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Die grosse Sorgen mit den kalten Betten

Von Christoph Aebischer. Aktualisiert am 09.02.2012 10 Kommentare

Kalte Betten sind in Grindelwald allgegenwärtig. Einheimische überlassen das Dorf den Feriengästen und ziehen weg. Die Gemeinde versucht, Gegensteuer zu geben.

Grindelwald früher: Eine lockere Streusiedlung/Grindelwald heute: Ein eng gebautes Dorf.

Grindelwald früher: Eine lockere Streusiedlung/Grindelwald heute: Ein eng gebautes Dorf.
Bild: Staatsarchiv des Kantons Bern/Keystone

Grindelwald wurde ihnen zu teuer: Gabriela    Seematter und ihre Familie zogen von ihrem Heimatdorf nach Matten bei Interlaken. (Bild: Markus Hubacher)

Die Initiative

«Schluss mit uferlosem Bau von Zweitwohnungen», über die am 11.März abgestimmt wird, verlangt eine Beschränkung des Zweitwohnungsanteils auf maximal 20 Prozent. 78 Gemeinden im Kanton Bern übertreffen diesen Wert. Dazu gehören die meisten Gemeinden im Berner Oberland sowie einige im Berner Jura und im Seeland.

Bundesrat, Parlament und die Kantone empfehlen ein Nein. Tauglicher ist für sie das bereits revidierte Raumplanungsgesetz, das als indirekter Gegenvorschlag gilt. Der Kanton Bern hat den kantonalen Richtplan als Folge davon im Juli 2011 ergänzt. Damit wird der Zweitwohnungsbau nicht gestoppt, sondern gebremst: Pro Gemeinde darf der Bau von unbewirtschafteten Zweitwohnungen maximal 40 Prozent des gesamten jährlichen Wohnungsbaus ausmachen, in Ausnahmefällen 60 Prozent. Zudem hat der Regierungsrat 13 Gemeinden (u.a. Grindelwald) verpflichtet, griffige Massnahmen gegen kalte Betten zu ergreifen. cab/azu

Von kalten und warmen Betten

Was ist eine Zweitwohnung?
«Schluss mit uferlosem Bau von Zweitwohnungen» fordert die Initiative von Umweltschützer Franz Weber. Doch was ist eigentlich eine Zweitwohnung? In der Schweiz gibt es keine rechtliche Definition des Begriffs. Sollte die Initiative angenommen werden, müsste das Parlament den Begriff klar umreissen. Fachleute unterscheiden zwei Kategorien von Wohnungen, die nicht dauerhaft durch ihre Besitzer bewohnt werden:

Unbewirtschaftete Zweitwohnungen mit sogenannten kalten Betten: Diese haben die Initianten gemäss eigenen Angaben im Fokus. Gemeint sind Wohnungen oder Häuser, die
ihren Besitzern bloss für durchschnittlich 30 bis 40 Tage pro Jahr als Feriendomizil dienen und sonst leer stehen.

Bewirtschaftete Zweitwohnungen mit warmen Betten: Das sind kommerziell vermietete und damit dauerhaft benutzte Objekte. Solche gibt es etwa in Ferienresorts, aber natürlich auch in ganz normalen Häusern. Laut den Initianten soll diese Parahotellerie vom Volksbegehren nicht betroffen sein, weil sie im Gegensatz zu den kalten Betten eine beträchtliche Wertschöpfung generiert.

Wie viele Zweitwohnungen gibt es heute in der Schweiz? Die Initianten schätzen 600'000 – und meinen nur die unbewirtschafteten Zweitwohnungen; der Bundesrat schätzt 500'000 – und meint alle. Wer recht hat, lässt sich nur schwerlich sagen: Die letzten zuverlässigen Zahlen sind 12 Jahre alt und stammen von der Volkszählung im Jahr 2000: Damals wurden 420 000 «nur zeitweise bewohnte Wohnungen» gezählt. Bei der vorherigen Volkszählung 1980 waren es bloss 240'000.

