Die Schweizer möchten die Einwanderung begrenzen
Von Daniel Foppa und Marie-Hélène Miauton. Aktualisiert am 12.05.2011 233 Kommentare
Landesweite Studie
1609 Personen befragt
Die Umfrage wurde im Auftrag der Westschweizer Zeitschrift «L’Hebdo» vom Lausanner Meinungsforschungsinstitut M.I.S. Trend durchgeführt. Zwischen dem 14. Februar und dem 12. März 2011 wurden 521 Deutschschweizer, 493 Romands und 195 Tessiner telefonisch interviewt. Zudem wurden 400 Führungskräfte aus der ganzen Schweiz befragt. Sie sind schweizerischer oder ausländischer Herkunft und arbeiten in den Bereichen Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft, Erziehung, Kultur und Politik. 41 Prozent von ihnen sind international tätig. 25 Prozent haben ein kommunales, kantonales oder nationales politisches Mandat inne. Die Fehlerquote liegt bei plus/minus 4,5 Prozent bei der Bevölkerung sowie bei plus/minus 5 Prozent bei den Führungskräften. Die gesamte Studie und weitere Angaben finden sich auf: www.forumdes100.com
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Die Wohnbevölkerung in der Schweiz nimmt kontinuierlich zu. Zwischen Boden- und Genfersee leben heute 7,8 Millionen Menschen. Laut dem Bundesamt für Statistik werden es 2035 bereits 8,8 Millionen sein. Grund dafür ist nicht die Geburtenrate von 1,5 Kindern pro Frau, die im internationalen Vergleich eher tief ist, sondern die Zuwanderung. Seit Einführung der Personenfreizügigkeit 2002 sind jedes Jahr durchschnittlich 140'000 Menschen in die Schweiz eingewandert, während demgegenüber nur 83'000 auswanderten.
Eine Umfrage des Lausanner Forschungsinstituts M.I.S. Trend ist den Ursachen für die niedrige Geburtenrate nachgegangen und hat nach den Folgen der Zuwanderung gefragt. Die Ergebnisse werden heute an der Tagung «Forum des 100» in Lausanne diskutiert und erscheinen zeitgleich im «Tages-Anzeiger», in «Der Bund», «L’Hébdo» und «Il Caffé». Am Treffen nehmen rund 850 Persönlichkeiten teil, unter ihnen FDP-Bundesrat Didier Burkhalter und Joseph Deiss, Präsident der UNO-Generalversammlung.
Unerfüllter Kinderwunsch
Wie die Umfrage zeigt, haben 39 Prozent der Führungskräfte und 33 Prozent der Bevölkerung über 45 Jahre keine oder weniger Kinder, als sie eigentlich gewünscht hätten. Als Ursache für die tiefe Geburtenrate wird von beiden Gruppen primär die Berufstätigkeit der Frauen genannt, gefolgt von der Aussage, die Jungen wollten in erster Linie das Leben geniessen. Fehlende Betreuungsangebote für Kinder folgen erst an vierter Stelle.
Ein bemerkenswerter Unterschied zwischen der Bevölkerung und den Leadern zeigt sich bei der Frage, ob auch fehlende finanzielle Mittel ein Grund für die tiefe Geburtenrate sein könnten: 52 Prozent der Bevölkerung finden, dass aus Kostengründen auf Kinder verzichtet wird. Bei den Führungskräften sind nur 17 Prozent dieser Ansicht.Aus Sicht der Bevölkerung braucht es vor allem bessere Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit, höhere Familienzulagen und mehr Krippenplätze, um die Geburtenrate zu erhöhen. Führungskräfte würden vor allem mehr Krippenplätze und Blockzeiten an den Schulen begrüssen. Die Mehrheit der Führungskräfte und der Bevölkerung fordert zudem politische Massnahmen zur Erhöhung der Geburtenrate. Sie denkt an Steuererleichterung für Familien, die Förderung von Teilzeitarbeit sowie ausgebaute Betreuungsangebote.Deutliche Unterschiede zwischen den Leadern und der Bevölkerung zeigen sich bei der Bewertung der Zuwanderung. So ist es für eine klare Mehrheit von 72 Prozent der Führungskräfte positiv, dass dank der Zuwanderung die Überalterung und damit auch die Finanzierungsprobleme der AHV abgeschwächt werden können. Bei der Bevölkerung hingegen sind nur 46 Prozent dieser Ansicht.
Zonen für Einheimische
Heute wohnen 1,7 Millionen Ausländer ständig in der Schweiz, das entspricht 22 Prozent der Bevölkerung. Für eine Mehrzahl der Befragten ist damit allmählich eine Grenze erreicht: 59 Prozent der Bevölkerung (27 Prozent sind dafür, 32 Prozent sind eher dafür) begrüssen eine Zuwanderungsbegrenzung, wie es zum Beispiel die letzte Woche von ökologischen Kreisen lancierte Ecopop-Initiative fordert.
