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«Die Leute wollen vor allem einen Sitzplatz»

Von Norbert Raabe. Aktualisiert am 13.07.2011 63 Kommentare

Mit dem Chestenbergtunnel wollen die SBB einen Engpass zwischen Zürich und Bern beseitigen und die Kapazitäten erhöhen. Eine kürzere Fahrtzeit könnte die Probleme laut Fachleuten künftig jedoch noch verschärfen.

Freie Plätze sind eine Seltenheit: Reisende im Zug von Zürich nach Bern.

Freie Plätze sind eine Seltenheit: Reisende im Zug von Zürich nach Bern.
Bild: Keystone

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Das Schweizer Bahnsystem ist an der Grenze seiner Kapazität angelangt. Die SBB bringen Tag für Tag fast eine Million Menschen an ihren Arbeitsplatz, zur Freizeitbeschäftigung oder in die Ferien. Jeder dritte Arbeitnehmer legt den Arbeitsweg mit dem Zug zurück. Laut Prognosen soll der Personenverkehr auf der Schiene bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent zunehmen, in Agglomerationen sogar um 100 Prozent. Bislang wurden jedoch noch sämtliche Berechnungen des Bundes übertroffen.

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Zeichnet man die möglichen Tunnel zwischen den beiden Grossstädten auf einer Bahnkarte ein, wird deutlich, dass die Langstreckenpendler künftig eine halbe Stunde lang im Dunkeln sitzen könnten. Mit dem Chestenbergtunnel, den die SBB in ihrer Stellungnahme zur Vernehmlassung an das Bundesamt für Verkehr fordern, soll das Nadelöhr auf der Strecke zwischen Bern und Zürich aufgeweitet werden – mit positiven Folgen auch für den S-Bahn-Verkehr zwischen Aarau und Zürich.

Zugunsten der Erweiterungen des Knotens Lausanne war der Chestenbergtunnel zuvor aufgeschoben worden – doch nun wollen die SBB das Projekt in den Planungen bis zum Jahr 2025 verbindlich verankern. Dass dies wohl 2,2 Milliarden Franken mehr kosten dürfte als in den Vorschlägen des Bundes vorgesehen, nahm das Unternehmen bei seiner Forderung in Kauf.

In einer Dreiviertelstunde nach Bern?

Zudem skizzierten die Bahnplaner die Möglichkeit, die Fahrzeit in einer zweiten Etappe ab dem Jahr 2030 zwischen der Bundesstadt und der Limmatstadt auf 45 Minuten zu reduzieren – mit der Option des Honerettunnels zwischen Schlieren und Mellingen sowie Baumassnahmen, die ab Olten eine Geschwindigkeit von 250 km/h erlauben würden.

Diese Idee stösst schon heute auf Widerstand. Experten wie etwa Peter de Haan, der seit Jahren im Bereich Mobilität forscht und an der ETH Zürich doziert, warnen seit geraumer Zeit davor, den öffentlichen Verkehr weiter zu beschleunigen – allein schon, weil schnellere Verbindungen erfahrungsgemäss weitere Menschen zum Pendeln bringen könnten.

Skeptische Äusserungen vom VöV

Ueli Stückelberger, Direktor des Verbandes Öffentlicher Verkehr (VöV), klingt gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnet ebenfalls nicht allzu begeistert. «Für uns steht ein Zuwachs bei der Kapazität im Vordergrund», sagt er, «und nicht der Zeitgewinn.» Zudem betont er, dass der VöV bei den Kapazitäten «das gesamte Netz» im Blick habe. Das Projekt stehe in Konkurrenz zu anderen Plänen bei der Bahninfrastruktur, die ebenfalls wichtig seien.

«Da sind wir gar nicht so weit auseinander», sagt SBB-Sprecher Daniel Bach, «höhere Kapazitäten stehen für uns auch im Vordergrund.» Die Vorschläge für die zweite Etappe, so betont er, seien lediglich eine Option, die man aufzeigen wolle. Ob dies politisch jemals mehrheitsfähig werde, sei natürlich unklar – und derzeit ohnehin nicht die erste Priorität. «Sehr viele Züge zwischen Zürich und Bern und zwischen Basel und Zürich sind rappelvoll», sagt Bach, «die Leute wollen vor allem einen Sitzplatz.»

Bald an den Grenzen des Bahnsystems?

Zeigt die Möglichkeit, dass eine Hauptschlagader des Schweizer Bahnverkehrs künftig zu einem ungewöhnlich grossen Teil durch Tunnel führen könnte, nicht auch die Grenzen des Bahnlands Schweiz auf? «Man kann das System natürlich immer weiter ausbauen», sagt Bach, «aber die Frage ist, zu welchen Kosten. Da wird irgendwann einmal eine politische Grundsatzentscheidung nötig werden.»

Neben dieser Weichenstellung erscheinen andere Probleme bei dieser möglichen Schnellverbindung derzeit zwar als weniger bedeutsam – doch gleichwohl stellt sich die Frage, ob die morgendliche Zugfahrt noch zermürbender würde, wenn die Reisenden während Zugfahrt nur noch selten Tageslicht sehen. Zudem arbeiten die SBB daran, die moderne Kommunikation an künftige Erfordernisse anzupassen. Der Mobilfunkempfang leidet beispielsweise in einem TGV, der mit 300 Stundenkilometern in Tunnels unterwegs ist, beträchtlich – wegen der schnellen und vielen Wechsel zwischen den Funknetzen.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.07.2011, 13:49 Uhr

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63 Kommentare

Kim Dällenbach

12.07.2011, 15:53 Uhr
Melden 51 Empfehlung

Auf der einen Seite wettert die SBB gegen die Fernpendler und auf der anderen Seite wollen sie eine kürzere Verbdinung zwischen Zürich und Bern bauen? Weiss denn die SBB selbst noch, was sie jetzt will?
Ich für meinen Teil will einfach nur einen bezahlbaren Sitzplatz.
Antworten


stefan schaffner

12.07.2011, 14:28 Uhr
Melden 41 Empfehlung

Warum sollen eigentlich die jeden Tag schon geplagten Pendler in Raum Zürich wieder für die Vergoldung einer Fernstrecke abgezockt werden? Warum soll ich 1/3 mehr für mein Billet bezahlen, weil eine Parlamentarier-Strecke "optimiert" wird, die ich nicht brauche? Dafür habe ich jeden Monta weniger Platz in "meinem" Zug. Die Herren im Anzug haben wirklich keine Ahnung von der Realität! Antworten



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