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Deutsche Grenzstädte wollen Thurgauer Outlet verhindern

Von Antonio Cortesi. Aktualisiert am 13.02.2010

Die deutschen Behörden befürchten Einbussen bei ihren Einkaufszentren. Im Thurgau hagelt es Proteste gegen die «Einmischung» aus Deutschland.


In den Leserbriefspalten der «Thurgauer Zeitung» gehen die Wogen hoch. Es sei eine «absolute Frechheit», was sich die Deutschen erlaubten, schreibt ein FDP-Politiker. Er frage sich, «ob sich Deutschland zur Bananenrepublik entwickelt», empört sich ein SVP-Kantonsrat mit Hinweis auf den Kauf geklauter Bankdaten. Und eine Leserin aus Frauenfeld ruft zum Boykott der Einkaufsläden ennet der Grenze auf.

Grund für den Aufruhr sind die Einsprachen der drei südbadischen Städte Konstanz, Radolfzell und Singen gegen ein geplantes Outlet-Center in Wigoltingen, einer 2100-Einwohner-Gemeinde im Oberthurgau, rund 20 Kilometer von der Grenze entfernt. Bei einer Investition von 180 bis 200 Millionen Franken sollen hier dereinst über 100 Läden Markenartikel zu reduzierten Preisen anbieten, auf 30'000 Quadratmeter Verkaufsfläche.

Lockruf für Schnäppchenjäger

Damit wäre die Ladenfläche genau doppelt so gross wie jene des Konstanzer Einkaufszentrums Lago. Dieses befindet sich unmittelbar an der Grenze und wird von Schweizern stark frequentiert. Dasselbe gilt für das Seemaxx Factory Outlet Center in Radolfzell. Doch der Konsumentenstrom soll nach Eröffnung des Thurgauer Outlet Edelreich vermehrt in die Gegenrichtung fliessen: Bis zu 30 Prozent der Schnäppchenjäger sollen aus Deutschland kommen. In einen Kanton überdies, in dem es bereits in fast jedem grösseren Ort eine Aldi- oder eine Lidl-Filiale gibt.

«So funktioniert eben der freie Markt», sagt Peter Schütz, Präsident des Thurgauer Gewerbeverbands, der ebenfalls «mit grosser Entrüstung» auf die Einsprachen reagiert. «Die Deutschen setzen die gutnachbarlichen Beziehungen aufs Spiel.» Er könne sich nicht erinnern, dass sie je so direkt in den grenzüberschreitenden Wettbewerb eingegriffen hätten. Beim Bau des Outlet gehe es «um ein rein innerschweizerisches Projekt». Schütz fordert die Grenzstädte zu einem Rückzug der Einsprachen auf.

Schutz der eigenen Läden

Diese denken aber nicht daran. Er verstehe die heftigen Reaktionen der Schweizer nicht, sagt der Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank. Es sei doch legitim, dass sich die deutschen Behörden «für den Schutz der Innenstädte und des Einzelhandels» einsetzten. Zudem würde mit der Eröffnung des Outlet der Individualverkehr auch im Raum Konstanz stark zunehmen – mit negativen Folgen wie Lärmbelästigung und Luftverschmutzung.

Die deutschen Städte unterminieren ihre Einsprachen mit einem Marktgutachten, das pikanterweise auch «strukturgefährdende Auswirkungen» auf Kreuzlingen, Frauenfeld und Winterthur feststellt. Doch ausgerechnet diese Schweizer Städte haben auf Einsprachen gegen den Gestaltungsplan des Outlet-Center verzichtet – was die Deutschen nicht verstehen können.

Keine «Belehrungen», bitte!

Auf «Belehrungen vom grossen Nachbarn» könne man gern verzichten, sagt dazu Peter Schütz vom Thurgauer Gewerbeverband. Die Detaillisten in der Region sähen das Outlet nicht einfach als unliebsame Konkurrenz, sondern ebenso als neuen Player im Markt, der die Wirtschaft insgesamt belebe. Schütz räumt aber ein, dass vor allem das Baugewerbe bei der Erstellung des Center mit lukrativen Aufträgen rechne.

Ob die Deutschen einspracheberechtigt sind, ist offen. Sie stützen sich auf eine internationale Konvention über die Umweltverträglichkeitsprüfung im grenzüberschreitenden Bereich. Ausserdem haben sie den Thurgauer Richtplan studiert. Und kamen zum Schluss, dass ein Einkaufszentrum dieses Ausmasses nur in «kantonalen Zentren» gebaut werden dürfte. Allerdings: Der Richtplan lässt für kleinere Gemeinden Ausnahmen zu, wenn sie verkehrstechnisch optimal erschlossen sind. Wigoltingen hat sowohl einen S-Bahn-, als auch einen Autobahnanschluss.

Unterstützung auch von der Umweltbehörde

Schweizer Schützenhilfe erhalten die Deutschen von VCS und WWF, die ebenfalls Einsprachen eingereicht haben. Und das ganze Bündel landete auf dem Pult von Sonja Wiesmann. Die Frau Gemeindeammann von Wigoltingen lässt derzeit juristisch abklären, ob sie auch die deutschen Einsprecher wird anhören müssen. Nächste Rekursinstanz wäre das kantonale Amt für Raumplanung. Und die deutschen Städte haben bereits signalisiert, dass sie auch die Bundesverwaltung in Bern kontaktieren werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2010, 13:04 Uhr

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