Die Auslandamerikaner sind erbost

Die verschärften US-Steuergesetze belasten die in der Schweiz lebenden US-Bürger schwer. Diese berichten von schwerwiegenden Folgen für Beruf und Familienleben. Nun regt sich Widerstand.

Staatssekretär Michael Ambühl und US-Botschafter Donald Beyer (rechts) unterzeichnen das Fatca-Abkommen zwischen der Schweiz und den USA.

Staatssekretär Michael Ambühl und US-Botschafter Donald Beyer (rechts) unterzeichnen das Fatca-Abkommen zwischen der Schweiz und den USA. Bild: Keystone

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Die Nerven bei vielen der in der Schweiz lebenden US-Bürger liegen blank. Grund ist die härtere Gangart der USA gegen Steuersünder. Zwei Abkürzungen lassen den Auslandamerikanern, auch Expatriates oder kurz Expats genannt, die Haare zu Berge stehen: Fatca (steht für Foreign Account Tax Compliance Act) und FBAR (Report of Foreign Bank and Financial Accounts).

Fatca und FBAR

Das Fatca-Gesetz kommt einem automatischen Informationsaustausch gleich (siehe Kasten). Der FBAR-Bericht verlangt von US-Bürgern, dass sie ausländischen Konten mit mehr als 10000 Dollar offenlegen müssen. Dazu gehören auch Gemeinschaftskonten mit Ehepartnern, die eine andere Nationalität haben. Ebenfalls müssen Amerikaner ausländische Bankverbindungen angeben, für die sie zeichnungsberechtigt sind, auch wenn sie keine direkten Nutzniesser dieser Konten sind.

Was Fatca und FBAR konkret anrichten, zeigen folgende Beispiele aus der Schweiz: Ein Private Banker mit Schweizer Pass und US-Pass ist von seinem Schweizer Arbeitgeber gefeuert worden. Der Mann ist überzeugt, dass es einen Zusammenhang gibt mit seiner US-Staatszugehörigkeit. Denn er hätte die US-Steuerbehörde (Internal Revenue Service) über die Konten der Vermögenskunden, für die er zeichnungsberechtigt war, informieren müssen. Damit hätte er aber auch das Bankgeheimnis verletzt und damit gegen Schweizer Recht verstossen.

Vor der Scheidung

Eine Amerikanerin, die zusammen mit ihrem italienischen Ehemann in der Schweiz lebt, steht kurz vor der Scheidung. Das Verfahren läuft. Ihr Gatte ist nicht bereit, den Amerikanern Einblick in die gemeinsamen Bankverbindungen zu gewähren. Belastend ist für sie auch, dass sie sich nicht sicher ist, ob sie in der Vergangenheit alles korrekt deklariert hat. Sie befürchtet nun, dass die US-Steuerbehörde Strafsteuern auf das Gemeinschaftskonto erheben könnte.

Ein dritter Amerikaner berichtet, ihm habe eine Schweizer Grossbank das Bankkonto gekündigt. Er lebe und arbeite in der Schweiz. Er brauche doch ein Konto, um seine Rechnungen und seine Hypothek bezahlen zu können, sagt er. Andere Expats fühlen sich in ihren Geschäftstätigkeiten beeinträchtigt oder fürchten sich, in die USA zurückzukehren.

Die Betroffenen ziehen es vor, nicht namentlich genannt zu werden. Zu gross ist die Angst, dadurch erst recht ins Visier der US-Steuerbehörde zu geraten. Eine Ausnahme ist Edward Karr. Er ist Co-Präsident der Republikaner in der Schweiz, Präsident des American International Clubs in Genf und Finanzberater mit eigener Firma. «So weit sind wir schon. US-Behörden sorgen dafür, dass sich einfache amerikanische Bürger nicht mehr trauen, offen mit Journalisten zu sprechen», sagt der 44-Jährige. Auch Karr erlebt das rigorosere Vorgehen des US-Fiskus’. Als Inhaber eines einfachen Lohnkontos bei einer Schweizer Grossbank wird er an einen Spezialschalter für US-Bürger weitergeleitet, wenn er etwas von seiner Bank will.