Dass die Zahl seit dem Jahr 2000 erneut markant gestiegen ist, bestreitet niemand ernsthaft. So geht man in Grindelwald davon aus, dass der Anteil an Zweitwohnungen in den letzten 12 Jahren von 45 auf 60 Prozent gestiegen ist (siehe auch Haupttext). azu

Die krumme, kühle Bude reichte dem jungen Pärchen vollauf. Als Nachwuchs im Anzug war, begann die schwierige Suche nach einer geeigneten Wohnung in Grindelwald. Familie Seematter landete schliesslich nach einem unbefriedigenden Zwischenhalt auf 1200 Metern über Meer in einer engen Wohnung auf dem Enziboden. Als dort der Hang ins Haus rutschte, ging die Zeit in Grindelwald für Seematters definitiv zu Ende. Gabriela Seematter erinnert sich: «Damals war ich mit meinem kleinen Sohn allein zu Hause. In den Ferienwohnungen über und unter uns war niemand, wie meistens.» Seematters gaben 2003 den Kampf gegen die kalten Betten verloren. Sie wohnen heute in Matten bei Interlaken in einem schmucken Chalet.

In Grindelwald gab es für sie keinen geeigneten Platz. Zu klein, alt oder abgelegen und eigentlich immer teuer, ist Seematters Fazit. Für die letzte Wohnung musste die Familie sich ein Allradfahrzeug zulegen. Etlichen Einheimischen geht es ähnlich. Wohnen in Grindelwald ist unerschwinglich geworden. Ob Lehrer, Polizisten, Post- und Gastgewerbepersonal, sie alle wohnen mittlerweile in Nachbargemeinden.

In Grindelwald ist mehr als jede zweite Wohnung eine Ferienwohnung. Die Gemeinde schätzt den Anteil der Zweitwohnungen heute auf 60 Prozent, Tendenz immer noch steigend. Sie käme bei einer Annahme der Zweitwohnungsinitiative, über die am 11.März abgestimmt wird, noch stärker unter Zugzwang, als sie es heute schon ist (siehe Kasten links).

Grindelwald gibt Gegensteuer

Doch es gibt wie immer die andere Seite. Seit die Gemeinde Gegensteuer gibt, sind einige Zweitwohnungsbesitzer unter Druck. 1990 führte Grindelwald die kantonalen Bestimmungen über den Erstwohnungsanteil (Ewap) ein. Sie verlangen, dass ein Drittel der Wohnungen einer Liegenschaft als Erstwohnungen verwendet werden müssen. Martin von Büren aus Bellach droht deshalb der Verlust seiner langjährigen Ferienwohnungen. Eine hat er schon an Einheimische dauervermietet, bei der anderen will ihm die Gemeinde den Strom abstellen. Von Büren, seit 25 Jahren regelmässiger Feriengast in Grindelwald, mietete die Wohnungen 1999 und erwarb sie 2005. Er ging davon aus, dass die Nutzung weiterhin geduldet wird. Jetzt muss er handeln. Momentan steht die Wohnung leer.

Regeln wurden unterlaufen

Ginge es nach Adi Bohren, Präsident des 2007 gegründeten Vereins «gegen die masslose Überbauung», würde die Gemeinde durchgreifen. Doch «die zuständigen Leute» unternähmen zu wenig, kritisiert er. Zwar gebe es die Ewap, doch sie würden unterlaufen. 2008 flog auf, dass die Einträge im Grundbuch fehlten. Dann, erzählt Bohren, würden Auswärtige einfach kurzfristig ihre Schriften nach Grindelwald verlegen und nach dem Wohnungskauf wieder abziehen.

Er kennt auch Fälle, in denen Einheimische Ewap-Wohnungen als Ferienwohnungen vermieteten. Zuletzt stünden korrekt ausgewiesene Wohnungen für Einheimische leer, weil dies rentabler sei: «Mit dem Verkauf der übrigen Wohnungen wurde genug Gewinn erwirtschaftet.»

