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Die Nacht der langen Messer

Sie ist legendär, die Nacht der langen Messer. Vor der Bundesratswahl wird in der Hauptstadt noch einmal verhandelt, taktiert – und angestossen. Bernerzeitung.ch/Newsnet berichtete live aus Bern.

1/8 Schaute rasch im Berner Bellevue vorbei: Alt-Bundesrat Adolf Ogi.
Bild: Matthias Chapman

   

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

  • 24 Uhr - Ist die Wahl schon gelaufen?  

    Die Meinungen im Bellevue sind gemacht. Für Christian Levrat sind das die langweiligsten Bundesratswahlen seit 10 Jahren. Für ihn heisst das, es bleibt alles beim Alten. Wer von seinen Leuten, Berset oder Maillard, die Wahl in den Bundesrat schafft, dazu sagt der SP-Präsident nichts. Immerhin auf 40 Prozent schätzt FDP-Präsident Fulvio Pelli die Chance, dass es am Mittwoch im Bundeshaus zu einer Überraschung kommt. Von einem Verlust auf seinen Seiten will er aber nichts wissen. CVP-Chef Christophe Darbellay glaubt, dass sich mit der Bundesratswahl nicht viel verändert.
    Die grossen Abwesenden am heutigen Abend waren die drei Bs – Blocher, Baader und Brunner. Noch immer wird ihre Arbeit an der Parteispitze kritisiert, auch intern. Für sie sieht es auch bezüglich Bundesratswahl nicht gut aus. Damit beschliessen wir die Berichterstattung für heute.

  • 23.20 Uhr - Nächtliches Streitgespräch  

    This Jenny und Jean-Francois Rime streiten zu nächtlicher Stunde über Parteiführung, Bundesräte und Bruno Zuppigers missratene Bundesratskandidatur. Ein nächtlicher Talk, den man sich als Politbeobachter nicht entgehen lassen sollte.


    Zwei SVPler, zwei Meinungen: Rime und Jenny im Streitgespräch.

  • 22.50 Uhr - Für Darbellay ists eine Show  

    CVP-Präsident Christophe Darbellay kann kein Angebot der SVP mehr erschüttern. Für ihn ist die Sache gelaufen. Dass es einzelne Abweichler in seiner Fraktion gibt, ist ihm klar. Trotzdem glaubt er, die CVPler im Griff zu haben. Darbellay äussert sich im Video-Interview auch zu den Vorkommnissen bei der «Basler Zeitung».


    Erwartet keine grossen Veränderungen: Christophe Darbellay.

  • 22.30 Uhr - Levrat gibt sich siegessicher  

    Es sind die langweiligsten Bundesratswahlen der letzten zehn Jahre, sagt SP-Präsident Christian Levrat. Die SVP sei nicht fähig gewesen, eine vernünftige Personalplanung zu verfolgen. Ebenso wenig sei eine klare Strategie ersichtlich, kritisiert der Freiburger die politische Konkurrenz.


    Schaut dem Mittwoch gelassen entgegen: Christian Levrat.

  • 22 Uhr - Pelli siehts locker  

    Fulvio Pelli hat keine Angst, morgen einen Sitz im Bundesrat zu verlieren. Der FDP-Präsident verlässt das Hotel Bellevue kurz vor 22 Uhr: «Ich muss in eine Sendung», so der Tessiner. Die Chance, dass es morgen zu einer Überraschung kommt, schätzt Pelli auf immerhin 40 Prozent. Wen von der SP er wählen wird, will er noch nicht sagen. Nur so viel: «Beide sind sehr links.» Was einem Liberalen selbstverständlich Mühe macht.


    Beharrt auf zwei Mandaten für seine Partei: Fulvio Pelli vor dem Hotel Bellevue.

  • 21.30 Uhr - Ogi setzt auf Berset  

    Alt-Bundesrat Adolf Ogi verlässt das Bellevue. Was passiert morgen bei der Bundesratswahl? «Es bleibt alles beim Alten», so Ogi. Und wer macht das Rennen bei der SP? «Berset wird gewählt. Er hat den Vorteil der 46 Stimmen aus dem Ständerat», erklärt er.

