«Ein Scheitern von Managed Care wäre ganz schlimm»
Von Brigitte Walser. Aktualisiert am 30.05.2011 39 Kommentare
Dass der FMH-Präsident für die SP in die Nationalratswahlen steigt, hat in der Ärzteschaft für Diskussionen gesorgt. (Bild: Beat Mathys)
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Ist Ihnen die Tätigkeit als Arzt verleidet, dass Sie heute FMH-Präsident sind?
Jacques de Haller: Ich war mehr als zwanzig Jahre in meiner Praxis als Hausarzt tätig und habe ganz besonders die Kontakte zu meinen Patienten geschätzt. Es ist heute aber weit verbreitet, dass man nicht das ganze Leben lang die gleiche Stelle innehat. Vor sieben Jahren hatte ich die Chance, für das Präsidium der Ärzteorganisation FMH zu kandidieren. Ich habe sie ergriffen und bin bis heute sehr motiviert.
Jetzt kandidieren Sie für den Nationalrat. Müssen Sie bei einer Wahl jene Probleme im Parlament angehen, die die FMH vorgängig nicht selbst zu lösen vermochte?
Die FMH ist zwar zu einem wichtigen Partner im Gesundheitswesen geworden, aber sie ist nicht für alles zuständig. Die Weichen werden in den Fraktionen gestellt, die Gesetze im Parlament gemacht. Daraus leitet sich der Handlungsspielraum der FMH ab.
Aber zum Beispiel für die Qualität sind die Ärzte zuständig. Weil sie keine Strategien entwickelten, musste der Bund das Heft in die Hand nehmen.
Qualitätssicherung war nicht nur eine Aufgabe der Ärzteschaft, sondern aller Partner. Die Diskussionen mit den Versicherern waren schwierig und haben wenig gebracht, das stimmt.
Warum?
Wir wollten unsere konkreten Erfahrungen einbringen, die Versicherungen ihre Kostenberechnungen. Die Sichtweisen deckten sich nicht.
Der Bundesrat schlägt nun ein nationales Qualitätsinstitut vor. Glauben Sie, dass das im Parlament eine Chance hat?
Ja, denn wir begrüssen ein solches Institut und werden uns wie die Spitäler für den Vorschlag einsetzen. Endlich geht es in eine gute Richtung und zugunsten der Patienten.
Neben Ihnen kandidiert in Bern mit Thierry Carrel ein weiterer bekannter Arzt. Soll künftig eine Ärztelobby die Politik steuern?
Bereits heute gibt es Ärzte im Parlament, aber von einer Ärztelobby würde ich deswegen nicht sprechen. Zudem vertreten sie das ganze politische Spektrum. Was sie gemeinsam haben, ist die Lebenserfahrung als Arzt. Bei Gesundheitsthemen haben Thierry Carrel und ich wichtige gemeinsame Nenner, etwa was Fragen zur Qualität, zur freien Arztwahl oder zum Zugang zu den Leistungen angeht.
Er ist gegen eine Einheitskasse, Sie sind dafür.
Klar, hier gibt es verschiedene Meinungen. Ich bin in der SP. Meine persönlichen Erfahrungen haben meine politische Haltung beeinflusst. Meine Praxis in Genf lag hundert Meter vom Sozialamt entfernt. Die Probleme meiner Patienten waren geprägt von schwierigen Lebensumständen. Soziale Schwierigkeiten machen krank.
Weshalb sind Sie für eine Einheitskasse?
Die FMH hat dazu noch keine Stellung genommen, ich kann also keine offizielle Position der Ärzteschaft vertreten. Was aber klar ist, ist, dass das jetzige System nicht gut funktioniert und dass es nicht einfach so mit jährlichen Prämienerhöhungen weitergehen kann. Aus meiner Sicht wäre die Einheitskasse eine gute Massnahme zur Effizienz der Finanzierung im Gesundheitswesen.
