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Die Muslime und das tumbe Schweizer Landvolk

Von Markus Schär. Aktualisiert am 09.12.2009 82 Kommentare

Je weniger Muslime in einem Ort, desto mehr Ja-Stimmen zum Minarettverbot: Die meisten Kommentatoren waren sich nach der Abstimmung in dieser Behauptung einig. Doch sie ist falsch.

Im Thurgau wohnhafte Muslime beim Morgengebet.

Susann Basler

Die Städter sahen durch ihre Soziologen-Brillen sofort klar: Das tumbe Volk auf dem Land stimmte aufgrund von «diffusen Ängs­ten» gegen die Minarette, obwohl es Muslime nur aus dem Fernsehen und dank dem gelegentlichen Ausflug in die grosse Stadt kennt. «1,5 Millionen Schweizer haben Ja gestimmt. Das ist eine Minderheit unter den über sieben Millionen Einwohnern unseres Landes», belehrte der bekennende Verfassungspatriot und Filmemacher Samir im «Tages-Anzeiger» seine Leserschaft in Downtown Switzerland: «Aus den Statistiken kommt zum Ausdruck, dass diese 1,5 Millionen hauptsächlich auf dem Land wohnen und daher auch fast keine Muslime kennen.»

Muslime von nebenan

Der Kehrreim zog sich durch die Kommentare der Chefredaktoren. Die Schweizer hätten nicht gegen die Muslime von nebenan gestimmt, stellte der «Blick» fest: «Sonst hätten nicht gerade Kantone wie Genf und Basel, die mit islamischen Parallelgesellschaften tatsächlich in grösserem Ausmass konfrontiert sind, Nein gesagt zur Initiative, während in Appenzell Innerrhoden, wo gerade mal rund 500 Muslime leben, 71,4 Prozent Ja sagten.» Im «Tages-Anzeiger» klärte Res Strehle die Leser mit einer nicht eben klaren Formulierung auf, wenig erstaunlich sei «das Nein (gemeint ist jenes zu den Minaretten, nicht zur Initiative) in jenen Kantonen am deutlichsten, wo am wenigsten Muslime leben, deren Alltag dieses Feindbild auflöst». Und in der «NZZ am Sonntag» lehrte Felix E.?Müller noch eine Woche nach der Abstimmung: «In der Tendenz ist das Ja stärker ausgefallen, je geringer der konkrete Kontakt mit Muslimen ist.»

Dabei lag da schon eine Studie der fleissigen Statistiker des Kantons Zürich vor, die das Gegenteil belegt. Grundsätzlich sind Aussagen zu den Muslimen in der Schweiz schwierig, denn niemand weiss genau, wie viele es von ihnen eigentlich gibt. Die letzten Daten stammen von der Volkszählung 2000, aber selbst da raten die Statistiker zu Vorsicht. Vor bald zehn Jahren gaben 311?000 Personen an, dem muslimischen Glauben anzugehören. Diese Zahl dürfte in der Zwischenzeit weiter gestiegen sein. Zwar ging aufgrund der neuen Ausländerpolitik die Zahl der Einwanderer aus den muslimisch geprägten Ländern wie der Türkei, Kosovo, Mazedonien und Bosnien-Herzegovina zurück. Aber anderseits nahm der Bestand an Menschen aus diesen Ländern auch ab, weil viele von ihnen das Bürgerrecht bekamen. Beim Erraten einer Zahl, wie viele Muslime heute in der Schweiz leben, einigten sich die Experten so auf: «nicht mehr als 400?000». Die Zürcher Statistiker stützten sich auf die offiziellen Zahlen von 2000. Und sie kamen damit zu einem überraschenden Befund: «Ein höherer Mus­limanteil scheint mit einer sehr geringfügig erhöhten Zustimmung zur Minarett-Initiative ceteris paribus (bei gleichen Bedingungen) einherzugehen.» Das heisst: Wer mit vielen Muslimen in der Nachbarschaft zusammenlebt, stimmte der Minarett-Initiative eher zu. Das zeigt eigentlich schon ein Blick auf die Karte: Einerseits stimmte Schwamendingen, mit 37 Prozent Ausländern, als einziger Zürcher Stadtkreis der Initiative mit 55 Prozent zu. Anderseits gab es die tiefsten Ja-Anteile in den Gemeinden an der Goldküste, wo kaum Muslime wohnen (können).

