Dieterle schon wieder im Visier der Finanzkontrolle

Rudolf Dieterle, Chef des Bundesamts für Strassen, sieht sich erneut mit brisanten Feststellungen der Finanzkontrolle konfrontiert. Es geht wieder um fragwürdige Informatikaufträge in Millionenhöhe.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für Rudolf Dieterle, den Direktor des Bundesamtes für Strassen (Astra), wird es eng: Bereits zum zweiten Mal innert weniger Monate enthüllt die Eidgenössische Finanzkontrolle Schwachstellen im Amt. Im Oktober hatten die Finanzkontrolleure kritisiert, dass dem Astra die Kosten des monströsen, ursprünglich 43 Millionen Franken teuren Informatikprojekt Mistra aus dem Ruder laufen (siehe auch Infokasten).

Nun decken die Kontrolleure schon wieder Missstände auf: In einem neuen Bericht, der dieser Zeitung vorliegt, kritisiert die Finanzkontrolle eine hoch problematische Beziehung des Bundesamtes für Strassen zu der Berner Firma Techdata, welche vom Astra regelmässig Millionenaufträge erhält. Es bestehe eine kostentreibende und risikobehaftete Abhängigkeit. Vor allem aber werde das Unternehmen bevorteilt gegenüber Konkurrenzfirmen.

Techdata ist die Ex-Firma des amtierenden Astra-Direktors Dieterle. Dieterle war bis 1998 – insgesamt 11 Jahre – Geschäftsführer dieser Firma. Ebenso lange sass er im Verwaltungsrat des Unternehmens.

Millionen unter der Hand

Im Bericht geht es um das millionenteure Softwaresystem TDcost des Astra. Die Firma Techdata durfte dieses System, das zur Planung und Verwaltung sämtlicher Strassenbau- und Strassenunterhaltsprojekte des Bundes dient, dem Astra liefern. Mehr noch: Das Unternehmen darf das Informatiksystem seither warten anpassen und weiterentwickeln.

Die Konsultation der öffentlichen Ausschreibungsplattform Simap zeigt: Allein für «Wartung und Weiterentwicklung» des Systems TDcost hat das Amt der Firma Techdata in den letzten Jahren vier Millionenaufträge unter der Hand, das heisst ohne öffentliche Ausschreibung, vergeben, stets mit der offiziellen Begründung: Aus urheberrechtlichen Gründen könne nur Techdata diese Arbeiten ausführen.

2008 war es ein Auftrag in Höhe von 1,6 Millionen Franken. 2010 waren es 2,7 Millionen, ein Jahr später 1,2 Millionen. Und im Januar des laufenden Jahres war es ein Wartungs- und Weiterentwicklungsauftrag von 3,7 Millionen Franken für die nächsten vier Jahre.

«Riskante Abhängigkeit»

Die Finanzkontrolleure bezeichnen die Abhängigkeit des Astra von dieser Firma als «sehr problematisch». Im Bericht warnen sie: «Das Astra hat wegen der Abhängigkeit beim System TDcost wenig Einfluss auf die Preise für die Weiterentwicklung oder Änderungen» des Softwaresystems. Und vor allem: Die Beziehung des Astra zu Techdata «macht Support und Weiterentwicklung des Softwaresystems kostenintensiv».

Damit nicht genug: Das Abhängigkeitsverhältnis des Astra zu der Firma stellt laut den Kontrolleuren auch ein Risiko dar. Das Wissen über das System TDcost sei «auf wenige Personen verteilt», heisst es im Bericht. «Ein ernsthafter Ausfall des Architekten von TDcost bei Techdata» könnte das Ende der Weiterentwicklung des Systems bedeuten.

Geheimnisse der Konkurrenz

Ein besonders schiefes Licht auf das Bundesamt wirft ein weiterer Punkt im Bericht der Finanzkontrolle: Die Tatsache nämlich, dass Mitarbeiter der Firma Techdata beim Astra Einsicht in vertrauliche Daten von direkten Konkurrenzfirmen haben. Weil Techdata-Mitarbeiter im Astra als Supporter des Softwaresystems TDcost arbeiten, können sie laut Finanzkontrolle «in Kostenvoranschläge und damit sowohl die Volumina wie auch die Umsätze der Konkurrenz einsehen und diese Informationen bei den eigenen Offerten berücksichtigen».