  • 21 Uhr - Bruno Zuppiger geniesst den Abend  

    Der meistbeachtete Gast der Bellevue-Bar ist derzeit der gefallene SVP-Bundesratskandidat Bruno Zuppiger. Er wird von Medienleuten umgarnt, erteilt aber allen in charmanter Weise eine Abfuhr: «Sie müssen begreifen, ich kann mich jetzt nicht äussern. Es wäre auch unangemessen, meinen Parteikollegen zu kontern.» Er sagt aber, dass er sich nicht als Verbrecher fühle und dass seine Präsenz im Bundeshaus und heute Abend im Hotel Bellevue gewissermassen eine Flucht nach vorn sei: «Das bin ich meiner Familie schuldig. Wenn ich mich jetzt verkrieche, wird es nachher schwierig. Ich habe meinen Parteikollegen mitgeteilt, dass ich Nationalrat bleiben will, jetzt muss ich mich entsprechend verhalten.» Auch fotografiert werden will er nicht, es könnte arrogant rüberkommen, wie er mit Freunden am Tisch dem schönen Leben mit Cüpli und Häppchen frönt. Wir wollen ihn zu einem Bild überreden – da kommt Karin Keller-Sutter, neue FDP-Ständerätin aus dem Kanton St. Gallen. «Mit ihr zusammen können Sie mich fotografieren», sagt Zuppiger.

  • 20.30 Uhr - Thomas Minder in der Bellevue-Bar  

    Thomas Minder, parteiloser Schaffhauser Ständerat, steht in der Bellevue-Bar. Er äussert sich ungleich diplomatischer zum Politgeschehen als früher. Im Parlament findet er es nicht so schlimm wie erwartet, es sei ein Herantasten. Wen er morgen wählt, sagt er nicht. Die Wahlen seien geheim und weisungsunabhängig, rechtfertigt er sich. Etwas lässt er allerdings durchblicken: «Wir sollten aufhören, Bundesräte abzuwählen.»


    Parteilos und erstmals an einer Bundesratswahl beteiligt: Thomas Minder im Hotel Bellevue.

  • 19.45 Uhr - Thomas Hurter über die SVP  

    Nationalrat Thomas Hurter (SVP, SH) redet in der Hotellobby über Kampfjets, die SVP und das neu zusammengesetzte Parlament. Als Berufspilot ist er gegen den vom Bundesrat angekündigten Kauf des schwedischen Kampfjets Gripen. Doch ob das heutige Parlament der Neuanschaffung überhaupt zustimmt, sei fraglich. «Das Parlament ist nach links gerückt, vorher hatten wir eine komfortable Mehrheit.» Zur SVP: Doch, es habe auch schon diesen Aufruhr in der Partei gegeben und Kritik an der Parteileitung. Das sei vor etwa zwei Jahren gewesen, an den Anlass erinnere er sich nicht mehr. Dass aber die Partei von SVP-Exponenten selber öffentlich derart kritisiert werde, sei ihm neu. In Bezug auf detailgetreue Nachzeichnungen der Fraktionssitzung zur Affäre Zuppiger sagt er: «Da leidet natürlich das Vertrauen, wenn man sieht, das alles, was intern gesagt wird, nach draussen geht.»

  • 19.15 Uhr - Politisches Traumpaar?  

    Philippe Müller und Ruth Humbel (CVP) in der Lobby des Hotel Bellevue. Der FDP-Mann liest auf seinem Samsung Galaxy, das kaum in eine Hosentasche passt, das Neuste von Bernerzeitung.ch/Newsnet. Über von Rohrs Auftritt schmunzelt er. So weit voneinander entfernt seien Kultur und Politik gar nicht, so der Migrations- und Finanzpolitiker.

  • 18.50 Uhr - Kultur und Politik  

    Chris von Rohr betritt das Hotel Bellevue. Er mache heute Abend eine Feldstudie über die Parallelen der Politik zum Showbusiness, sagt er im Gespräch mit Bernerzeitung.ch/Newsnet. Die Resultate werde er in der «Schweizer Illustrierten» publizieren, bei der er als Kolumnist mitschreibt. Politische Vorstellungen habe er nicht, wer in den Bundesrat gewählt wird, sei ihm egal.


    Chris von Rohr: «Es ist egal, wer in den Bundesrat gewählt wird.»

