Ein Geben ohne Nehmen?

Von Daniel Friedli. Aktualisiert am 20.07.2010 71 Kommentare

Die Politik spricht bereits über die nächste Schweizer Kohäsionsspende an die EU. Die Wirtschaft wartet derweil noch auf die Früchte der ersten.

Es war ein Argument, das besonders die Wirtschaft entzückte: Auch Schweizer Firmen würden später direkt von den Kohäsionsgeldern profitieren, versprach der Bundesrat, als das Volk 2006 über die Grundlage für die Zahlung von 1 Milliarde Franken an die EU-Staaten in Osteuropa abstimmte. «Die Umsetzung des Programms dürfte sich in entsprechenden Aufträgen an Schweizer Firmen niederschlagen.»

Mittlerweile ist mehr als die Hälfte dieser Milliarde definitiv oder provisorisch verplant, doch von Aufträgen ist noch wenig zu spüren. «Die Aussicht darauf war damals eine Bedingung von uns, um mitzumachen», sagt Marco Taddei, Vizedirektor beim Schweizerischen Gewerbeverband. Aber er muss heute konstatieren: «Wir haben davon noch nichts gehört.»

Unternehmen haben sich beschwert

Ähnlich tönt es bei anderen Verbänden. Rückaufträge seien bisher schlicht kein Thema, heisst es etwa beim Branchenverband Swissmem, während man sich beim KMU-Verband Swiss Export auch nicht vorstellen kann, dass es noch eines wird. Da und dort sollen sich auch schon Unternehmen beschwert haben, es geschehe zu wenig.

Im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) weist man diesen Vorwurf zurück. Man liege im Zeitplan, sagt der zuständige Ressortleiter Hugo Bruggmann, er bittet die Firmen um Geduld. Der ganze Prozess umfasse von der Projektauswahl bis zur effektiven Ausschreibung von Aufträgen im betreffenden Land mehrere Etappen und beanspruche darum einige Jahre. Dabei dauern die Abklärungen in der Regel dort am längsten, wo auch die meisten Aufträge zu vergeben sind: im Bereich Umwelt und Infrastruktur. Doch auch in dieser Sparte, für welche rund 344 Millionen Franken reserviert sind, würden noch Ausschreibungen kommen.

Eine Informationsoffensive

Dabei warnt Bruggmann aber vor den zu hohen Erwartungen, mit denen er sich bisweilen konfrontiert sieht. Um sich erfolgreich zu bewerben, brauche eine Firma ein gutes Netzwerk, lokale Partner oder gar Präsenz vor Ort. Man könne nicht damit rechnen, einfach übers Internet zum Zug zu kommen, sagt er.

Dem pflichtet auch Roger J. M. Hutter bei, der mit seiner Firma Swiss CEE Unternehmen beim Aufbau von Geschäftsbeziehungen in Mittel- und Osteuropa unterstützt. Er hat festgestellt, dass sich Schweizer Firmen auf der Suche nach Aufträgen häufig schwertun. Dies fängt damit an, dass man Offerten bisweilen in der lokalen Sprache eingeben muss. Es geht über das Fehlen von Erfahrungen und lokalen Partnern, und es endet damit, dass man bei der Verwaltung aufläuft. In Rumänien zum Beispiel seien die Fördertöpfe voll, doch wer nicht wisse, wo man wie nachstossen müsse, drohe unterzugehen.

Dass die Informationslücken bisweilen gross sind, hat auch die Exportförderagentur Osec festgestellt – und gibt nun Gegensteuer. Sie unterstützt eine Datenbank, auf der Swiss CEE ab 1. August unter dem Titel «Förderprojekte A–Z» Schweizer Firmen darüber informiert, wo welche Aufträge ausgeschrieben sind und wie man sich darum bewirbt. Darin sind nicht nur die Schweizer Kohäsionsprojekte verzeichnet, sondern auch jene aus den ungleich schwereren EU-Strukturfonds. Zudem finanziert sie eine «Road-Show», welche die Unternehmen ebenfalls auf diese Unterstützungsmöglichkeiten hinweisen soll. «Die Fördergelder sind vorhanden», sagt Roger J. M. Hutter, «aber man muss wissen, wie man sie abholt.»

Peter Spuhler machts vor

Dieser Aussage schliesst sich auch das Staatssekretariat für Wirtschaft an. Dabei stellt der direkte Return aus dem Schweizer Erweiterungsbeitrag für die Bundesbeamten indes nur eine Ebene dar. Noch wichtiger sei es, dass sich die Schweiz mit diesem Beitrag generell viel Goodwill für den Marktzugang in Osteuropa geschaffen habe. Und dass sie dadurch auch besser positioniert ist für die Verteilung des grösseren Kuchens, den milliardenschweren EU-Strukturfonds.

Hier gibt es denn auch schon Beispiele von hiesigen Firmen, die reüssiert haben. An erster Stelle jenes von Peter Spuhler, SVP-Nationalrat und Chef des Bahnunternehmens Stadler Rail: Er hat kürzlich in Estland einen Auftrag über 80 Millionen Euro für 28 neue Züge gewonnen. Das Geld dafür kommt grösstenteils aus dem EU-Kohäsionstopf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2010, 06:24 Uhr

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71 Kommentare

Ruthild Auf der Maur

20.07.2010, 12:27 Uhr
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@Gianni dal Pont: Eben. So macht jeder seine Erfahrungen mit Förder- und Entwicklungsgeldern, ja selbst mit Spenden. Ein Fass ohne Boden - in die falschen Auffangbehälter. Antworten


Sven Beer

20.07.2010, 11:50 Uhr
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@Eugen Motz: Nur weil die Schweiz wichtiger Handelsparter einiger Europäischer Länder ist müssen wir der EU beitreten? Dann muss aber auch die EU China beitreten. Die EU braucht China, China braucht die EU nicht. Das hat doch gar nichts mit der EU zu tun. Auch ohne EU wäre z.B. Deutschland wichtig für die Schweiz. Ausserdem gibt es auf diesem Planeten nicht nur 27 Länder plus die Schweiz. Antworten



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