Ruf nach Geld vom Kanton

Gemeindepräsident Emanuel Schläppi räumt Fehler ein, die vor seiner Zeit geschehen seien. «Bis jetzt fanden wir jedoch immer eine Lösung.» Die Gemeinde bemühe sich um Gerechtigkeit und habe etliche Fortschritte erzielt. Nötig wären einfach mehr Mittel vom Kanton. «Mittlerweile gibt es dank der Ewap-Regelung 300 für Ortsansässige reservierte Wohnungen, die zu fairen Preisen gekauft wurden oder gemietet werden», sagt er.

Ende Jahr sollen die Grindelwalder über eine Lenkungsabgabe befinden, ein weiteres Instrument im Kampf gegen den Wildwuchs. Dass es Missbrauch gibt, streitet Schläppi nicht ab. Vorab profitiert sicher das Baugewerbe, es kennt die Schlupflöcher.

Schläppi stellt fest: «Die ganze Geschichte um den Zweitwohnungsbau hat einen Keil in die Bevölkerung getrieben.» Diese stehe selber in der Pflicht: Wer die Zersiedelung bremsen wolle, dürfe künftig kein zusätzliches Bauland mehr einzonen, fordert er. Das eingezonte Land hingegen sei nicht zu retten. Da spiele halt der Markt. Und die Nachfrage bleibt hoch. Allein in den nächsten drei, vier Jahren spriessen über 30 Gebäude an fünf Standorten aus dem Boden.

Kläranlage für 25'000 Leute

Das sei «massloses Bauen», meint Bohren. «Wir leben nun mal vom Tourismus», hält Schläppi dagegen. Aber man müsse abwägen, wo die Gemeinde zulegen und wo sie zurückstecken soll. Grindelwald habe 4000 Einwohner, 8000 Betten in Zweitwohnungen, 2500 weitere in Hotels und bis zu 5000 Tagesgäste. «Unsere Kläranlage müssen wir auf 25'000 Leute ausrichten», folgert Schläppi. Dies, obwohl viele Fensterläden meistens geschlossen sind.

Die Zweitwohnungsinitiative würde das Problem für Schläppi jedoch nicht lösen. Sie sei in Grindelwald «schlicht nicht umsetzbar». Auch Bohren sieht in ihr kein «Heilmittel». Lieber wäre ihm, wenn die Behörden die bestehenden Gesetze durchsetzen würden. Schläppi hört den Appell. Ob der von Bund und Kanton vorgeschlagene Weg ans Ziel führt, bezweifelt er jedoch. Nützlicher wäre, wenn der Kanton die Bevölkerung davon abhält, mehr Bauland einzuzonen.

Für die Familie Seematter kommt das langsame Erwachen in Grindelwald zu spät. Sie fährt heute nur noch zum Skifahren hin oder um Verwandte zu besuchen. Gabriela Seematter fällt dann jeweils auf: «Von der ursprünglichen Streusiedlung ist nichts mehr übrig geblieben. Die ganze Landschaft ist aufgefüllt.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.02.2012, 07:48 Uhr

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10 Kommentare

Bernhard Kobel

09.02.2012, 12:48 Uhr
Melden 26 Empfehlung

Gemeindepräsident Schäppi will mehr Geld vom Kanton. Da kann ich nur hoffen, dass die Politiker es nicht zulassen, dass der Kanton (und das ist finanziell gesehen vor allem der Grossraum Bern) für die klaren Fehler und Versäumnisse der Gemeindebhörden von Grindelwald geradestehen muss. So würden ganzen Gewinne aus der Entwicklung privatisiert, aber die Kosten dann vom Steuerzahler bezahlt. Antworten


Monika Bähler

09.02.2012, 13:46 Uhr
Melden 18 Empfehlung

Wir haben in derselben Wohnung gewohnt wie diese Familie.Fast 5 Jahre lang und mit 2 Kindern.Es ging!
Der Zweitwohnungsbau ufert aus,dem muss ein Riegel geschoben werden!Der Gipfel ist ,dass wenn Einheimische ein Stück Bauland gefunden haben, und ein EFH bauen wollen,die 2.Whg Besitzer Einsprache machen,weil es ihnen nicht passt,das auf der Wiese nebenan ein Haus steht.Wer bezahlt die Steuern???
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