Der Bericht bezeichnet dies als Insiderwissen, das «eine Bevorteilung gegenüber den andern Anbietern» bedeuten könne. Der Hintergrund zu diesem Vorwurf: Das Kerngeschäft von Techdata ist nicht Informatik, sondern Baumanagement. Gerade auf diesem Gebiet bewirbt sich Techdata regelmässig für Aufträge beim Bundesamt für Strassen, in der Hoffnung, Konkurrenzfirmen ausstechen zu können. In diesem Wettbewerb ist es von entscheidendem Vorteil, zu wissen, mit welchen Zahlen die Konkurrenz operiert. Dass Techdata regelmässig gewinnt, tönt bereits der Bericht der Bericht der Finanzkontrolle an.

Techdata erbringe «umfangreiche bautechnische Leistungen an das Astra», heisst es. Ein Blick auf die Ausschreibungsplattform des Bundes zeigt: Auch hier geht es um regelmässig vergebene Millionenaufträge. Letztes Jahr bekam Techdata mit ihren 54 Mitarbeitern vom Astra einen Auftrag zur Bauherrenunterstützung über 1 Million Franken, 2011 ein Auftrag für 4,8 Millionen Franken. Gleichzeitig erhielt Techdata vom Astra immer wieder Honorare für Informatikleistungen.

Genügt Anforderungen nicht

Weitere Kritik der Finanzkontrolleure: Das Informatiksystem von Techdata genügt den Bedürfnissen im Astra nicht. Das System dient im Bundesamt für Strassen nebst dem Bauprojektmanagement auch als Vorsystem der Finanzbuchhaltung des Bundes. Dabei müssen jährlich über 22000 Rechnungen in Milliardenhöhe abgewickelt werden.

Das Urteil der Kontrolleure hiezu: «Den Qualitätsanforderungen an ein Vorsystem des Buchhaltungssystems des Bundes, über welches Zahlungen von mehr als 1,5 Milliarden Franken pro Jahr abgewickelt werden, genügt TDcost nicht.» Denn «die Anforderungen an die Datensicherheit, die Belegsicherheit, die Journalisierung und das interne Kontrollsystem sind zu wenig ausgebaut». Zudem sei das System offenbar nicht imstande, Rechnungen im Prüfprozess zu überwachen. Deshalb müssten Projektleiter in der Verwaltung die Rechnungen immer zusätzlich in Exceltabellen übertragen, um sie dort überwachen zu können.

Die Verfasser des Untersuchungsberichts kommen am Schluss zu folgendem vernichtendem Urteil: Die Finanzkontrolle empfiehlt, zu prüfen, «ob es zur Behebung aller Probleme, unter Berücksichtigung der dafür anfallenden Kosten, vielleicht nicht sinnvoller wäre, eine andere Applikation einzusetzen».

«Fass ohne Boden»

In einer Klammerbemerkung bezeichnen die unabhängigen Kontrolleure der Bundesverwaltung das System, das bereits über 7 Millionen Franken verschlungen hat, als «Fass ohne Boden».

Offenbar ist man nach der Kritik der Finanzkontrolleure mittlerweile selbst beim Astra zum Schluss gekommen, dass das System TDcost wohl ein Fehlgriff war. Das Amt schreibt in einer Stellungnahme: Man werde «diese Empfehlung der Eidgenössischen Finanzkontrolle umsetzen und das System TDcost mittelfristig ablösen».

Techdata bleibt

Auch ohne das System TDcost wird Techdata im Astra verankert bleiben. Wie stark sich die Privatfirma im Bundesamt eingenistet hat, zeigt das astrainterne gigantische Informatikprojekt Mistra.