Mit der Situation seiner Landsleute im Ausland gibt sich Karr nicht zufrieden. Er hat mit anderen eine Arbeitsgruppe für Auslandamerikaner in der Schweiz ins Leben gerufen, welche sich der Sorgen der geschätzten 20000 bis 24000 Expats annimmt. Ende 2012 führte die Arbeitsgruppe in Bern, Basel, Zürich, Genf, Lausanne und Lugano Bürgertreffen mit dem amerikanischen Botschafter in der Schweiz durch. Jedes dieser so genannten «Town hall meetings» sei sehr emotional gewesen, berichten Teilnehmer. US-Botschafter Donald Beyer sei mit Angst, Wut, Panik, Ungewissheit und dem Gefühl von Verrat konfrontiert worden.

Verletzter Nationalstolz

Die Expats verstehen nicht, warum sie der eigene Staat dem Generalverdacht der Steuerhinterziehung aussetzt – zumal sie sich als gute Botschafter der Nation verstehen. Dass nun immer mehr Doppelbürger in Europa den US-Pass abgeben, trifft zudem den Nationalstolz der Auslandamerikaner sehr.

Weiter verfasste die Arbeitsgruppe im März 2013 einen Bericht, in dem sie ihre Erkenntnisse und Empfehlungen festhält. Die wichtigsten Forderungen lauten: Die USA sollen die Steuerpflicht, die an die US-Staatsbürgerschaft anknüpft, abschaffen. Stattdessen soll sich die Besteuerung des weltweiten Einkommens auf den Wohnort im besteuernden Staat stützen. Zudem sollen die Auslandamerikaner in Washington vertreten werden und eine Ombudsstelle anrufen können.

Die Arbeitsgruppe schrieb im September 2012 jedes einzelne Mitglied des US-Kongresses in Washington an, um auf die Misere der Expats aufmerksam zu machen. Die Reaktionen aus der Hauptstadt hielten sich in Grenzen. «Es gab ein paar Antwortschreiben, verfasst von Nachwuchsmitarbeitern der Parlamentarier», sagt Karr. Er hat deshalb begonnen, die Strategie zu ändern. Die Arbeitsgruppe versucht nun, die US-Wirtschaft für ihre Anliegen zu gewinnen. Denn auch für US-Unternehmen wird es wegen der Steuergesetze zusehends nervenaufreibender und aufwendiger, Amerikaner in den Ländergesellschaften in Übersee zu beschäftigen. Karrs Kalkül ist einfach: Im von Lobbying beherrschten Washington knicken die Politiker am ehesten ein, wenn sie dem Druck der US-Konzerne und damit des Geldes ausgesetzt sind. Karr hofft aber auch auf die sozialen Netzwerke im Internet. Sein Traum ist es, die geplagten Auslandamerikaner dank Facebook und Twitter zu vernetzen. Damit liesse sich aus seiner Sicht der Druck ebenfalls erhöhen. «Die Waffenlobby NRA als eine der mächtigsten Einflussgruppen in den USA hat 4,5 Millionen Mitglieder. Die Expats machen weltweit 7 Millionen aus. Treten wir vereint auf, kann uns Washington nicht mehr ignorieren.» (Berner Zeitung)

(Erstellt: 30.04.2013, 11:05 Uhr)

Edward Karr, Co-Präsident der Republikaner in der Schweiz. (Bild: zvg)

US-Steuergesetze

Erstmals nahm sich die Administration unter US-Präsident John F.Kennedy (1961 bis 1963) der Steuerpflicht von Amerikanern an, die im Ausland lebten. Auslöser waren damals reiche Hollywoodstars, die sich gerne in Steuerparadiesen wie Monaco aufhielten. Es kam zu Gesetzen, welche die Steuerpflicht an die US-Staatsbürgerschaft knüpften und nicht mehr an den Wohnort. Die Gesetze wurden aber kaum angewandt.
Diese Behäbigkeit änderte sich schlagartig ab dem Jahr 2008. Nicht nur warfen damals die USA der Schweizer Grossbank UBS vor, Zehntausenden US-Bürgern Beihilfe zur Steuerhinterziehung zu leisten. Auch steckte die grösste Volkswirtschaft der Welt mitten in der Finanzkrise. Die angeschlagenen USA fürchteten um ihre Steuereinnahmen und begannen damit, ihre Gesetze nach dem Buchstaben umzusetzen.
Unter US-Präsident Barack Obama wurden die Steuergesetze im Jahr 2010 mit dem «Foreign Account Tax Compliance Act» (Fatca) verschärft. Konkret zwingt Fatca ausländische Finanzinstitute dazu, sich bei der US-Steuerbehörde zu registrieren und identifizierte US-Konten zu melden. Der Bundesrat hat im April 2013 die Botschaft zum Fatca-Abkommen zwischen der Schweiz und den USA ans Parlament überwiesen.

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