Design zwischen Küche und Kunst

Die Schmuckdesignerin Natalie Luder verbindet Gegensätze: Ästhetisches mit Ekligem, Schein mit Sein oder Natur mit Kultur – und gewinnt damit einen der 17 Eidgenössischen Förderbeiträge, die gestern verliehen wurden.

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Sie arbeitet mit makaberen Materialien oder abstossenden Motiven: Natalie Luder fertigt Colliers aus Hasenzähnen oder Broschen in Form von Maden. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb kommen ihre Kreationen gut an – nach einem Projektbeitrag der Bernischen Stiftung für Angewandte Kunst und Gestaltung erhält sie nun auch eine Auszeichnung des Bundesamtes für Kultur (siehe Kasten).

Beide Preise wurden der 36-Jährigen für ihr Projekt «Jagdessen» zugesprochen, das weit über die Herstellung von Schmuck hinaus geht. Im Zentrum der Arbeit stehen 125 Kaninchen, deren Zähne die Designerin eigenhändig gezogen hat. Um die speziellen Schmuckstücke zu inszenieren, die sie daraus geschaffen hat, liess sie das Fleisch der Kaninchen nach 125 Rezepten zubereiten und lud ebenso viele Gäste zum Festschmaus ein. Mit dabei waren zwei Schauspieler und drei Kameraleute, die das «Jagdessen» festgehalten haben. Entstanden ist ein neunminütiger Film, der wie ein bewegtes barockes Stillleben anmutet.

Vom Topf an den Körper

«Schmuck und Essen haben viele Gemeinsamkeiten», erklärt die Wahlzürcherin mit Berner Wurzeln beim Besuch in ihrem Atelier, einem lichtdurchfluteten Raum im Maag-Areal. Als Beispiel führt sie den guten Geschmack oder die identitätsstiftende Komponente an, die im Sprichwort «Man ist, was man isst» zum Ausdruck kommt. Kulturhistorisch betrachtet, wolle man mit Schmuckstücken aus Zähnen stets die Eigenschaften des erlegten Tieres übernehmen – was mitunter die Anziehungskraft des Elfenbeins erklärt, das ja bekanntlich von einem sehr grossen und starken Tier stammt.

Mehr als ein Accessoire

Die Symbolik ist für Natalie Luder zentral und macht aus ihren filigranen Schmuckstücken mehr als hübsche Accessoires: «Der Hase ist ein Sinnbild für Fruchtbarkeit.» Daraus liessen sich Verführung und Genuss ableiten, was wiederum zum Essen passt und im Film mit entsprechenden Einstellungen verdeutlicht wird – mit sehnsüchtigen Blicken, flüchtigen Berührungen und natürlich mit dem opulenten Buffet.

Auch mit Widersprüchen arbeitet die Gestalterin gerne, zum Beispiel mit jenen zwischen Schein und Sein: Aus der Distanz erinnern die Colliers an zarte Ranken, erst bei näherer Betrachtung erkennt man die Zähne. «Viele ekeln sich dann ein bisschen – aus etwas Ästhetischem wird plötzlich etwas Abstossendes.» Das passiert auch bei den Broschen aus Perlmutt: Auf den ersten Blick fasziniert der Lüster, auf den zweiten erkennt man das «Mädli» – wie die Designerin die Maden zärtlich nett.

Zwischen Leben und Tod

Die eigenwilligen Motive und Materialien sind das eine, das gekonnte Anrichten das andere: In ihrem Dossier zitiert die Designerin aus der Kunst- und Literaturgeschichte und erklärt so den tieferen Sinn des fröhlichen Mahls: «In der Totentanzliteratur ist die gedeckte Tafel ein Symbol für die Hinfälligkeit des Lebens. Und in der Kunst ist die Speise ein Motiv für die Gratwanderung zwischen Leben und Tod – schliesslich ist sie in ihrer Zubereitung einem baldigen Ende zugedacht und im Grunde genommen ein Zustand zwischen Leben und Verwesen.» Dies wiederum erklärt das gespenstige Hasenskelett, welches in ihrer Inszenierung das Buffet überragt.

Alles scheint bis ins letzte Detail durchdacht und mit einem tieferen Sinn behaftet zu sein. So versteht sich auch, dass Natalie Luders Arbeiten eher Kunstwerke als Schmuckstücke sind: Sie verkauft fast ausschliesslich an Galerien und Sammlungen – eines der prämierten Colliers wurde 2007 von der Bernischen Stiftung für Angewandte Kunst und Gestaltung angekauft.

> (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.10.2009, 07:32 Uhr

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