Do you speak English, dear Bundesrat?

Nur drei der sieben Bundesratsmitglieder beherrschen die Weltsprache Nummer eins wirklich. Obwohl Philipp Hildebrand bewies, wie hilfreich ein cooler, weltläufiger Auftritt auf Englisch für die Positionierung unseres Landes ist.

Ob ich Englisch verstehe? Ähh ja. Bundesratsmitglieder (von oben und von links) Schneider-Ammann, Leuthard, Sommaruga, Maurer, Burkhalter, Widmer-Schlumpf, Berset.

Ob ich Englisch verstehe? Ähh ja. Bundesratsmitglieder (von oben und von links) Schneider-Ammann, Leuthard, Sommaruga, Maurer, Burkhalter, Widmer-Schlumpf, Berset. Bild: Montage: BZ/Keystone

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aum war Philipp Hildebrand abgetreten, vermissten viele den international vernetzten Mann an der Spitze der Nationalbank. In hymnischen Abgangsporträts las man, Hildebrand habe vor wichtigen Wechselkursentscheiden mal kurz mit Ben Bernanke, dem Chef der US-Notenbank, ja mit US-Finanzminister Timothy Geithner in der Weltsprache der Globalisierung telefoniert.

Man ahnt, dass die gespeicherten Nummern auf Hildebrands Handy und seine Auftritte in coolem Amerika-Englisch der Schweiz im Abwehrkampf gegen den Druck der US-Finanzbehörde so viel halfen wie mühsam erstrittene Rahmenabkommen.

Englisch macht weltläufiger

Es wäre für unser Land hilfreich, wenn auch unsere Regierungsmitglieder schnell mal mit ihren Amtskolleginnen und -kollegen auf Englisch konversieren und dadurch weltläufiger auftreten könnten. Allerdings: Können unsere Bundesräte und Bundesrätinnen überhaupt Englisch?

Christoph Blochers SVP würde wohl sagen, das sei für einen Bundesrat unnötig, ja verdächtig. Weil von der Anglofonie zum Verrat der neutralen Schweiz an die EU ein kurzer Weg sei. Und weil weltläufige Internationalisten den Kontakt zur heimischen Scholle und zum Volk verlieren.

Zumindest an der Spitze der globalisierten Schlüsseldepartemente des Äusseren, der Wirtschaft und der Finanzen würden aber Englischkenntnisse – gerade zur Verteidigung der einheimischen Scholle – nicht schaden. Gutes Englisch-Know-how hätte vielleicht gar dazu beigetragen, dass man vom rhetorischen Glanz Hildebrands weniger geblendet gewesen wäre und ihm früher auf die Finger geschaut hätte.

Nationale Sprachtabus

Die Sprachkenntnisse der Bundesräte sind zwar ein öffentliches Thema. Aber nur wenn es darum geht, ob welsche Bundesräte in der TV-«Arena» gut genug Deutsch sprechen und ob Deutschschweizer Bundesräte eine welsche TV-Talkrunde überstehen. Besser Englisch als Französisch zu sprechen, dürfte für einen Bundesrat gar ein Nachteil sein. Weil das als Gefährdung des nationalen Sprachfriedens und als Absage an den Zusammenhalt des Landes verstanden werden könnte. Die Schweiz hat zum Englischen ein gespaltenes Verhältnis.

Überdies: Wer räumt schon gern ein, dass er oder sie, dass der Chef oder die Chefin nie richtig dazu kam, die Weltsprache Nummer eins zu lernen?

Die Sorgenkinder

Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf «führt Gespräche in Englisch», antwortet ihr Mediendienst knapp auf Anfrage. Wenn es nicht anders geht und kein Übersetzer da ist? Die Antwort: Widmer-Schlumpf spreche Englisch, «wenn sich auch ihre Partner in dieser Sprache verständigen können». Ein Blick in den Lebenslauf der Bundespräsidentin lässt nicht erkennen, dass sie im Ausland ihr Englisch geschult hätte. Nach dem Jusstudium in Zürich kehrte sie in ihren Heimatkanton Graubünden zurück, wo sie als Anwältin, später als Richterin und Politikerin wirkte.

Für Insider in der Bundesverwaltung, die die Bundesräte und Bundesrätinnen bei Auftritten und Gesprächen mit ausländischen Gästen erleben, gehört Widmer-Schlumpf in Sachen Englischkenntnisse zu den Sorgenkindern im Bundesrat. Sie bekunde mündlich und schriftlich Mühe mit der Sprache.

Laut der VBS-Infostelle verfügt Verteidigungsminister Ueli Maurer «über ausreichend Fremdsprachenkenntnisse, um sich angemessen und korrekt unterhalten zu können». Auch auf Englisch? Antwort: «Ja, auch auf Englisch.» Maurer war nach seiner KV-Ausbildung als Geschäftsführer einer landwirtschaftlichen Genossenschaft und des Zürcher Bauernverbandes sowie als SVP-Parteipräsident ausschliesslich in der Schweiz unterwegs und fand kaum Zeit, im Ausland sein Englisch zu trainieren. Für Insider ist er das zweite Englischsorgenkind im Bundesrat. Selbst das Ablesen in der Weltsprache falle ihm nicht leicht. Mit englischsprachigen Amtskollegen aus Nato-Staaten könne er kaum direkt reden.