Zudem wünscht eine Mehrheit der Bevölkerung, dass die Gemeinden spezielle Zonen bestimmen sollen, in denen die Einheimischen bauen und wohnen können. Damit soll sichergestellt werden, dass Einheimische in ihren angestammten Gemeinden wohnen können, auch wenn sie weniger finanzkräftig sind als gut qualifizierte Zugezogene. Im Gegensatz zur Bevölkerung lehnen hingegen 64 Prozent der Führungskräfte (32 Prozent sind dagegen, 32 Prozent sind eher dagegen) eine Zuwanderungsbeschränkung ab.
Gesunkene Akzeptanz
Die Bevölkerung ist zudem skeptisch, was die Akzeptanz von Ausländern betrifft. 47 Prozent sind der Ansicht, dass Ausländer heute weniger akzeptiert sind als noch in den 60er- und 70er-Jahren. Als Gründe werden die Kampagnen der SVP, die hohe Zahl an Ausländern sowie die gesunkene Integrationsbereitschaft der Immigranten genannt.
Die Mehrheit der Führungskräfte ist hingegen der Ansicht, die Akzeptanz der Ausländer sei gestiegen. Als Gründe nennt sie, die Gesellschaft sei offener und toleranter geworden, viele Ausländer lebten seit Generationen in der Schweiz, und die Multikulturalität gehöre inzwischen zum Alltag. Augenfällig ist der Unterschied in der Bewertung der Auswirkungen der SVP-Kampagnen. Im Gegensatz zur Bevölkerung finden die Führungskräfte nicht, dass diese Kampagnen zu einer sinkenden Akzeptanz der Einwanderer führen.Die Führungskräfte sind zudem positiver eingestellt gegenüber ausländischen Kadern, die in der Schweiz arbeiten. In der Bevölkerung gibt es zwar Vorbehalte, ausländische Kader würden einen fremden Führungsstil praktizieren und die Schweizer von ihren eigenen Errungenschaften entfremden. Insgesamt findet jedoch auch eine knappe Mehrheit der Bevölkerung nicht, dass ausländische Kader eine zu grosse Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt darstellten.
Wachstum als Problem
Die Mehrheit der Bevölkerung sieht das anhaltende Wachstum der Schweizer Wohnbevölkerung mehr als Problem denn als Chance. Eine Mehrheit der Führungskräfte sieht darin hingegen primär Vorteile.
Trotz aller Vorbehalte steht aber nicht die Zuwanderung zuoberst auf dem Sorgenbarometer, sondern das Thema Umwelt. Dies, obwohl die Umfrage noch vor der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima durchgeführt worden war. Bereits in der letztjährigen Umfrage hatte die Umweltproblematik die Sorgen der Bevölkerung dominiert. Bei den Führungskräften stand damals die Sorge um die Wirtschaftslage und die Beschäftigung im Vordergrund.Am zweitstärksten beschäftigt die Bevölkerung 2011 das Thema Sicherheit und Gewalt, während es bei den Führungskräften die steigenden Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien sind. Die wirtschaftliche und berufliche Situation folgt bei den Leadern an dritter, bei der Bevölkerung erst an vierter Stelle.
Gegen einen EU-Beitritt
Befragt nach der Zukunft, findet eine knappe Mehrheit von 52 Prozent der Bevölkerung, dass Schweizer und Ausländer weiterhin harmonisch zusammenleben werden. Bei den Führungskräften sind sogar 63 Prozent dieser Ansicht. 46 Prozent der Bevölkerung und 35 Prozent der Führungskräfte erwarten hingegen eine weniger positive Entwicklung und zweifeln daran, dass das Zusammenleben weiterhin so friedlich bleibt wie bisher.
Insgesamt beurteilen sowohl die Führungskräfte als auch die Bevölkerung die Zukunft jedoch positiv. Die Mehrheit in beiden Gruppen ist überzeugt, dass die nächsten 15 Jahre für die Schweiz und ihre Nachbarländer vorteilhaft ausfallen werden. Eine klare Mehrheit der Führungskräfte (57 Prozent) und der Bevölkerung (72 Prozent) lehnt es schliesslich ab, Beitrittsverhandlungen mit der EU aufzunehmen. Vielmehr wird der Status quo mit den bilateralen Abkommen begrüsst. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.05.2011, 06:06 Uhr
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233 Kommentare
Es ist richtig die Einwanderung zu beschränken, das hat nichts mit Fremdenfeindlichkeit oder Egoismus zu tun, es geht schlicht darum ein gewisses Mass zu halten und Missbräuchen entgegenzutreten. Heute Leben in der Schweiz Ausländer die keinerlei Bezug zur Schweiz haben und sich in keiner Art und Weise für die Schweiz und den Werkplatz engagieren. Das erlebe ich jeden Tag bei der Credit Suisse ! Antworten
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