Eigene Wahllisten für Secondos

Die Vereinigung Secondos Plus will an den Wahlen überall mit eigenen Listen antreten. Bekannte Politiker mit Migrationshintergrund raten jedoch davon ab.

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Schweizer mit ausländischen Wurzeln wollen in der Politik mehr Gewicht erhalten: Der Verein Secondos Plus plant, an den eidgenössischen Wahlen vom kommenden Oktober möglichst in allen Kantonen mit einer eigenen Liste anzutreten. Im Parlament sollen sich seine Mitglieder dafür einsetzen, dass Ausländer nicht mehr regelmässig als Sündenböcke herhalten müssen, wie Vizepräsident Ivica Petrusic erklärt. Am 21. Mai wird der Verein in St. Gallen seine ersten Listen präsentieren und gleichzeitig eine neue Sektion für die Ostschweiz gründen.

Doch Secondos Plus stösst mit seiner Offensive nicht bei allen Bürgern mit ausländischem Hintergrund auf Begeisterung: «Ich kann nicht nachvollziehen, warum sich Secondos in diesem Verein engagieren», sagt Nihat Tektas, Schaffhauser FDP-Präsident mit Eltern aus der Türkei. «Viel sinnvoller ist es, wenn sich Secondos direkt in den traditionellen Parteien einbringen.» Der Verein sei zwar keine schlechte Sache, eigne sich aber vor allem, um junge Menschen mit ausländischen Wurzeln überhaupt für die Politik zu interessieren.

Keine umfassende Politik

Ähnlicher Meinung ist auch die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann, die als junge Frau aus der Slowakei in die Schweiz eingewandert ist: «Wer in der Politik eine Karriere machen will, tritt einer etablierten Partei bei», meint sie. «Eine Mitgliedschaft bei Secondos Plus dient höchstens zu Übungszwecken.» Überdies würde sich Secondos Plus nur für spezifische Bedürfnisse von Ausländern einsetzen, eine umfassende Politik sei so nicht möglich.

Der freisinnige Tektas kritisiert ebenfalls: «Es ist ein sehr kleiner gemeinsamer Nenner, ausländische Wurzeln zu haben.» In sehr vielen Fragen hätten Secondos unterschiedliche Ansichten. «Bis zu einem gewissen Grad könnte es gar als Zeichen von mangelnder Integration verstanden werden, wenn Secondos untereinander bleiben und sich nicht einer klassischen Partei anschliessen», befürchtet Tektas.

Weniger weit geht der Präsident der Jungen CVP Basel-Landschaft, der italienischstämmige Silvio Fareri: «Ich finde Secondos Plus unterstützungswürdig. Da ich mich aber für die ganze Bevölkerung einsetzen wollte, ging ich direkt in die CVP.»

Hohe Hürden in den Parteien

Der Gründer von Secondos Plus in Luzern, Lathan Suntharalingam, räumt ein, dass «wir kein Ersatz für eine Partei sein können». Und der schweizerische Vizepräsident der Vereinigung, Ivica Petrusic, erklärt: «Wir haben zwar das Ziel, in möglichst allen Kantonen mit einer eigenen Liste anzutreten; es gibt aber auch Mitglieder, die auf der Liste einer traditionellen Partei antreten werden.» Sowohl Petrusic als auch Suntharalingam politisieren aktiv für die SP. Petrusic ist Nationalratskandidat im Kanton Aargau, Suntharalingam ist gewähltes Mitglied des Luzerner Stadt- und Kantonsparlaments. Beide betonen, dass es auch FDP- und CVP-Mitglieder im Verein gebe.

Warum aber tritt Secondos Plus überhaupt mit eigenen Listen an? «Oftmals stossen Secondos in den Parteien auf höhere Hürden als Mitglieder mit einem Schweizer Hintergrund», erklärt Petrusic. «Ich lande beispielsweise – ob Zufall oder nicht – stets auf einem der hintersten Plätze auf der Liste.»

Secondos Plus biete solchen Kandidaten zusätzliche Unterstützung sowie ein Netzwerk von Personen mit ähnlichen Problemen. «Viele glauben beispielsweise, dass Secondos in linken Parteien mit offenen Armen empfangen werden», fügt Petrusic an. «Tatsächlich gibt es jedoch auch bei den Linken Nachholbedarf.»

Fremde Namen streichen

Hinzu kommt laut dem Aargauer Nationalratskandidaten, dass auch linke Wähler regelmässig Kandidaten mit fremdländischen Namen von den Listen streichen: «Mit eigenen Listen können wir diesem Effekt vorbeugen», so Petrusic. «Ich bin überzeugt, dass es unter dem grossen Wählerpotenzial der Secondos viele Personen gibt, die unsere Liste einwerfen werden.» Ob es im Herbst tatsächlich für die Wahl eines Mitglieds von Secondos Plus reicht, ist dennoch unsicher. «Deshalb haben wir vor, Listenverbindungen mit anderen Parteien einzugehen» sagt Petrusic. «So gehen unsere Stimmen sicher nicht verloren.»

Mit welchen Parteien der Verein eine Allianz eingehen wolle, werde je nach Kanton entschieden. «Es muss eine Partei sein, die sich für unsere Anliegen einsetzt – beispielsweise für faire Einbürgerungen», macht Petrusic zur Bedingung. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.05.2011, 08:13 Uhr)

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«Oft stossen Secondos in den Parteien auf höhere Hürden als Schweizer»: Ivica Petrusic, Vizepräsident Second@s Plus Schweiz. (Bild: PD)

«Sinnvoller ist es, wenn sich Secondos direkt in den traditionellen Parteien einbringen»: Nihat Tektas, Präsident der FDP Schaffhausen. (Bild: PD)

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