Das welsche Mittelfeld

Der Infodienst des Aussendepartements EDA teilt mit: «Didier Burkhalter parle suffisamment bien l’anglais pour avoir une conversation dans cette langue ou un entretien bilatéral avec un de ses homologues étrangers.» Nun können welsche Bundesräte wie einst Micheline Calmy-Rey bei internationalen Auftritten in ihre Muttersprache flüchten, ist doch Französisch die gediegene Diplomaten- und eine UNO-Sprache. Wie gut sie Englisch können, fällt also weniger auf. Burkhalter hat ausschliesslich in seinem Heimatkanton Neuenburg studiert – Wirtschaftswissenschaft –, gearbeitet und politisiert. Insidern ist der neue Aussenminister bis jetzt durch sein Deutsch, aber nicht durch sein Englisch aufgefallen.

Innenminister Alain Berset hätte im Dezember Gelegenheit gehabt, seine Englischkenntnisse gleich an seiner ersten Pressekonferenz als frisch gewählter Bundesrat öffentlich unter Beweis zu stellen. Ein Berner Journalist fragte ihn auf Englisch, wie er als Schweizer Aussenminister auf den US-Druck reagieren würde. Die?Antwort erbat er sich auf Englisch. Berset antwortete leicht echauffiert – und auf Französisch: Er sei hier nicht an einer Sprachprüfung. Wenn sich diese Frage stelle, dann könne er sich durchaus eine Stunde lang auf Englisch unterhalten. Für Insider sind die Englischfähigkeiten von Berset, der sich nach dem Politik- und Wirtschaftsstudium an seiner Heimuniversität Freiburg als Gastforscher in Hamburg aufhielt, noch unklar.

Die Klassenbesten

Energie- und Umweltministerin Doris Leuthard «spricht und schreibt in englischer Sprache», teilt ihre Kommunikationsabteilung mit. Und verweist darauf, dass Leuthard nicht nur an der Universität Zürich, sondern auch in der kanadischen Stadt Calgary Rechtswissenschaften studiert hat. Insidern fällt Leuthards starker helvetischer Akzent beim Ablesen auf Englisch auf. Immerhin: Als Wirtschaftsministerin hat sie sich an Treffen der Welthandelsorganisation (WTO) öfter auf Englisch unterhalten.

Der aktuelle Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann mache bei Gesprächen auf Englisch eine gute Figur, sagt sein Sprecher. Auf den jüngsten WTO-Treffen habe Schneider-Ammann mit asiatischen Spitzenpolitikern ohne Skript und ohne Übersetzer frei auf Englisch verhandelt. Auch Insider attestieren dem ansonsten als etwas steif geltenden Schneider-Ammann in Sachen Anglofonie eine höhere Beweglichkeit.

Der einst international tätige Langenthaler Unternehmer hat oft persönlich auf Englisch verhandelt, so beim erfolgreichen Aufbau der Ammann-Filiale im Boommarkt China.

Die sprachliche Musterschülerin in der Landesregierung ist Justizministerin Simonetta Sommaruga. Sie spricht fliessend und elegant Französisch und Englisch, bestätigen offizielle Stellen und Insider übereinstimmend. Nach einem an der Universität Freiburg begonnenen Anglistikstudium führte sie ihre Ausbildung als Pianistin für längere Zeit nach Kalifornien.

Aussensicht der Schweiz

Gute Englischkenntnisse allein machen noch keinen guten Bundesrat. Überdies: Wozu gibt es Übersetzerinnen und Übersetzer? Angela Merkel und Nicolas Sarkozy retten gerade gemeinsam den Euro, obwohl sie auf die freundlichen Worte des Gegenübers immer erst mit einer Verzögerung reagieren können, weil sie die Simultanübersetzung im Ohrhörer abwarten müssen.

Allerdings: Wer gut Englisch kann, erfährt etwas aus erster Hand und ist nicht darauf angewiesen, dass ihm andere erklären, was sein Gegenüber genau gesagt hat. In der Sprache eines ausländischen Gegenübers begegnet man einer Aussensicht unseres Landes. Und Schweizer Politiker, die öffentlich Englisch sprechen, signalisieren, dass sie sich nicht nur einmauern und ihre Innensicht verteidigen, sondern sich einbringen und am Geschehen teilnehmen wollen. Übrigens sind Englischkenntnisse nicht bloss eine Bildungs-, sondern eine Trainingsfrage. Der Primarschüler und Bundesrat Adolf Ogi hat, wenn auch nicht perfekt, so doch mit Selbstbewusstsein als UNO-Botschafter für Sport Englisch gesprochen. Ohne falsche Scheu vor seinem Akzent. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 20.01.2012, 16:45 Uhr)

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