Dass Sie für die SP kandidieren, goutieren nicht alle Ärzte.
An der Ärztekammer vom vergangenen Donnerstag war meine Kandidatur kein Thema. Im Zentralvorstand wie in der gesamten FMH gibt es natürlich eine Vielfalt von politischen Orientierungen, und eine breitere Vertretung der Ärzteschaft im Parlament wäre für alle eine gute Sache. Die Anliegen der Ärzteschaft und der SP sind oft und immer mehr die gleichen – insbesondere in Bezug auf die Behandlungsmöglichkeiten der Patienten.
Bringt die FMH längerfristig all die unterschiedlichen Interessen der Ärzte noch unter einen Hut?
Je nachdem, ob eine Ärztin oder ein Arzt eine Praxis hat, in einem Spital angestellt ist, Hausarzt oder Spezialistin ist, sind die Interessen anders. Aber es gibt genug gemeinsame Nenner, die uns zusammenhalten. Wir alle wollen unsere qualitativ hochstehende Medizin behalten, wie etwa die freie Arztwahl für die Patienten oder den Zugang zu allen nötigen Leistungen für alle.
Kürzlich sind aber die Hausärzte eigene Wege gegangen. Sie wollen die Hausarztmedizin in der Verfassung verankern.
Wir unterstützen diese Initiative ganz klar, auch die Spezialisten unter uns. Die Hausärzte wollten die Initiative selber lancieren, um sich sichtbar zu machen und so ihre Anliegen besser durchzubringen.
Waren Sie als Hausarzt Teil eines Ärztenetzwerks?
Ja, es war ein sehr grosses, hatte aber noch nicht die Form von heutigen Netzwerken, die man als Managed Care bezeichnet.
In dieser Session wird erneut über die Rahmenbedingungen von Managed Care beraten. Eine Einigung ist nicht in Sicht. Wäre es schlimm, wenn die Vorlage nicht zustande käme?
Ganz schlimm, denn diese Gesetzesanpassung ist ein wichtiger Schritt hin zu einem modernen und effizienten Gesundheitswesen. Alle bedeutenden Partner haben bei der Vorbereitung zusammengearbeitet und sind Kompromisse eingegangen. Wenn eine solche Vorlage nicht durchkommt, ist das für das politische System der Schweiz ein sehr schlechtes Zeichen.
Auch Bundesrat Didier Burkhalter erhofft sich viel von Ärztenetzwerken. Was erhoffen Sie sich von ihm?
Ich will auch in Zukunft ein Gesundheitswesen, das es uns Ärzten erlaubt, unsere Patienten richtig zu behandeln – und zwar egal, ob sie arm oder reich sind. Das zu ermöglichen, erhoffe ich mir von Didier Burkhalter. Ich arbeite sehr gerne mit ihm. Ich bin zwar nicht mit allem einverstanden, finde es etwa seltsam, dass er die Beiträge für Brillen gestrichen hat. Aber seine Arbeitsmethode ist konstruktiv. Es gibt noch nicht sehr viele konkrete Resultate, aber es ist einfach so, dass im Gesundheitswesen alles unglaublich viel Zeit braucht.
Zeit braucht auch der Entscheid zur Komplementärmedizin. Ist es richtig, dass fünf Methoden für sechs Jahre teils provisorisch in die Grundversicherung aufgenommen wurden?
Ja, das ist eine gute Lösung. Während dieser Zeit kann man die definitive Aufnahme vorbereiten.
Ganz anderer Meinung war die zuständige Kommission, in der Sie Mitglied sind. Sie wollte die Methoden nicht aufnehmen.
So einfach ist das nicht. Wir haben gesagt, dass uns das Gesetz nicht erlaubt, die Aufnahme zu beantragen. Der Bundesrat kann nun das Gesetz anpassen lassen, so, wie es die Bevölkerung verlangt hat.
Nehmen Sie selbst Komplementärmedizin in Anspruch?
