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«Die Bauern jammern nicht mehr als andere»

Von Niklaus Bernhard, Susanne Graf. Aktualisiert am 27.06.2011 1 Kommentar

Die letzten elf Jahre war er der höchste Bauer in der Bundesverwaltung. Manfred Bötsch tritt in drei Tagen als Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft zurück.

Durch die Blumen zu kommunizieren, ist nicht seine Art. Manfred Bötsch, langjähriger Direktor des BLW, nennt  die Probleme der Schweizer Landwirtschaft stets beim Namen. Er ermuntert die Bauern, die unternehmerischen Freiheiten verstärkt zu nutzen.

Durch die Blumen zu kommunizieren, ist nicht seine Art. Manfred Bötsch, langjähriger Direktor des BLW, nennt die Probleme der Schweizer Landwirtschaft stets beim Namen. Er ermuntert die Bauern, die unternehmerischen Freiheiten verstärkt zu nutzen.
Bild: Susanne Keller

Zur Person

Manfred Bötsch (55) tritt nach elf Jahren als Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft zurück. In dieser Zeit prägte er die schweizerische Agrarpolitik wesentlich mit. Während seiner Amtszeit wurde beispielsweise die staatliche Milchkontingentierung aufgehoben, und allgemeine Subventionen wurden an konkrete Leistungen gebunden.

Eines der letzten grossen Projekte, das Bötsch auf den Weg brachte, ist die neue Agrarpolitik 2014–2017. Die Direktzahlungen sollen in der neuen Agrarpolitik noch gezielter und stärker auf verschiedene (ökologische) Ziele ausgerichtet werden.

Manfred Bötsch ist im Thurgau auf einem Bauernhof aufgewachsen, besuchte die Landwirtschaftliche Schule in Marcelin VD und studierte an der ETH Zürich Agrarwirtschaft. Später absolvierte er noch ein Jusstudium an der Universität St.Gallen. Während einiger Jahre führte Bötsch einen eigenen Hof im Thurgau, bevor er beim Milchproduzentenverband (SMP), beim Bauernverband und schliesslich beim Bundesamt für Landwirtschaft landete. Heute lebt Bötsch mit seiner Frau in Meikirch und hat zwei erwachsene Kinder.

Neuer BLW-Direktor wird ETH-Professor Bernard Lehmann.

Korrektur-Hinweis

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Herr Bötsch, welcher Typ Bauer jammert am meisten?
Manfred Bötsch: Ich glaube nicht, dass die Bauern eine Berufsgruppe bilden, die mehr jammert als andere. Sie sind nur besser organisiert und kommunizieren schlagkräftig. Das bewirkt, dass sie sehr prominent wahrgenommen werden.

Sie treten also nicht zurück, weil die Bauern Sie als BLW-Direktor zu stark kritisierten?
Definitiv nicht. Als Direktor habe ich sie nie anders erlebt. Schon im ersten Jahr wurde ich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Aber wer Dampf nicht erträgt, darf nicht in die Waschküche.

Wie gingen Sie damit um, wenn die Kritik Sie persönlich traf?
Bauern sind in ihrer Sprache «fadegrad», sie wählen keine diplomatischen Formulierungen. Das wirkt dann jeweils sehr hart. Wenn Leute neu mit ihnen zu tun bekommen, erschrecken sie. Aber ich habe mich nie isoliert gefühlt. Es gab immer ein Lager von Bauern, das die Reform gestützt hat.

Welches Lager?
Das Lager bestand nicht immer aus den gleichen Leuten. Aber charakteristisch war, dass sie die Probleme anpacken und lösen wollten, statt sie auf die Seite zu schieben und zu ignorieren. Schade in der heutigen Phase ist, dass viele junge, dynamische Bauern ihr Talent nur noch auf dem Betrieb ausleben und sich nicht mehr in der Politik engagieren. Das ist schade, weil solche Bauern die Schweizer Agrarpolitik weiterbringen würden.

Wie sähe Ihr Betrieb aus, wenn Sie selber Bauer wären?
Ich wäre in der Tierproduktion tätig. Für Milchviehhaltung habe ich mehr Talent und ein besseres Feeling als für den Ackerbau.

Welchen Bauern geht es heute gut, welchen geht es schlecht?
Es geht jenen Landwirten gut, die es schaffen, die heutigen, vielseitigen Möglichkeiten unternehmerisch optimal zu nutzen. Betriebe, die sich zu stark vor den unternehmerischen Freiheiten fürchten, sind heute stärker unter Druck als früher. Das durchschnittliche Einkommen aller Betriebe hat sich parallel zur übrigen Bevölkerung entwickelt, aber die Einkommensschere innerhalb der Branche geht auf.

