Die vierte Landessprache erhält Auftrieb

Das bedrohte Rätoromanisch erhält unerwartete Unterstützung von Einwanderern aus Portugal. Die Gastarbeiter und die Gastregion haben beide einen Nutzen davon.

Zulauf aus Portugal: Auf Bündner Baustellen wird oft auch Portugiesisch gesprochen.

Zulauf aus Portugal: Auf Bündner Baustellen wird oft auch Portugiesisch gesprochen. Bild: Keystone

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Die Portugiesen sind knapp nach den Deutschen die zweitstärkste Ausländergruppe in Graubünden. Von den über 7000 Gastarbeitern aus Portugal lebt fast die Hälfte im Engadin. Die meisten arbeiten auf dem Bau oder im Gastgewerbe.

Die Portugiesen kamen in den 1970-er Jahren nach den Italienern in die Schweiz und nach Graubünden. Inzwischen ist jedes fünfte Neugeborene in den Spitälern des Engadins portugiesischer Herkunft. Und die Gastarbeiter, überwiegend Jahresangestellte, lernen lieber Rätoromanisch als Deutsch.

Verwandte Sprachen

Portugiesisch und Rätoromanisch sind verwandte Sprachen. Rätoromanen verstehen Portugiesen in groben Zügen und umgekehrt. Mit dem Reden der jeweils anderen Sprache ist es dann allerdings nicht mehr so einfach.

Im Engadin ist die Portugiesen-Kolonie so gewachsen, dass sich die Gemeinschaft schon beinahe als Parallelgesellschaft etabliert hat. Portugiesen führen ein Restaurant, ein Verkaufsgeschäft und kicken mit dem «FC Lusitanos de Samedan» in der regionalen Fussballmeisterschaft mit.

Die kantonale Integrationsstelle und die rätoromanische Dachorganisation Lia Rumantscha (LR) haben im Engadin nun den Versuch zur besseren Integration der Gastarbeiter unternommen, deren Kinder in der Schule Rätoromanisch lernen.

Erfolgsmodell «Piripiri»

«Piripiri», auf portugiesisch Chili, heisst das neue Modell eines Sprachkurses, der ein eigentlicher Integrationskurs ist. Die Kursteilnehmer lernen Rätoromanisch und werden mit der heimischen Kultur vertraut gemacht. Zudem erhalten sie Tipps für das Alltagsleben, wie den Umgang mit Behörden.

«Piripiri» war ein Erfolg, wie Mario Pult, regionaler Sprachvermittler der LR im Engadin, sagt. Zum Abschluss des Kurses brachten die Portugiesen sogar Sketchs in rätoromanischer Sprache auf die Bühne.

Vor dem Aussterben retten können die Gastarbeiter das erodierende Rätoromanische im Oberengadin nicht, wo die Sprache mittlerweile einen sehr schweren Stand hat. «Aber die Portugiesen unterstützen unsere Bemühungen um den Erhalt der Sprache, und wir sind froh darum», sagt Pult.

Rätoromanisch als Integrationssprache

Der Nutzen liegt auf beiden Seiten: Die Portugiesen helfen dem Rätoromanischen, und das Rätoromanische wird zum Sprachinstrument der Integration. «Piripiri» soll im Engadin eine Fortsetzung erfahren. Auf andere rätoromanischsprachige Regionen lässt sich der Kurs jedoch nicht einfach übertragen.

Im Bündner Oberland, wo vorwiegend rätoromanisch gesprochen wird, sieht die Situation anders aus. Dort leben vor allem Saisonniers aus Portugal, deren Integrationsbedürfnis wegen des zeitlich limitierten Aufenthalts nicht sehr gross ist.

Rätoromanische Sprachkurse im Bündner Oberland werden nur vereinzelt von Portugiesen besucht, wie Andreas Gabriel, Mediensprecher der Lia Rumantscha, sagt. Und Arbeitgeber, hauptsächlich Hoteliers, hätten es lieber, wenn ihre portugiesischen Saisonniers Deutsch sprächen.

Modell nicht beliebig anwendbar

«Wir prüfen das Modell 'Piripiri' laufend auf seine Anwendbarkeit», sagt LR-Sprecher Gabriel. In der Gemeinde Tujetsch, im oberen Bündner Oberland, wo ebenfalls viele Portugiesen leben, wurde der Integrationskurs erwogen.

Doch die Gemeinde entschied sich für einen anderen Weg. In der Schule erhalten portugiesische Schülerinnen und Schüler Einzelunterricht in Rätoromanisch. «Piripiri» greife eben nicht überall, so Gabriel. Als nächstes will die Lia Rumantscha das Kursmodell in Mittelbünden auf seine Durchführbarkeit überprüfen. (mrs/sda)

(Erstellt: 03.08.2010, 23:59 Uhr)

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