Das System Mistra hat inklusive Unterhalt bis heute 100 Millionen Franken gekostet. Im Organigramm des amtlichen Projektes fungieren der Techdata-Chef Urs Schneeberger sowie ein weiteres Techdata-Geschäftsleitungsmitglied in wichtigen führenden Positionen – zumindest im Organigramm nicht unterscheidbar von gewöhnlichen Bundesbeamten. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 13.02.2014, 06:43 Uhr)

Vorgeschichte

Die Finanzkontrolle hat Direktor Dieterle gerügt: Bereits im vergangenen Oktober entdeckte die Eidgenössische Finanzkontrolle Missstände in einem Informatikprojekt im Bundesamt für Strassen (Astra) auf.

Der Name des Projekts, das damals im Fokus stand: Mistra. Seit 2004 werkelt das Astra an dieser Software herum. Sie soll verschiedenste Daten von Tausenden von Strassenabschnitten in der Schweiz speichern und abrufbar machen: Daten über den Zustand von Fahrbahnbelägen, Unfallzahlen und mehr.

Der Bericht der Finanzkontrolle vom Oktober zeigte weiter, dass grosse Teile des Projekts nach wie vor nicht fertig sind. Und vor allem: Dass die ursprünglich budgetierten Kosten von 43 Millionen Franken massiv überschritten wurden. Mittlerweile hat das Projekt nach zahlreichen Erweiterungen bereits mehr als doppelt so viel – nämlich 95 Millionen Franken – verschlungen. Die Kontrolleure prophezeien zudem, dass zu den 95 Millionen Franken «noch über einige Jahre zweistellige Millionenbeiträge investiert werden müssen».

Die Kritik der Finanzkontrolleure war auch im damaligen Bericht in vielen Punkten massiv. Sie erwähnen zwar, gewisse Teile von Mistra seien mittlerweile in Betrieb und brächten «einen unbestrittenen Nutzen». Sie kritisieren aber, das Amt habe bereits bei der Finanzierung des Projekts gesetzliche Vorschriften missachtet. Zudem sei es bei allen Teilprojekten zu «massiven Verzögerungen» gekommen, und zwar schon zwei Jahre nach Projektstart.Weiter heisst es, das ursprünglich einigermassen übersichtliche IT-Vorhaben sei zu einem «unübersichtlichen Portfolio angewachsen».

Die Kritik der Finanzkontrolleure gilt nicht in erster Linie dem Leiter des Projekts, sondern dem Amtsdirektor Rudolf Dieterle persönlich: Er habe bei der Freigabe der Millionenkredite gegen Gesetze verstossen. Der Vorwurf: Bereits das Anfangsbudget von 43 Millionen Franken hätte er nicht einfach in Eigenregie bewilligen dürfen. Er hätte das Geld in Form eines Verpflichtungskredits bei Bundesrat und Parlament beantragen müssen. (ma)

Artikel zum Thema

Strassen-Datenbank kostet 100 statt 45 Millionen

Hintergrund Die eidgenössische Finanzkontrolle kritisiert das Bundesamt für Strassen: Es setze finanzielle Mittel für IT-Projekte «weder sparsam noch wirtschaftlich» ein. Mehr...

Der Seco-Ressortleiter ist in Haft

Anfang Woche wurde der unter Korruptionsverdacht stehende Seco-Ressortleiter in Haft gesetzt. Weniger eilig hat man es in anderer Sache. Mehr...

Korruption im Seco: Wirtschaftsdepartement trödelt weiter

Die vor einer Woche angekündigte Untersuchung zur Korruptionsaffäre wurde bis heute nicht gestartet. Dies könnte dazu führen, dass Spuren verwischt werden. Mehr...

Sponsored Content

Erlebnisse für Gruppen

Attraktive Kombi-Angebote von SBB RailAway bis zu 40% ermässigt.

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Panzerparade in Weissrussland: In der Nähe der weissrussischen Stadt Minsk probt das Militär den Auftritt am Tag der Unabhängigkeit am 3. Juli. (31. Mai 2016)
(Bild: Sergei Grits (AP, Keystone)) Mehr...