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Der grosse Tamiflu-Irrtum: «Das hat schon Züge eines Skandals»

Von Mischa Aebi. Aktualisiert am 30.12.2010 9 Kommentare

Wegen drohender Pandemien haben viele Länder – auch die Schweiz – riesige Vorräte des Grippemittels Tamiflu gekauft. Nun zeigen Forscher, dass Tamiflu gerade in schlimmen Fällen nicht mehr nützt als ein Placebo.

Immunologieprofessor Beda Stadler geht mit den Gesundheitsbehörden hart ins Gericht: «Wäre man kritisch gewesen, hätte man auf die grossen Tamiflu-Vorräte verzichtet.»

Immunologieprofessor Beda Stadler geht mit den Gesundheitsbehörden hart ins Gericht: «Wäre man kritisch gewesen, hätte man auf die grossen Tamiflu-Vorräte verzichtet.»
Bild: Adriana Bella

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Tamiflu

Der Bund hat in den vergangenen Jahren ein Tamiflu-Pflichtlager aufgebaut. Nun zeigt sich, dass das
Medikament in vielerlei Hinsicht offenbar kaum wirkt.

Bereits 2005 war Tamiflu ein Thema. Damals ging die Angst vor dem Vogelgrippevirus um. Der Bund legte schon damals
ein Pflichtlager von Tamiflu an. Es hätte zur Versorgung eines Viertels der Bevölkerung ausgereicht. Was das kostete, ist nicht bekannt. 2009 hat der Bund im Rahmen der Schweinegrippe den Kauf von 40000 weiteren Tamiflu-Packungen bewilligt. Auch Regierungen vieler anderer Länder haben Vorräte beschafft.
Seinen guten Ruf verdankt Tamiflu vor allem einer Übersichtsstudie aus dem Jahr 2003. Übersichtsstudien sind Studien, die bloss auf einer Zusammenfassung anderer Studien basieren. Die Federführung lag bei Laurent Kaiser, dem Leiter des Virologischen Zentrallabors am Genfer Universitätsklinikum. Grundlage waren zehn Wirksamkeitsstudien, welche allesamt die Tamiflu-Herstellerin Roche selber durchgeführt hatte. Die Genfer Forscher kamen in ihrer Zusammenfassungsstudie zum Schluss, dass Grippekranke viel weniger Komplikationen haben, wenn sie mit Tamiflu behandelt werden. In der Folge stützten sich Forscher und Behörden offenbar immer wieder bloss auf diese Studie ab – bis ins Jahr 2009. In jenem Jahr bekam das internationale Forscherteam Cochrane Collaboration vom britischen National Institute for Health Resarch den Auftrag, Tamiflu erneut
unter die Lupe zu nehmen. Es stellte als Erstes fest, dass die bekannte Zusammenfassungsstudie von Kaiser schwere Mängel aufwies. So waren nur zwei der zehn Grundlagenstudien je in Fachzeitschriften publiziert. Cochrane Collaboration forderte von Roche die uninterpretierten Studienprotokolle. Der Konzern wollte sie nur unter der Zusicherung, Stillschweigen zu wahren, herausrücken. Das akzeptierten die Forscher nicht.
Schliesslich stellten die Forscher fest, dass ausgerechnet jene beiden vollständig publizierten Studien zeigen, dass Tamiflu bei Grippekomplikationen nicht mehr wirkt als ein Placebo. Die Ergebnisse der Forscher hat die «Süddeutsche Zeitung» Mitte Dezember publik gemacht. ma

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Laut dem Immunologieprofessor Beda Stadler hat der aufgedeckte Irrtum Züge eines Skandals.

Herr Stadler, plötzlich wird bekannt, dass das weltweit als Wundermittel gepriesene Grippemedikament Tamiflu nicht viel mehr wert sei als ein Placebo. Das ist ein Skandal, oder?
Beda Stadler: Ganz so krass kann man das nicht sagen. Die Wissenschaftler der Cochrane Collaboration, eines internationalen Netzwerks unabhängiger Wissenschaftler, haben Daten von alten Studien neu ausgewertet. Auch sie kamen zum Schluss, dass Tamiflu grundsätzlich nützt, um die eigentliche virale Grippeerkrankung abzukürzen.

Die Forscher kamen allerdings ebenfalls zum Schluss, dass es nur dann wirkt, wenn man Tamiflu unmittelbar nach Ausbruch der Krankheit einnimmt.
Das stimmt. Das wäre aber eigentlich schon immer bekannt gewesen. Allerdings haben viele – darunter auch Behörden – diesen Umstand ignoriert. Ich selber habe im Zusammenhang mit der Schweinegrippe immer gesagt, dass die Einnahme von Tamiflu nur Sinn mache, wenn man es in der Hausapotheke auf Vorrat habe. Wenn man erkrankt und zuerst noch zum Arzt oder in die Apotheke muss, ist es zu spät. Genau für diese These wurde ich von vielen Fachleuten angefeindet.

Selbst wenn man Tamiflu frühzeitig einnimmt, verkürzt es die Krankheit aber bloss um einen Tag, sagen Wissenschaftler nun plötzlich.
Es stimmt, Tamiflu ist nicht das Wundermittel, als das es zum Teil vermarktet wurde. Es ist ein Medikament mit mässiger Wirkung. Ehrlicherweise muss man sogar festhalten, dass es ein äusserst zweifelhaftes Medikament ist. Im Zusammenhang mit der Schweinegrippe gab es aber kaum eine Alternative. Man musste sich sagen, besser Tamiflu als gar nichts.

