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«Die Schule kann nicht Erziehungsersatz sein»

Von Andrea Sommer. Aktualisiert am 25.10.2010 2 Kommentare

Im Wahlkampf setzt die SVP auf Bildung. Am Sonderparteitag vom Samstag in Liestal verabschiedete die Partei einen Forderungskatalog. Im Interview erklärt SVP-Bildungspolitiker Ulrich Schlüer, welche Schule die SVP will.

Primarlehrer an einer Gesamtschule: Geht es nach dem Willen der SVP, sollen die Lehrziele schweizweit vereinheitlicht werden.

Primarlehrer an einer Gesamtschule: Geht es nach dem Willen der SVP, sollen die Lehrziele schweizweit vereinheitlicht werden.
Bild: Keystone

Ulrich Schlüer. (Bild: Thomas Peter)

Kaum Support für SVP-Anliegen

Nicht nur die SVP, auch die anderen Parteien reden bei der Volksschuldebatte mit. Hier die Positionen von SP, FDP, CVP, BDP und den Grünen zu umstrittenen Themen.

Lehrplan 21: SP, FDP, CVP, BDP und Grüne unterstützen die Bestrebungen der Kantone, ihre Schulen weiter zu vereinheitlichen. Dies, weil damit ein einheitlicher Leistungsstandard geschaffen werden könne. Zudem trage die Harmonisierung zur Chancengleichheit bei. Die Grünen begrüssen, dass fächerübergreifende Anliegen wie nachhaltige Entwicklung einen grösseren Stellenwert erhalten.

Teilzeitstellen: Diese im Lehrerberuf abzuschaffen, wie die SVP fordert, halten die anderen Parteien für unrealistisch. Teilzeitjobs seien ein Bedürfnis, dem man Rechnung tragen müsse, sagt die FDP. Für die SP ist wichtiger, dass die Lehrer auf verlässliche Rahmenbedingungen zählen können, und die CVP fürchtet, dass ein Teilzeitverbot das Problem des Lehrermangels verschärfen würde. Für die BDP ist Qualität keine Frage des Beschäftigungsgrades. Teilzeiter seien zudem weniger Burn-out-gefährdet, so die Grünen.

Mehr Mundart: Mit dieser Forderung steht die SVP ebenfalls allein da. Die FDP unterstützt den frühen Sprachunterricht. Auch soll bereits im Kindergarten Hochdeutsch Unterrichtssprache sein. Die CVP fordert, dass die Kompetenzen in der Schriftsprache nicht zu kurz kommen, sieht aber die Mundart nicht bedroht. Für die SP ist klar, dass alle Kinder spätestens zwei Jahre nach Schuleintritt die Unterrichtssprache verstehen und sprechen müssen. Fremdsprachige seien möglichst rasch zu integrieren. Für die Grünen solle es im Kindergarten Hoch- und Schweizerdeutsch geben, und die BDP betont, dass Mundart allein nicht ausreiche, sich in der Schweiz zu verständigen.

Noten: FDP und CVP fordern ebenso wie die SVP Noten zur klaren Leistungsbeurteilung. Für die BDP ist eine klare Beurteilung zwar wichtig, wie diese erfolgt, jedoch zweitrangig. Für SP und die Grünen fokussieren Noten zu einseitig.

Integration: Hier fordert die FDP wie die SVP Sonderklassen für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Integration ja, aber nicht um jeden Preis, heisst es bei der BDP. Ähnlich argumentiert die CVP, die das Modell der integrativen Schule grundsätzlich unterstützt – aber ohne Qualitätseinbussen für die Regelklassen. SP und Grüne sehen in der Integration dagegen eine wichtige Voraussetzung für Chancengleichheit.

Stichworte

Herr Schlüer, wollen Sie mit der Schule zurück zu Ankers Zeiten?
Ulrich Schlüer: Natürlich nicht. Aber wir wollen eine starke Volksschule. Diese wird heute massiv kritisiert von Lehrmeistern, Hochschulen und von der Industrie. Die Schweiz kann nicht im entferntesten ihren Bedarf an Naturwissenschaftern, Ingenieuren und Technikern decken. Auf Dauer gefährdet dies den Forschungsplatz Schweiz.

Dass sich junge Menschen für eine technische Ausbildung entscheiden, können Sie nicht verordnen.
Es geht um mehr Ausgewogenheit. Die Ausdehnung des Sprachunterrichts und die Ideologie des frühen Sprachunterrichts gingen in der Volksschule auf Kosten der Mathematik und des Sachunterrichts. Natürlich bilden wir in der Primarschule keine Naturwissenschafter aus. Aber dort können wir mit einem guten, lebendigen Sachunterricht das Interesse für die Naturwissenschaft wecken.