  • 18.30 Uhr - Der Nichtkandidat  

    Draussen in den Gassen Berns regnet es, im Hotel Bellevue tauchen die Parlamentarier langsam auf, Thomas Minder, Doris Fiala, Martin Candinas. Auch Hannes Germann trifft ein. Der Bundesratsanwärter verlor das Rennen gegen Bruno Zuppiger. Verspürt er Wehmut, dass er morgen nun nicht antritt? «Nein, für mich war die Sache gelaufen.» Er wurde zwar von Fraktionschef Baader nochmals angesprochen, aber für ihn kam eine Kandidatur nicht mehr infrage.

  • 18 Uhr - CVP-Bauer Ritter  

    Der neue Nationalrat Markus Ritter (CVP, SG) ist im Dilemma. Die CVP wählt Eveline Widmer-Schlumpf. Der Landwirt Ritter kandidiert aber in einigen Monaten als Nachfolger von Hansjörg Walter für das Präsidium des schweizerischen Bauernverbands und sollte deshalb seinem Bauernkollegen Walter von der SVP die Stimme geben. Verärgert er die Bauern oder die CVP? Ritter hat sich für Stillschweigen entschieden, die Wahl sei geheim. «Man kann es niemandem recht machen, irgendjemand ist immer verärgert.» Dasselbe gelte für die beiden SP-Kandidaten, die er soeben angehört hat. «Beide sind mir sympathisch, beide sind wählbar.»

  • 17.40 Uhr - Maillard verlässt das Bundeshaus  

    SP-Bundesratskandidat Pierre-Yves Maillard verlässt um 17.30 Uhr das Bundeshaus in Begleitung von Nationalrat Roger Nordmann (SP, VD). Es sei gut gegangen im Hearing bei der CVP, sagt Maillard. «Die waren sehr freundlich, überhaupt alle Parteien waren im Gespräch sehr angenehm.» Natalie Rickli (SVP, ZH) kommt dazwischen: Sie habe ihm auch eine Frage gestellt, die er aber nicht wunschgemäss beantwortet habe, sagt sie augenzwinkernd. Auf die Frage, ob Maillard von den CVP-Parlamentariern Signale erhalten habe, sagt er: «Signale erhält man immer, aber ich weiss nicht, was sie bedeuten. Vielleicht sind die Mehrheiten auch viel klarer, als man denkt.»

  • Ausgangslage  

    In Bern steigt vor der morgigen Bundesratswahl die Spannung. Klar ist einzig, dass nach dem Rücktritt von Micheline Calmy-Rey ein Mandat im Bundesrat neu besetzt werden muss. Allerdings wird auch der Sitz der BDP angegriffen. Ganz sicher von der SVP und dies unter Mithilfe der FDP. Allerdings zeigen sich bei der FDP bereits Risse. Einige Exponenten haben angekündigt, auszuscheren und der BDP-Bundesrätin ihre Stimme zu geben. Das wiederum stösst bei der SVP-Spitze auf Ablehnung, man überlegt sich deshalb auch, die FDP anzugreifen. Ob das allerdings tatsächlich geschieht, darüber will die SVP erst noch befinden. Die SVP tritt mit den beiden Kandidaten Jean-François Rime und Hansjörg Walter an. Der Bauernpräsident wurde im letzten Moment aufgestellt, weil Bruno Zuppiger über eine Erbschaftsgeschichte stolperte.
    Im letzten Wahldurchgang geht es um den Ersatz von Micheline Calmy-Rey. Das Mandat der SP ist einigermassen unumstritten. Die Sozialdemokraten treten mit dem Waadtländer Regierungsrat Pierre-Yves Maillard und dem Freiburger Ständerat Alain Berset an. Die SVP behält sich allerdings vor, auch in diesem Wahlgang anzutreten. Vor allem dann, wenn Eveline Widmer-Schlumpf wiedergewählt wird.

  • Die Legende von der Nacht der langen Messer  

    Es war ein Ereignis, das Geschichte machen sollte: Am Abend des 6. Dezember 1983 hetzte Felix Auer im Taxi durch Bern. Es war die Nacht vor der Bundesratswahl, und der FDP-Nationalrat, der stets für Überraschungen gut war, organisierte eine Verschwörung. Auer machte Stimmung gegen SP-Bundesratskandidatin Lilian Uchtenhagen und für Otto Stich, der in der SP nicht sonderlich beliebt war. Der Coup gelang. Stich wurde gewählt, musste eilends nach Bern gebracht werden, foutierte sich um die Wut seiner Parteikollegen und nahm die Wahl an. Eine Legende war geboren: die Nacht der langen Messer.

