Der verletzte Stolz der Eveline Widmer-Schlumpf

Mit ihrer plötzlichen Attacke auf die Steuerreform hat Eveline Widmer-Schlumpf alle überrascht. Alle? Nicht ganz. Kollegen aus der BDP wissen schon lange um ihren Zorn. Sie hatten gehofft, «die Diva» aus Graubünden schaffe es, zu schweigen. Vergeblich.

Manche nennen ihren Angriff hinterhältig, andere mutig: Diese Woche griff die ehemalige Bundesrätin die von ihr aufgegleiste USR III an.

Manche nennen ihren Angriff hinterhältig, andere mutig: Diese Woche griff die ehemalige Bundesrätin die von ihr aufgegleiste USR III an. Bild: Keystone

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Wenn es das Ziel von Eveline Widmer-Schlumpf war, wieder einmal die öffentliche Debatte zu dominieren, dann hat sie dieses glanzvoll erreicht. Am Montag ritt sie via «Blick» eine ebenso überraschende wie heftige ­Attacke auf die Reform der Unternehmenssteuern, die sie selber aufgegleist hat und über die wir am 12. Februar abstimmen. Manche nennen ihren Angriff hinterhältig, andere mutig – ­sicher ist, dass die Alt-Bundesrätin diese Woche die Schlagzeilen beherrschte wie letztmals in den Wochen vor ihrem Rücktritt Ende 2015.

Allenthalben rätseln Politiker und Journalisten, was in die Bündnerin gefahren ist. Am ­besten kennen sie ihre Gefährten aus der BDP. Wer in der Partei herumfragt, hört als Erstes die Zähne knirschen. Unter ihren Parteifreunden ist das Entsetzen speziell gross, hin bis zu Barbara Janom Steiner, ihrer Nachfolgerin als Bündner Finanzdirektorin. Viele zeigen sich persönlich enttäuscht. Alle in der BDP – vermutlich auch Widmer-Schlumpf selber – wissen, dass sie mit ihrer Intervention nicht nur der Steuerreform, sondern auch der Kleinpartei grossen Schaden zugefügt hat.

Warum tat sie es trotzdem? Aus Sicht vieler Parteikollegen ist der Fall klar: weil sie eine verkappte Diva ist. Weil sie nicht nur ­gnadenlos fleissig und kompetent ist, sondern halt auch besserwisserisch und empfindlich. Weil ihr Stolz es nicht verwand, dass das Parlament ihre Steuerreform verändert hat. Weil sie fand, Ueli Maurer (SVP) – ihr ohnehin ungeliebter Nachfolger als Finanzminister – habe zu wenig für ihre Reform gekämpft. In der Partei weiss man schon lange um die verletzte Eitelkeit. Bereits letztes Jahr hat Widmer-Schlumpf intern über die Entscheide des Parlaments ge­schimpft.

Zeitweise habe sie gar damit geliebäugelt, einem Nein-Komitee beizutreten. Davon konnten sie ihre Parteifreunde dann zwar abhalten. In den letzten Wochen bibberten sie aber weiter. Sie hofften inständig, die verletzte Alt-Magistratin möge sich im Abstimmungskampf zu­rückhalten. Am Montag hatte das Zittern ein Ende. Nun zittern sie um die Steuerreform.

Neben dieser unvorteilhaften Interpretation kursiert in der BDP auch eine freundlichere Version. Diese wird auch links geteilt – nicht nur, aber auch aus abstimmungstaktischen Gründen. Demnach agierte Eveline Widmer-Schlumpf aus voller innerer Überzeugung, ganz im Interesse der Sache. Weil sie die Reform wirklich für überladen und unausgewogen hält.

Aus Sicht ihrer Kritiker jedoch leuchtet dies nicht ein, da das Parlament die Reform nicht wesentlich umgebaut und vor allem keine Steuerschlupflöcher eingebaut hat, die nicht Widmer-Schlumpf selber auch schon zur Diskussion gestellt hatte. So gesehen wäre es dann doch wieder der verletzte Stolz, der sich sachliche Ausreden für sein Verhalten zurechtlegte.

Zum Teil wurde die Aktion gar als feige eingestuft. Doch dies leuchtet nun gar nicht ein. Im Gegenteil. Widmer-Schlumpf nahm in Kauf, dass sie mit ihrem Interview praktisch alle ihre langjährigen Mitstreiter, Verbündeten und Wegbegleiter gegen sich aufbringt.

Sie stiess die eigenen Parteifreunde und alle anderen bürgerlichen Politiker vor den Kopf, stiess frühere Mitarbeiter vor den Kopf, stiess die kantonalen Finanzdirektoren vor den Kopf. Feige ist das gewiss nicht. Zumal nun auch schon klar ist, auf welchen Sündenbock die Bürgerlichen dankbar ein­dreschen werden, falls die Re­form scheitert. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.01.2017, 18:02 Uhr

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