«Optimismus gehört zu meinem Naturell»

Von Hubert Mooser, Claudio Habicht. Aktualisiert am 11.12.2008 60 Kommentare

Nach der «Nacht der langen Messer» kann die SVP zuversichtlich sein. Die Chancen für Bundesratskandidat Ueli Maurer stehen gut. Lesen Sie das Protokoll eines Politik-Krimis.

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Die SVPler versammelt im «Bären».
Claudio Habicht

   
Walliser unter sich: Journalist Hubert Mooser (l.) zusammen mit CVP-Präsident Christophe Darbellay im «Bellevue».

Walliser unter sich: Journalist Hubert Mooser (l.) zusammen mit CVP-Präsident Christophe Darbellay im «Bellevue».

Reporter Claudio Habicht bei der Arbeit.

Reporter Claudio Habicht bei der Arbeit.

Die Nacht der langen Messer in Bern.

Die Nacht der langen Messer in Bern.

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Die Nacht der langen Messer

Der erfahrene Bundeshausjournalist Hubert Mooser und der Reporter Claudio Habicht sind für Bernerzeitung.ch/Newsnet vor Ort in Bern. In einem Liveblog berichten sie rund um die Uhr von der letzten Nacht vor der Bundesratswahl. Sie liefern Bilder, Zitate, Emotionen und informieren über die letzten Taktiken der Parteien.

Höhepunkt wird zur späten Stunde die Berichterstattung aus der «Bellevue-Bar» sein, wo sich Parlamentarier und Medienleute traditionsgemäss auf den Füssen stehen werden.

23.55 Uhr: Es schneit weiter. Fünf Zentimeter liegen inzwischen schon auf der Strasse. Bern ist ganz in weiss – alles ist still. Drinnen im «Bären» geht es jedoch hoch zu und her: Die SVP hat sich versammelt und ist voller Zuversicht für die morgige Wahl, Maurer werde gewinnen. Auch Oskar Freysinger ist vom «Bellevue» in den «Bären» gekommen. Mit am Tisch sitzt der Tessiner CVP-Ständerat Filippo Lombardi. SVP-Nationalrat Max Binder ist sehr zuversichtlich: «Optimismus gehört zu meinem Naturell», sagt er und strahlt übers ganze Gesicht. Auch Toni Bortoluzzi – sichtbar müde – glaubt an Maurers Wahlsieg. «Als ich heute morgen aufgestanden bin, war ich nicht sicher, wer Bundesrat wird. Doch in den letzten Stunden reifte die Gewissheit, dass es Maurer schafft.» Von Ueli Maurer selbst ist nichts zu sehen.

Im «Bellevue» geht unterdessen die Vorwahl-Party mit der CVP und der FDP weiter. Die SP hat sich ins «Kornhaus» verzogen, die Grünen haben das «Rialto» verlassen und sind nach Hause gegangen. Nur Präsident Ueli Leuenberger und Youngstar Bastien Girod hat es noch einmal ins Bellevue verschlagen. Die Ausgangslage für die Bundesratswahl ist auch nach den ersten Hälfte der Nacht der Langen Messer unklar. Die Chance für Maurer morgen Bundesrat zu werden, stehen nach wie vor bei 50 Prozent.

22.55 Uhr: Auch Oskar Freysinger (SVP, Wallis) ist in der «Bellevue-Bar» zugegen und hat sich neben uns platziert. Halb auf französisch, halb auf deutsch murmelt er, er werde nun keine seiner Alexandriner-Gedichte verfassen. Und fügt hinzu: «Die Messer werden gewetzt» - den Blick immer in unsere Richtung.

Inzwischen hat es in Bern zwei Zentimeter Neuschnee. Mit unseren Lederschuhen torkeln wir über den Berner Bundeslatz Richtung «Rialto», die Mützen tief über die Ohren gezogen. Die Pizzeria ist halb leer, doch aus einer Ecke dröhnt Lärm: Die Grünen tafeln ausgiebig. Statt Fondue und Walliser Teller im Lötschberg, Pista und Pasta im Rialto. Fast die gesamte Fraktion ist um die Tafel versammelt, Jo Lang, Therese Frösch, Franziska Teuscher und Bastien Girod, Genersalsekretär Hubert Zurkinden und natürlich auch Bundesratskandidat Luc Recordon. Seine Chance bei den Wahlen von morgen sind minim. Die gute Laune lässt er sich deswegen aber nicht verderben. Präsident Ueli Leuenberger hofft indessen immer noch, dass man am Mittwoch den Durchmarsch der SVP-Hardliner verhindern kann: «Morgen ist der Tag der Menschenrechte. Ich hoffe, dass dies meine Kollegen im Parlament bei der Stimmabgabe berücksichtigen.» Und weiter: «Sie sollen sich überlegen, ob sie einen Kandidaten wählen wollen, der jahrelang rassistische Sprüche verbreitet hat.»