    Seither begleitet sie jede Bundesratswahl, auch wenn diese in den Neunzigerjahren eher langweilig waren – abgesehen von der Nichtwahl Christiane Brunners 1993 und dem Fotofinish von Joseph Deiss, der 1999 Peter Hess um eine Stimme abhängte. Dann kam die Jahrtausendwende, und mit ihr kehrte die Spannung zurück: Adolf Ogi ging. Die SVP setzte auf Rita Fuhrer und Roland Eberle, die Linke auf Ulrich Siegrist und Cécile Bühlmann, Christoffel Brändli und Samuel Schmid auf sich selbst. Das Rennen machte Schmid, er wurde zum Outlaw in der eigenen Partei. Man erinnerte sich an Otto Stichs Wahl, Bundesratswahlen galten wieder als unberechenbar.

    Es folgte der 9. Dezember 2003. CVP-Ständerat Philipp Stähelin genehmigte sich spätabends in der Schweizerhof-Bar ein Bier und sah verdächtig entspannt aus für einen Parteipräsidenten, der mit dem Verlust eines Bundesratssitzes rechnen musste. Blocher stand vor den Toren des Bundesrats, die CVP hielt dagegen und wollte vordergründig ihre beiden Sitze retten.

    Tatsächlich hatten sich früher am Abend dramatische Szenen abgespielt. Stähelin und Fraktionschef Jean-Michel Cina waren ins Büro von Bundesrätin Ruth Metzler geeilt und hatten sie massiv bedrängt, im Fall einer Niederlage gegen Blocher nicht gegen Joseph Deiss anzutreten. Metzler wehrte sich. Die Parteispitze zog ab und liess eine weinende Bundesrätin zurück. Deiss’ Entourage verbreitete sofort Metzlers Weigerung in der CVP, während deren Stab verzweifelt versuchte, die Frauen in der Fraktion zu gewinnen – die Nacht der langen Messer wurde zum christlich-demokratischen Harakiri.

    Am nächsten Tag gelang Blochers Putsch, und Metzler zog auch gegen Deiss den Kürzeren. Die Linke war konsterniert. Die Schweiz fieberte am Fernseher mit und nahm kurz darauf fast ebenso erstaunt zur Kenntnis, wie Christine Beerli gegen Hans-Rudolf Merz unterlag. Der politische Spätzünder Merz hatte es geschafft. Die Dramatik jener Tage schien unübertreffbar. Doch dann kam der 11. Dezember 2007: Spätabends steckten die drei Romands Christian Levrat, Alain Berset und Ueli Leuenberger in der Bellevue-Bar ihre Köpfe zusammen. Das Ziel war Blochers Rauswurf aus der Regierung, und das Ziel war nahe. Andrea Hämmerle hatte Eveline Widmer-Schlumpf als Sprengkandidatin angeworben. Nun verbreitete sich ihr Name in den Beizen von Bern; der Gegenschlag gelang, Blocher stürzte.

    Auch die vorletzte Wahl am 12. Dezember 2008 verlief spannend: Im Vorfeld brachte Links-Grün den SVP-Sprengkandidaten Hansjörg Walter gegen Ueli Maurer in Stellung. Der Bauernverbandspräsident kam auf 121 Stimmen und hatte indes schon vorgängig erklärt, er würde eine Wahl ablehnen. Walter bat die Bundesversammlung, die SVP wieder in die Regierungsverantwortung einzubinden und Maurer das Vertrauen zu schenken. (TA/cha)

Erstellt: 13.12.2011, 17:32 Uhr

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13 Kommentare

Thomas Huber

14.12.2011, 05:07 Uhr
Melden 8 Empfehlung

This Jenny, sie sollten fuer die SVP antreten. Antworten


Michael Suter

14.12.2011, 00:28 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Hört mal auf, seit Wochen in fünf Artikeln gleichzeitig gegen die SVP zu schreiben. Wo bleibt eine nur im Ansatz ausgewogene Berichtserstattung? Ich bin kein SVP-Wähler (auch nicht SP) aber was sich der Tagi, zumindest in der Online-Ausgabe leistet, geht klar zu weit. Die letzten Fehler der SVP, machen leider die Leistungen der anderen Parteien keinen Deut besser. Nur Schadenfreude reicht nicht! Antworten



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