2006 sprach sich die Stimmbevölkerung für eine Harmonisierung des Schulwesens aus. Warum lehnen Sie nun den Lehrplan 21 ab, der genau dies will?
Wir lehnen nicht den Lehrplan ab. Es ist sinnvoll, die Lernziele zu vereinheitlichen. Wir sind jedoch dagegen, das Unterrichten gesamtschweizerisch zu reglementieren. Genau dies ist aber eines der Ziele des Lehrplans 21. Ein Lehrplan soll lediglich inhaltliche Ziele setzen. Auf welchem Weg ein Lehrer diese erreicht, soll ihm freigestellt sein. Nicht der Weg, das Ziel zählt. Auch wehren wir uns dagegen, dass der Lehrplan 21 für ideologische politische Ziele missbraucht wird.

Die da wären?
Beispielsweise dass man Vorgaben zur sexuellen Orientierung macht. Auch Früherziehung in Sexualkunde ist abstrus.

Viele Eltern drücken sich vor dieser Aufgabe.
Es ist eine Tatsache, dass Eltern einen Teil der Erziehung nicht wahrnehmen. Hier hat die Schule die Aufgabe, den Eltern klar zu sagen, welches ihre Aufgaben sind. Die Schule muss den Kindern Bildung vermitteln und kann nicht Erziehungsersatz sein.

Sie wollen die Volksschule dem Souverän unterstellen. Verderben denn nicht zu viele Köche den Brei?
Wir haben vernünftige Bürgerinnen und Bürger, die sich mit gesellschaftlichen Veränderungen auseinandersetzen. Immerhin haben sich über 80 Prozent für den Bildungsrahmenartikel ausgesprochen. Dieser beschränkt sich auf ein paar wenige grundsätzliche Punkte, die gesamtschweizerisch angeglichen werden müssen. Dass nun durch die Hintertür der Erziehungsdirektorenkonferenz viel weiter gehende Anpassungen stattfinden sollen, ist perfid.

Sie fordern weniger Teilzeitstellen. Warum sollte in der Schule nicht funktionieren, was in allen anderen Branchen geht?
Weil junge Menschen verlässliche Bezugspersonen brauchen, nicht jemanden, der sich nur zwei Stunden pro Woche für sie interessiert.

Um mehr Vollzeitlehrer zu finden, müssten Sie erst den Beruf wieder attraktiver machen.
Nicht nur der Beruf, auch die Lehrerausbildung muss attraktiver werden. Sie muss weg von der Psychologisierung und unternehmerischer sowie praxisorientierter werden. Das zeigt, dass die Angebote für Quereinsteiger entgegen dem allgemeinen Trend stark von Männern genutzt werden. An den pädagogischen Hochschulen hingegen studieren fast keine Männer mehr.

Höhere Löhne würden den Lehrerberuf attraktiver machen.
Sicher, Lehrer sollen anständig entlöhnt werden. Ich glaube jedoch nicht, dass der Lohn zentral ist. Entscheidender ist das Klima, in dem Lehrer unterrichten.

Sie fordern in Ihrem Bildungspapier, dass nur Kinder eingeschult werden, die die Sprache beherrschen. Was geschieht mit den Ausländerkindern?
Diese unterstehen der Schulpflicht und sollen maximal ein Jahr lang intensiven Sprachunterricht erhalten, bevor sie einer Regelklasse zugeteilt werden. Die Kosten muss die öffentliche Hand tragen.

Sogenannten integrativen Unterricht lehnen Sie ab – sollen schwächere und behinderte Kinder nicht eigentlich gefördert werden?
Doch. Allerdings gehören schwerstbehinderte Kinder in Sonderschulen, schwächer begabte und insbesondere verhaltensgestörte Kinder in Kleinklassen. In den Regelklassen stören sie so, dass normales Unterrichten nicht mehr möglich ist.

Ihre Forderungen kosten Geld. Steht das nicht im Widerspruch zum Sparkurs der SVP?
Der integrative Unterricht mit all seinen Sonderlehrkräften kostet wesentlich mehr als unser Modell. Grundsätzlich ist das Bildungswesen primäre Aufgabe des Staates und muss so dotiert werden, dass es funktioniert. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.10.2010, 07:44 Uhr

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2 Kommentare

Willi Ammann

25.10.2010, 18:42 Uhr
Melden

@Sahli,hätte eine linke Partei ein solches Statement abgegeben würden Sie ihr sicher Respekt zollen.Aber doch nicht einem SVP-Parteistrategen,obwohl er mit seiner Aussage gar nicht so Unrecht hat. Vielleicht fragen Sie mal eine Lehrperson um ihre Meinung zu diesem Thema.Viele Lehrpersonen quittieren ihren Dienst u.a.weil sie von Eltern keine Unterstützung kriegen.Nur Tunnelblick genügt da nicht. Antworten


Walter Sahli

25.10.2010, 11:08 Uhr
Melden

"Hier hat die Schule die Aufgabe, den Eltern klar zu sagen, welches ihre Aufgaben sind." Die Schule soll nicht die Kinder sondern die Eltern erziehen??? Selten so gelacht! Wie weltfremd dieser Mann doch ist! Antworten



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