21.46 Uhr: Das «Bellevue» wird immer voller. Der Lärmpegel steigt, die Anwesenden trinken fleissig Wein und Bier. Das Schweizer Radio hat ganz hinten in der Bar eine Basis errichtet und befragt einen Politiker nach dem anderen. Ständerat Bruno Frick und SVP-Präsident Toni Brunner führen davor eine energische Diskussion. Weiter hinten, im Speisesaal des Restaurants, essen Gäste und lassen sich nicht von den Politikern stören.

FDP-Ständerätin Christine Egerszegi sagt: «Ich habe Ueli Maurer bei den Hearings gefragt, ob er Blocher seine Stimme gibt. Er bejahte. Es ist unglaublich! Die ganze SVP wählt Blocher – und wir sollen Maurer wählen.» Darauf wendet sie sich ab und versinkt in ein Gespräch mit dem Ex-Blick-Chefredaktor Werner De Schepper.

21.38 Uhr: In der Lobby des «Bellevue» herrscht derweil reges Kommen und Gehen: Medienleute, Politiker und das Servicepersonal stürmen an uns vorbei. Nun treffen Otto Ineichen (FDP), Christine Egerszegi (FDP) und Philipp Müller (FDP) ein. «Wir wählen Maurer», sagen sie dem Fernsehen.

Auch Nationalrat und Bauernpräsident Hansjörg Walter, der Sprengkandidat der SVP, ist hier. Einmal mehr will er sich nicht festlegen, ob er die Wahl annehme. Wenn es morgen heiss werde, gehe er nach vorne und verkünde, dass er nicht zur Verfüfung stehe. Sollte er dennoch gewählt werden, geben es wahrscheinlich ein Time-Out. Er werde sich heute Abend nochmals mit der Parteileitung und der Fraktionsspitze besprechen. In den letzten Tagen seien Parlamentarier auf ihn zugekommen und hätten ihn gewarnt: «Pass auf, dein Name wird gehandelt.» Er habe heute morgen mit CVP-Chef Christophe Darbellay gesprochen, doch das Gespräch habe sich nur um die Welthandelsorganisation (WTO) gedreht.

21.11 Uhr: Im «Kornhauskeller» ist noch niemand. Wir machen uns deshalb auf den Weg in die «Bellevue-Bar», dem Hauptschauplatz der Nacht der langen Messer. Unterwegs kehren wir kurz im «Della Casa» ein. Dort sitzt das Arena-Team des Schweizer Fernsehens. Politbeobachter Iwan Rickenbacher schätzt, dass Ueli Maurer die Wahl gewinnen wird. Genügend Parlamentarier aus der CVP würden ihn unterstützen.

Alle Stationen der «Nacht der langen Messer»: Für nähere Informationen einfach auf die Markierungen klicken.


Inzwischen hat es in Bern angefangen zu schneien. Durch den Schneematch rauschen wir ins «Bellevue». Dort sitzen schon zahlreiche politische Schwergewichte: FDP-Präsdident Fulvio Pelli, SVP-Chef Toni Brunner, CVP-Präsident Christophe Darbellay. An einem Tischchen sitzt auch Ex-CVP-Generalsekreatär Reto Nause. Sein Fazit ist klar: «Sollte Caspar Baader – wie bei der Blocher-Abwahl – wieder das Parlament beleidigen, wird es schwierig für Ueli Maurer.»

Darbelley dagegen glaubt, Maurer wird es schaffen. «Maurer hat sich bei den Hearings staatsmännisch verhalten. Maurer habe versichert, dass er und die SVP für die Konkordanz einstehen.» Und er habe sich bei der Anhörung mehrmals von Christoph Blocher distanziert. Dann rauscht Darbellay weiter zum nächsten Interview-Termin.