Ich setze auf die Schulmedizin, denn ich habe die Komplementärmedizin zu wenig studiert. Meine Erfahrung in der Praxis war allerdings positiv. Ich habe sie zwar nie selber angewendet, aber Patienten haben mir davon erzählt, und es ging ihnen danach besser – auch wenn ich nicht ganz genau weiss, wieso.
Müssten wir generell mehr Verantwortung für unsere Gesundheit übernehmen?
Man kann uns nicht einfach den Auftrag geben, gesund zu sein. Natürlich gibt es Dinge, die gut oder schlecht für die Gesundheit sind, etwa Bewegung oder Tabak. Es ist aber nicht für alle gleich einfach, gesund zu leben, und das hat nichts mit dem Willen zu tun. Gesundheit braucht Geld, Wissen, Zeit und das richtige Umfeld. Menschen mit tieferem sozialem und ökonomischem Status sterben in der Schweiz acht bis zehn Jahre früher. Das ist ungerecht. Deshalb darf man nicht einfach wichtige Leistungen aus der Grundversicherung streichen, denn wer schwierige Lebensbedingungen hat, soll nicht auch noch im Gesundheitswesen benachteiligt werden.
2012 läuft der Ärztestopp für Spezialisten aus. Rechnen Sie mit einer Flut von Praxiseröffnungen?
Es gab die Angst vor einer Flut von ausländischen Ärzten. Sie ist nicht gekommen, auch in anderen Ländern nicht. Ich denke nicht, dass der Auslauf des Ärztestopps gefährlich ist. Sowieso: Wir brauchen Ärzte und Pflegepersonal aus dem Ausland. In den Schweizer Spitälern sind 40 Prozent der Ärzte Ausländer. Ihre Ausbildung haben nicht wir, sondern andere Länder bezahlt. Das ist eine ethische Frage, die gelöst werden muss.
Auch bei den Hausärzten gibt es einen Mangel.
Dieser ist dramatisch. In den nächsten zehn Jahren werden zwei Drittel der Hausärzte pensioniert, und es kommen zu wenige nach. Unter anderem deshalb, weil junge Kollegen auch ein Leben neben ihrem Beruf haben wollen. Sie sind nicht bereit, wie ihre Vorgänger 70 bis 80 Stunden pro Woche zu arbeiten, und das ist mehr als nachvollziehbar. Zurzeit sind fast 70 Prozent der Medizinstudierenden Frauen, es wird in der Zukunft mehr Ärztinnen geben als Ärzte, und diese haben sicher eine gesündere Sicht auf das Leben. Dass sie die männlichen Kollegen in diesem Sinn anstecken, finde ich sehr gut!
Hatten auch Sie kein Leben neben dem Beruf?
Ich war wirklich sehr, sehr oft in der Praxis, aber damals war das normal.
Sie benötigen angeblich wenig Schlaf und sind mit dem Velo unterwegs, um Sport und Arbeitsweg verbinden zu können. Haben Sie im Beruf gelernt, effizient zu sein?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich habe schon immer so gelebt. Ich sehe meine Familie am Wochenende, und dann habe ich Zeit für sie. Unter der Woche arbeite ich. Dass ich wenig schlafe, stimmt. Wenn ich plötzlich acht Stunden schlafen müsste
Würde Sie das krank machen?
Das wohl nicht gerade. Aber es wäre mir zu langweilig. (Berner Zeitung)
Erstellt: 30.05.2011, 10:22 Uhr
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39 Kommentare
Die Mehrzahl der Schweizer ist gegen das im Ausland gescheiterte Managed Caresystem, ohne freie Arztwahl, aber mit Wartelisten und rasant steigenden Bürokratiekosten. An der Ärztekammer vom 26.5.2011 verlor die Managed Carelobby der FMH sogar haushoch zwei Abstimmungen zu diesem Thema. Daher die Eile. Man möchte das Geschäft schnell erledigen, bevor der Widerstand gegen MC grösser wird. Antworten
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