Sind die Kleinen unter Druck?
Es gibt glücklicherweise keinen monokausalen Zusammenhang zwischen Einkommensentwicklung und Betriebsgrösse. Es gibt kleinere Betriebe, die erfolgreich, und grosse, die schlecht sind. Auch nicht die Produktionsmethoden allein machen den Unterschied aus. Es ist eindeutig das unternehmerische Talent, das hier zum Tragen kommen.

Es gibt aber Bauern, die mehr zufällig zu einem Betrieb gekommen sind und sich nie bewusst für das Unternehmertum entschieden haben.
Egal, wie bewusst oder unbewusst der Entscheid gefallen ist: Jeder ist selber Herr und Meister. Diese Verantwortung kann er niemandem delegieren. Sonst müsste er konsequent sein und Arbeitnehmer werden.

Müssten die Bauern, um erfolgreich zu sein, ihre Betriebe stärker auf die Direktzahlungen ausrichten?
Vom gesamten Umsatz, den die Landwirtschaft erzielt, kommen immer noch drei Viertel vom Markt. Am Markt zu bestehen, ist nach wie vor das A und O. Trotzdem muss man die Debatte über die Direktzahlungen führen.

Immerhin geht es um durchschnittlich 60'000 Franken pro Betrieb. Das sind 5000 Franken pro Monat – mehr als viele in der Schweiz verdienen.
Es wäre absurd, diese 5000 Franken mit Lohn oder Einkommen zu vergleichen. Wenn die Öffentlichkeit vom Bauer erwartet, dass er unternehmerisch ist, darf sie ihm nicht mit diesem Klischee begegnen. Hinter jeder Direktzahlung steht eine Leistung, die kostet. Mit der Buntbrache produziert der Bauer überhaupt nichts für den Markt, aber eine Buntbrache anzulegen, ist teuer. Dazu braucht es Land, teures Saatgut und aufwendige Pflege.

Aber heute steht bei weitem nicht hinter jeder Direktzahlung eine messbare Leistung.
Deshalb will der Bundesrat das System jetzt leistungsorientierter gestalten. Alle spüren, dass eine intakte Landschaft, Biodiversität und gesunde Nahrungsmittel für die Gesellschaft relevante Werte sind. Aber niemand ist bereit, dafür bei Coop oder Migros einen Batzen in die Kasse zu legen. Weil diese Güter immer wichtiger werden, ist die Zahlungsbereitschaft für die 2,7 Milliarden Franken Direktzahlungen grundsätzlich gross. Doch die Direktzahlungen sind nicht gottgegeben. Wir müssen sie gegenüber der übrigen Bevölkerung sauber legitimieren, sonst sind die Gelder mittelfristig gefährdet. Mit dem Vorschlag des Bundesrates, der nun in der Vernehmlassung ist, wird dies ermöglicht.

Pro Natura spricht in Bezug auf die ökologische Schweizer Landwirtschaft von einem Mythos. Bringt Sie das auf die Palme?
Nicht mehr. Ich bin Kritik gewohnt (lacht). Ich habe mich jetzt elf Jahre national und international für ein nachhaltiges Wirtschaften und Leben eingesetzt. Das erreichen wir nicht, wenn wir einseitig nur Ökonomie oder nur Ökologie fordern. Nachhaltigkeit besteht aus den Pfeilern Ökologie, Ökonomie und Soziales. Wir müssen in allen drei Bereichen vernünftig handeln, sonst dürfen wir uns Nachhaltigkeit nicht auf die Fahne schreiben.

Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit mit dem Bauernverband?
Dem Bauernverband kann ich nur ein Kompliment machen. Er ist inhaltlich sachbezogen, weiss, wovon er spricht, und hat ein absolut formidables taktisches Powerplay. Wie im Eishockey hat er auch das Mittel der Bodychecks gezielt eingesetzt.

Stimmt der Eindruck, dass er in letzter Zeit angestrebte Reformen schärfer kritisiert? Hat er frühere Reformen nicht positiver mitgestaltet?
Ich habe keine Reform erlebt, die der Bauernverband vorbehaltlos unterstützt hätte. Auffallend ist aber, wenn die Reform umgesetzt war, sagte er nachträglich immer: Zum Glück haben wir die Reform gemacht. Ich weiss nicht, ob sich die Tonalität verschärft hat. Aber wenn, hat der Bauernverband gemerkt, dass man mit härterer Tonalität ein viel stärkeres Echo auslösen kann in den Medien. Und der Bauernverband hat gelernt, dass er mit einer härteren Gangart und einer klaren Dramaturgie auch in der Politik beeindruckt und mehr erreichen kann.

Macht es Ihnen zu schaffen, dass immer mehr Bauernpolitiker der SVP angehören und weniger den Mitteparteien?
Im Agrarbereich gibt es drei Wertehaltungen: die Strukturkonservativen, die ökologisch Sensiblen und die Liberalen. Man konnte in keiner Vorlage allein mit einer Gruppe eine Mehrheit bilden. Agrarpolitik kann man nur machen, wenn man alle Kreise einbinden kann. Nur so kommt man zu einer Mehrheit. Dafür ist diese dann breiter abgestützt und hält an der Linie fest.