Wie steht es mit dem Zusammenhang von Anteil der Muslime und Ablehnung der Minarette im Thurgau? Selbstverständlich gibt es hier Gemeinden, die das Klischee der Städter bestätigen. So verzeichnete Braunau als einzige Gemeinde, wo sich bei der Volkszählung 2000 niemand zum Islam bekannte, mit 77 Prozent einen der höchsten Ja-Anteile. Dasselbe gilt für die meisten Dörfer, wo vor zehn Jahren höchstens zwei Muslime wohnten, wie Dozwil (80 Prozent), Raperswilen (80 Prozent) oder Schönholzerswilen (77 Prozent). Aber schon da gibt es Gegenbeispiele: So meldeten Stettfurt (zwei Muslime) und Thun­dorf (ein Muslim) mit 63 beziehungsweise 67 Prozent eher tiefe Ja-Anteile. Im Thurgau zeigt sich denn auch ein ähnliches Bild wie am Zürichsee: Die wohlhabenden Pendlergemeinden um Frauenfeld, aber auch Bottighofen und Gottlieben (51 Prozent), wo wenige Muslime leben, stimmten der Initiative unterdurchschnittlich zu.

Kritiker liegen völlig falsch

Vor allem aber erlebt eine Überraschung, wer sich mit der muslimischen Bevölkerung im Thurgau beschäftigt: Die überheblichen Kritiker des tumben Volkes auf dem Land liegen völlig falsch. Bei der Volkszählung 2000 hatte der Thurgau gegenüber dem Schweizer Durchschnitt (4,3 Prozent) einen um fast die Hälfte höheren Anteil von Muslimen – 5,9 Prozent. In vielen grösseren Thurgauer Gemeinden beträgt der Wert mehr als das Doppelte des landesweiten Schnitts, so in Romanshorn (11 Prozent), Salmsach (10 Prozent), Amriswil (10 Prozent), Kreuzlingen (12 Prozent) oder Rickenbach (11 Prozent). Und die Spitzenreiter, Kradolf-Schönenberg (12 Prozent) und Bürglen (14 Prozent) haben den doppelten Muslim-Anteil der Städte Zürich oder Basel. Beim Stimmverhalten lässt sich kein Muster erkennen: Bürglen mit 14 Prozent und Bussnang mit 1 Prozent Muslime nahmen die Initiative mit je 77 Prozent an.

Städter-Geschwätz

Und auf jeden Fall gilt: Auch in jenen Gemeinden, die wenige Muslime kennen, wussten die Bürger, worüber sie abstimmten, und sie gehen auch anständig mit ihren muslimischen Nachbarn um. So bürgerten Homburg und Neunforn Muslime ohne Probleme ein, in Homburg sogar mit Applaus für die achtköpfige Familie, die sich an der Gemeindeversammlung vorstellte. Und Felben-Wellhausen nahm einen Türken ohne Gegenstimmen auf, den danach der Grosse Rat als islamistischen Fundamentalisten verdächtigte. Was ist also von den soziologischen Instant-Analysen aus der Medienmetropole Zürich zu halten? Nicht viel, es handelt sich dabei um Simpel-Soziologie. Oder noch deutlicher ausgedrückt: um arrogantes Städter-Geschwätz. (ThurgauerZeitung)

Erstellt: 09.12.2009, 16:04 Uhr

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82 Kommentare

Theo Berent

09.12.2009, 16:16 Uhr
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Gut gibt es noch hinterfragende, kritische Journalisten. Dass man nicht einfach Behauptungen als Fakten darstellen kann, sondern dass Zeitungen kritisch hinterfragen, finde ich sehr gut. Es gibt noch viele andere, ständig wiederholte Behauptungen, die als Tatsachen verkauft werden. Z.B. vorwiegend gut ausgebildete Ausländer kommen dank der Personenfreizügigkeit u.v.m. Nachfragen wäre interessant. Antworten


Lapino Koch

10.12.2009, 11:37 Uhr
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@Köhle: Natürlich hat der ungebildete Arbeiter etwas zu sagen in der Schweiz, sonst wäre die Initiative ja nicht angenommen worden. Diese soll jetzt auch umgesetzt werden, ohne wenn und aber und ohne Kompromisse. Let's do it! Antworten



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