«Die zweite Röhre wird spätestens auf Druck der EU geöffnet»

Das offizielle Tessin wünscht sich eine zweite Gotthardröhre. Umweltschützer und Raumplaner warnen allerdings vor einem Verkehrskollaps. Die Blechlawine bedrohe auch den Tourismus.

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Die Verkehrskommission des Nationalrats hat sich gestern für den Bau einer zweiten Gotthardröhre ausgesprochen. Dadurch soll der Gotthardtunnel auch während der Renovierungsarbeiten offen bleiben. Nach Abschluss der Bauarbeiten soll die zweite Röhre aber nicht als Fahrspur dienen, sondern nur als Pannenstreifen benutzt werden.

Zu den vehementesten Befürwortern einer zweiten Gotthardröhre gehören die Tessiner Regierung und Parlamentarier wie Filippo Lombardi (CVP) oder Fulvio Pelli (FDP). Nur eine zweite Röhre könne garantieren, dass das Tessin nicht von der Restschweiz abgeschnitten werde, lautet das Hauptargument. «Den Gotthard zu schliessen, würde das Tessin töten. Es würde sehr, sehr viel Fantasie brauchen, um überleben zu können», sagte Pelli vor einiger Zeit im Interview mit der «Berner Zeitung».

Im Tessin selber ist die zweite Gotthardröhre allerdings umstritten. Umweltschützer oder Raumplaner warnen vor einem Verkehrskollaps zwischen Lugano und Chiasso. «Wir gehen davon aus, dass die zweite Röhre spätestens auf Druck der EU für den Verkehr geöffnet wird», sagt Raumplaner Sergio Rovelli. Das Tessin habe deshalb Angst, von noch mehr Lastwagen überrollt zu werden.

Arbeitsweg verdoppelt

Bereits heute brauchen die Pendler, italienischen Grenzgänger und Lastwagenfahrer zwischen Lugano und Chiasso viel Geduld. Die Autobahn sei so überlastet, dass es beim kleinsten Zwischenfall zum Stau komme, sagt Rovelli. Zu den Hauptverkehrszeiten stocke der Verkehr schon heute – vor allem bei den Ein- und Ausfahrten. Wer einen Arbeitsweg von 20 Minuten habe, müsse 40 Minuten einplanen.

Heute werde der Lastwagenverkehr am Gotthard allerdings noch durch das Tropfensystem abgebremst, sagt Rovelli. Auch die Staus an Wochenenden oder zu Ferienbeginn sorgten dafür, dass nicht noch mehr Autos gleichzeitig durch das Tessin fahren. «Heben wir das Nadelöhr am Gotthard auf, kommt es dafür im Tessin zum Kollaps», sagt er. Zwischen Lugano und Chiasso sei in dem Fall mit täglichen, mehrstündigen Staus zu rechnen.

Kinder leiden an Asthma

Die Bevölkerung wehre sich auch aus gesundheitlichen Gründen gegen noch mehr Verkehr, sagt Carlo Lepori, SP-Grossrat und Mitglied des Alpenparlaments der Alpeninitiative. «Im Mendrisiotto leiden bereits heute überdurchschnittlich viele Kinder an Asthma.» Medizinische Studien hätten gezeigt, dass dies mit dem Feinstaub zusammenhänge.

Um die Verkehrsprobleme zu entschärfen, werden im Tessin zurzeit Pläne geprüft, eine dritte Autobahnspur zu bauen. «Der Platz für eine zusätzliche Spur fehlt uns», sagt Werner Herger, Sekretär der Tessiner Sektion des Verkehrs-Clubs der Schweiz. Wolle man die Autobahn vergrössern, müsse man das Seeufer verbauen, sagt Raumplaner Rovelli. Zudem bräuchte es zusätzliche Viadukte oder Galerien. «Das wäre schlimm für die Landschaft.» Darunter werde auch der Tourismus leiden.

Kein Auto ist schneller als die Neat

Kein Verständnis haben die Umweltschützer auch für das Hauptargument der Befürworter einer zweiten Gotthardröhre. Das Tessin werde nie von der Deutschschweiz abgeschnitten sein, sind Rovelli, Herger und Lepori überzeugt. Mit der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (Neat) verfüge das Tessin ab Dezember 2016 über eine hervorragende Verbindung in die Deutschschweiz. Schneller als die Neat sei kein Auto.

Im Tessin haben Umwelt- und andere Organisationen bereits einen Verein gegründet, um die zweite Gotthardröhre gemeinsam zu bekämpfen. Falls das Eidgenössische Parlament tatsächlich Ja sage zur zweiten Gotthardröhre, werde man sofort anfangen, Unterschriften zu sammeln, sagt Lepori. Er und seine Mitstreiter rechnen damit, dass das Eidgenössische Referendum im Tessin gute Chancen hat.

Bei den letzten beiden verkehrspolitischen Abstimmungen, die auch den Gotthard betrafen, stimmte die Tessiner Bevölkerung im Sinne der Umweltschützer: 1994 nahm sie die Alpeninitiative mit dem schweizweit zweithöchsten Ja-Anteil von fast 64 Prozent an. Und dem Gegenvorschlag zur Avanti-Initiative «Für sichere und leistungsfähige Autobahnen» erteilte sie 2004 mit 55 Prozent eine Abfuhr.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.01.2014, 14:50 Uhr)

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