Bei den Subventionen für den Viehexport hat das Parlament seine bisherige Linie verlassen.
Dieser Entscheid war nicht kohärent mit der bisherigen Grundlinie, aber wir akzeptieren ihn. Nach jeder Reformetappe wurden wieder einzelne Schrittchen rückwärts gemacht.

Was sagen Sie zur Situation in der Milchwirtschaft?
Sie ist mitnichten befriedigend. Die grösste Schwierigkeit war im Nachhinein die lange Übergangsfrist. Darin ist man sich heute einig. Aber wir dürfen nicht ignorieren, dass die Politik im Sektor Milch bis vor zwölf Jahren alles, wirklich alles bestimmt hat: Der Bundesrat legte Milchpreis und Menge fest und sagte, wo der Bauer abliefern musste. Der Käserei sagte er, welchen Käse sie produzieren musste und diktierte dem Käser die Marge. Dem Käsehändler schrieb der Staat eine fixe Marge vor. Schliesslich bestimmte er auch den Endverkaufspreis im In- und Ausland.

Dieses System hat die Branche geprägt.
Sich von diesem Denken zu lösen, braucht Zeit, dafür hat die Branche eine gewisse Rücksicht verdient. Aber ich habe kein Verständnis, wenn zum Teil bürgerliche Politiker in das alte System mit kommunistischen Rahmenbedingungen zurückwollen.

Finden Sie es richtig, wenn auch Käsereigenossenschaften, die ihre Produkte verkaufen könnten, Zwangsabgaben zur Beseitigung des Milchsees zahlen müssen?
Mit dem Weg, der die Milchbranche einschlägt, werden die Probleme solidarisch gelöst. Das ist im Grundsatz bestreitbar. Aber wenn wir keinen Rückfall in die alte Politik wollen, müssen Übergangsmassnahmen getroffen werden.

Wird der Bundesrat die Abgaben für alle Milchproduzenten verbindlich erklären?
Es sind mehrere Beschwerden und Klagen dagegen eingegangen. Das wird noch eine lange Debatte geben sowohl in der Branchenorganisation Milch als nachher auch im Bundesrat.

Warum blieb die Schweiz bisher vor grossen Lebensmittelskandalen verschont?
Wir haben sicher eines der seriösesten Systeme der Welt. Weniger die Gesetze und Verordnungen machen es aus als das seriöse Kontrollieren und Sanktionieren. Deshalb sind vernünftige Kontrollen durchaus im Interesse der Landwirtschaft und der Konsumenten, obwohl gewisse Kreise das Kontrollsystem hart kritisieren.

Mit Cassis de Dijon kommen Produkte in die Schweiz, die nicht unserem Standard entsprechen.
Das stimmt nicht. Alle Produkte, die unter Cassis de Dijon in die Schweiz kommen, erfüllen punkto Lebensmittelsicherheit und hygienemässig unsere Anforderungen. Da gibt es kein Pardon. Unterschiede gibt es bei der Zusammensetzung. Übrigens leisten wir dieses Jahr einen Sondereffort bei der Kontrolle von importierten Lebensmitteln, um die lebensmittelrechtlichen und hygienemässigen Anforderungen zu prüfen.

Was machen Sie ab dem 1. Juli?
Ich habe keine Jobangebote auf dem Tisch. Ich führe die eine oder andere Diskussion, das geht vom Engagement in Unternehmen bis zur Forschung oder Aufgaben in Beratungs- oder Managementfunktionen. Aber ich weiss wirklich noch nicht, wo ich landen werde.

War Ihr bisheriger Job sehr arbeitsintensiv?
Er hat mich gefordert. Das entspricht auch meinem Naturell. Ich werde keinen Job suchen, in dem ich eine ruhige Kugel schieben kann – obwohl sich meine Frau etwas mehr Präsenz zu Hause wünschen würde.

Unter welchem Bundesrat haben Sie am liebsten gearbeitet?
Jeder hatte seine spezifischen Talente. Ich konnte mit allen sehr gut zusammenarbeiten, wurde stets unterstützt und zum Glück auch herausgefordert. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.06.2011, 12:08 Uhr

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1 Kommentar

Urs Wälchli

27.06.2011, 19:31 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Ja lieber Herr Bötsch, warum sind nicht mehr junge Landwirte politisch aktiv?
Es fehlt ihnen einfach die Zeit dazu. Die Betriebe müssen ja auch nach ihren Ansichten wachsen, bei gleichen Arbeitskräften. Wenn man die ganzen administrativen Arbeiten auch noch einrechnet, kommt heute ein Landwirt schnell auf eine Wochenarbeitszeit von 60-70 Stunden. Wo bleibt da noch Zeit um Politik zu betreiben?
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