Besonders krass war der Irrtum bezüglich Tamiflu aber in einem weiteren Punkt.
Ja, Tamiflu wurde lange Zeit – unter anderem auch vom Bundesamt für Gesundheit – als Medikament gepriesen, das insbesondere auch die gefährlichen Sekundärinfekte der Grippe verhindere. Die meisten Leute sterben ja nicht an der Grippe selber, sondern an einer durch die Grippe ausgelösten Zweitkrankheit, zum Beispiel an einer Lungenentzündung. Die Forscher haben nun herausgefunden, dass Tamiflu gegen solche Sekundärinfekte tatsächlich nicht mehr nützt als ein Placebo.

Wer ist Ihrer Meinung nach verantwortlich für diese Überbewertung des Medikaments?
Weltweit stützten sich Regierungen – darunter explizit auch unsere – lange auf eine Studie, die unter der Ferderführung von Laurent Kaiser entstanden ist. Kaiser ist der Leiter des Virologischen Zentrallabors am Genfer Universitätsklinikum.

Diese Studie ist aber bloss eine Studie, die bereits bestehende Studien auswertete.
Das stimmt. Genau deshalb ist es nicht so einfach, zu sagen, wer nun wirklich die Schuld trägt an der Fehlinformation. Das Problem: Kaisers Zusammenfassungsstudie basierte offenbar bloss auf Studien, die von der Firma Roche, (ROG 152.4 0.26%) also der Herstellerin des Medikaments, finanziert wurden. Hätte man diese vielleicht etwas gut gemeinte Zusammenfassungsstudie aus Genf kritisch hinterfragt, hätten viele Regierungen wohl darauf verzichtet, panikartig so viel Tamiflu-Vorräte zu kaufen.

Liegt da nicht auch der Verdacht auf der Hand, dass der Pharmakonzern Roche dank gutem Marketing und willfährigen Forschern Milliardenumsätze generierte mit einem Medikament, das nur marginalen Nutzen bringt und teilweise bloss Placebowirkung hat?
Der Fall hat meiner Meinung nach schon Züge eines Skandals. Ganz so hart würde ich es trotzdem nicht ausdrücken. Man muss das Ganze auch vor dem Hintergrund der damals herrschenden Schweinegrippepanik sehen. Alles musste sehr schnell gehen. Die Zeit fehlte, um eingehend zu prüfen, was nun genau wie wirkt. Man war für alles froh, was in irgendeiner Form Hilfe versprach für den Fall, dass das Schweinegrippevirus zu einem wirklich gefährlichen Virus mutieren würde.

Wie ist es möglich, dass auch die für die Arzneimittelzulassung zuständige Behörde Swissmedic nicht darauf aufmerksam gemacht hat, dass die Wirkung von Tamiflu eigentlich gering ist?
Das ist eine gute Frage. Klar ist, dass die Medikamentenhersteller der Arzneimittelbehörde sehr umfangreiche Dokumente abliefern müssen, wenn sie die Zulassung eines Medikaments beantragen.

Man könnte auch die böse Vermutung hegen, dass die Pharmaindustrie Wege gefunden hat, die behördliche Kontrollen – auf welchem Weg auch immer – zu umgehen.
Das wäre sehr schlimm. Denn hier geht es nicht um Politik, also nicht um etwas, das man aushandeln kann. Die Kontrollbehörde darf ausschliesslich aufgrund wissenschaftlich erhobener Zahlen urteilen.

Dennoch: Enthüllungen wie die aktuelle über Tamiflu sind Wasser auf die Mühlen jener, die schon immer behaupteten, dass es der Pharmaindustrie eigentlich nicht um die Gesundheit der Menschen geht, sondern bloss um Geld. Wie weit vertrauen Sie der Branche noch?
Es gab in den letzten Jahren auch drei, vier andere Fälle, bei welchen bekannt wurde, dass eine falsche Wirkung eines Medikaments ausgewiesen wurde. Zum Beispiel das Medikament Lipobay. Aber grundsätzlich wird sowohl in der Pharmaforschung wie auch in der Pharmaindustrie nach strengen wissenschaftlichen Kriterien gearbeitet. Dabei werden Daten gesammelt, die für jedermann überprüfbar sind. Deshalb bin ich überzeugt, dass im Grossen und Ganzen die tatsächliche Wirksamkeit der Medikamente korrekt angegeben wird.

Zum Schluss noch: Empfehlen Sie nach wie vor trotz allem, Tamiflu einzunehmen, sobald sich Symptome einer Grippe bemerkbar machen?
Ja, falls jemand einen Grund hatte, sich nicht zu impfen, erste Grippesymptome verspürt und Tamiflu in Reichweite hat. Auch jene, die nicht gewillt sind, sich impfen zu lassen, haben schliesslich das Recht, einen Tag weniger lang an der Grippe zu leiden.

Beda Stadler ist ordentlicher Professor und Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.12.2010, 07:34 Uhr

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9 Kommentare

Rtuh Schweingruber

31.12.2010, 13:17 Uhr
Melden

Immer erst vor der eigenen Haustüre wischen, bevor andere kritisieren. Herr Stadler kann nur hoffen, dass niemals eine, nicht von der Pharmaindustrie finanzierte, unabhängige Studie über die hochgelobte Impferei gemacht wird. Ansonsten könnten auch Herrn Stadler die Ausreden und Schuldzuweisungen an andere knapp werden. Antworten


Martin Lerch

30.12.2010, 08:41 Uhr
Melden

Das entscheidende Wort fehlt im Interview: Wann immer Beda Stadler sich zur Homöopathie äussert, sagt er "Vodoo-Medizin". Ehrlicherweise müsste er auch Tamiflu "Vodoo-Medizin" nennen und Fragen, ob Roche der grosse, böse Zauberer ist. Antworten



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