FDP-Präsident Fulvio Pelli steht in der Hotellhalle mit einem Glas Rotwein in der Hand und unterhält sich mit Journalisten: «Es ist weniger spannend als vor einem Jahr. Man spürt, dass es keine Alternative gibt», sagt der Tessiner. Die Messer seien dieses Jahr ein wenig stumpf. Zwischen dem Gespräch rauscht der frühere SBB-Chef Lalive d'Epinay mit einem Koffer vorbei in Richtung Hotellift und ruft Pelli zu: «Macht einen guten Job, damit wir weiterhin ruhig arbeiten können.»

Genau vor dem Eingang zur Hotelbar hat sich Hans Grunder, BDP-Parteipräsident, hingesessen. "Schafft es Maurer", wollen wir von ihm wissen. Aber Grunder ist überfragt: «Ich weiss zurzeit nicht, wie ich die Situation beurteilen soll».

20.05 Uhr: Wir brechen auf. Die SP hat sich im «Kornhauskeller» versammelt.

19.55 Uhr: Im «Diagonal» wird schon heftig diskutiert: An der Bar stehen die Nationalräte Susanne Leutenegger-Oberholzer (SP) und Carlo Sommaruga (SP). Wir sind nicht alleine: Das Schweizer Fernsehen umringt die beiden. Sie lassen sich aber nicht stören und trinken weiter Weisswein und Bier. Sommaruga: «Die Auflagen, mit denen die SVP ihre Kandidaten durchgedrückt hat, sind nicht akzeptabel.» Die CVP habe indem sie den Kandidaten Ueli Maurer durchgewunken habe diese Bedingungen akzeptiert. Leutenegger-Oberholzer fällt ihm ins Wort: «Die Verantwortung liegt nun in den Händen der bürgerlichen Parteien.»

19.50 Uhr: Auf dem Weg vom «Chez Edy» zum «Diagonal» rauscht im Stechschritt der Freiburger CVP-Nationalrat Dominique De Buhman vorbei, auch kein Freund von Ueli Maurer. «Morgen um 8 Uhr klingelt die Glocke», sagt er nur, ein Anspielung auf das Glockengeläut des Nationalratspräsidenten, mit dem dieser die Sitzung des Parlamentes jeweils angekündigt.

19.40 Uhr: Das «Chez Edy» beim Berner Bundesplatz ist gestossen voll, die Luft rauchverhangen. Wir betreten das Restaurant, und SP-Nationalrat Mario Fehr verlässt gerade das Lokal. Dort sitzen CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer, CVP-Nationalrat Urs Hany und Rats- und Parteikollege Roberto Schmid. CVP-Ständerat Eugen David stösst soeben dazu. Auf die Frage, wie die Bundesratswahl morgen ausgehen wird, sagt er kurz: «Es ist noch nicht gelaufen. Unser Favorit wird ein gutes Ergebnis machen», verspricht er. Wer das ist, will er jedoch nicht sagen.

Die Frage ist, ob diese Nacht der langen Messer so spannend wird wie damals, als sie im Kontext der Bundesratswahlen ihren Namen erhielt: Am Abend des 6. Dezember 1983. Damals hetzte Felix Auer im Taxi durch Bern. Es war die Nacht vor der Bundesratswahl, und der FDP-Nationalrat organisierte eine Verschwörung. Auer machte Stimmung gegen SP-Bundesratskandidatin Lilian Uchtenhagen und für Otto Stich. Der Coup gelang, der in der SP unbeliebte Stich wurde gewählt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.12.2008, 09:11 Uhr

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60 Kommentare

Mauro Wälti

09.12.2008, 18:24 Uhr
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Das Ganze ist ein medial inszeniertes Theater sondergleichen. Es wird ein Bundesrat in ein Gremium von sieben Leuten gewählt, der zudem noch ein ziemlich "unwichtiges" Departement übernimmt, da momentan - zum guten Glück - keine Kriege vor der Tür stehen. Was soll also bitte das ganze Spektakel. Wählt Maurer oder Blocher in den Bundesrat. Die sechs anderen Köpfe können diese stets überstimmen. Antworten


Markus Berner

09.12.2008, 18:47 Uhr
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Die Angst regiert bei der FDP und der CVP. Angst, die SVP dorthin zu schicken, wo sie mit den beiden vorgeschlagenen Kandidaten hingehört: in die Opposition. Der alte Altbundesrat Blocher hat ja bereits wieder mal gedroht. Lasst ihn doch endlich seine Drohungen wahr machen. Bleibt ohnehin nur alles polemisches Geschwätz; und das auf einem bedauerlichen Niveau. Antworten



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