sicher hoch. Wir halten uns an die Zahlen des Bundesamtes für Statistik, und diese sprechen von rund 600'000 Betroffenen oder einer Armutsquote von gut 8 Prozent.
Thomas Held, Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse, sagte am Wochenende in einem Interview, vielen Armen in der Schweiz gehe es ziemlich gut...
Es ist schon eher zynisch, wenn ausgerechnet Thomas Held, dem es ja nicht an Geld fehlt, solche Aussagen macht. Natürlich ist die Armut in der Schweiz nicht vergleichbar mit jener in anderen Ländern. Niemand muss hier mit einem Dollar pro Tag auskommen, niemand stirbt auf der Strasse oder verhungert. Wir sprechen von Armut, wenn jemand zu den zehn Prozent der Bevölkerung gehört, die am wenigsten haben.
Je höher der Wohlstand und das Durchschnittseinkommen, desto höher auch der Betrag für die Grenze zwischen Armut und Nicht-Armut?
Dem ist so. Armut hat auch mit dem Umfeld zu tun, in dem man lebt. Wir wollen ja keine zweigeteilte Gesellschaft, in der es den einen sehr gut und den anderen ganz schlecht geht. Es geht bei der Armutsbekämpfung auch um den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Wann ist heutzutage jemand arm in der Schweiz?
Es gibt zwei Dimensionen von Armut. Es gibt die materielle Armut. Wer monatlich weniger als rund 2300 Franken Einkommen hat oder auf Ergänzungsleistungen angewiesen ist, um über die Runden zu kommen, gilt als arm. Aber es gibt auch die soziale Seite. Als arm in diesem Sinne gilt, wer beispielsweise völlig vereinsamt ist, keine Perspektiven mehr hat und sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlt.
Studierende erscheinen in den Armutsstatistiken. Sind sie nun arm oder nicht?
Studierende gelten materiell teilweise als arm, sie erhalten beispielsweise Prämienverbilligungen für die Krankenkasse. Aber sie haben eine Perspektive, ihre Armut ist nicht von Dauer, sie leiden nicht unter gesellschaftlicher Ausgrenzung. Das macht einen grossen Unterschied. Diese Form der Armut ist leichter zu ertragen.
Wer ist denn konkret von Armut betroffen?
Es sind kinderreiche Familien, Langzeitarbeitslose, vermehrt auch Leute mit psychischen Beeinträchtigungen. Zum Glück relativ gering ist hier zu Lande die Armut im Alter. (Berner Zeitung)
Erstellt: 05.01.2010, 07:56 Uhr
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