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Der Zeitdruck im Notfall nimmt zu

Von Saskia van Wijnkoop. Aktualisiert am 12.05.2011 1 Kommentar

Am heutigen Donnerstag demonstriert das Pflegepersonal in Bern gegen die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen. Doch war früher tatsächlich alles besser? Die erfahrene Berufsfrau Marianne Gandon gibt im Inselspital Einblick in ihren Alltag.

Liebt ihren Beruf trotz des Stresses: Marianne Gandon, seit 21 Jahren Leiterin Pflege der Angiologie und Kardiologie im Inselspital.

Liebt ihren Beruf trotz des Stresses: Marianne Gandon, seit 21 Jahren Leiterin Pflege der Angiologie und Kardiologie im Inselspital.
Bild: Urs Baumann

Wer einen Herzinfarkt erleidet, landet früher oder später hier: Auf der Intermediate Care Station im Stockwerk P des Inselspital-Bettenhochhauses. Hier liegen acht Notfallpatienten, deren Blutdruck und Herzfrequenz nebeneinander auf einem grossen Bildschirm abzulesen sind. Alle Patienten hatten einen Herzinfarkt, stehen kurz vor einem operativen Eingriff oder haben ihn hinter sich.

Dem 63-jährigen Beat Müller* wurde gerade in einer Herzkranzarterie eine Metallstütze – ein sogenannter Stent – eingesetzt. Sein Zustand ist aber bereits so stabil, dass ihn die Stationsleiterin ein paar Worte mit der Journalistin wechseln lässt. Er sei mit der Ambulanz von Olten nach Bern gefahren worden, erklärt Müller. Darauf angesprochen, ob er unter dem Zeitdruck der Pflegefachleute gelitten habe, meint er: «Ich habe schon gesehen, dass ihnen die Zeit davonläuft, dass sie dauernd hin und her rennen. Sie waren aber trotzdem freundlich zu mir, und mir scheint, es ist ihnen bei mir kein Fehler passiert.»

Fehler sind schnell passiert

So glimpflich kommen nicht alle Patienten davon. Es gibt auch diejenigen, welche sich eine Spitalinfektion zuziehen – beispielsweise weil die Pflegeperson vor dem Einsetzen des Blasenkatheters nicht alle Hygienemassnahmen nach Vorschrift beachtet hat. Oder sie werden von plötzlichen Nebenwirkungen eines Medikaments heimgesucht, nachdem der Krankenpfleger sich bei der Dosierung verrechnet hat.

Der zunehmende Mangel an ausgebildetem Pflegepersonal sowie die immer kürzer werdende Aufenthaltsdauer der Patienten in den Spitälern führten zu mehr Patientengefährdungen, erklärt Marianne Gandon, Leiterin Pflege der Angiologie und Kardiologie am Inselspital: «Wenn der Patient immer weniger lang im Spital bleibt und wir über immer weniger ausgebildetes Personal verfügen, passieren mehr Fehler: bei den Behandlungen, bei der Medikamentenabgabe und beim Einhalten der Hygienevorschriften.»

Pflegeberuf aufwerten

Marianne Gandon ist seit 21 Jahren Leiterin Pflege der Angiologie und Kardiologie. Sie findet aber, dass es vor 20 Jahren nicht weniger Patientengefährdungen gegeben habe, nur weil man mehr Personal und weniger Zeitdruck hatte: «Wir machten auch Fehler, damals aber eher weil es noch keine so zuverlässigen Überwachungs- und Fehlermeldesysteme gab.»

Wenn sich aber der Zeitdruck für die Pflegefachleute noch mehr verschärfe, könnte das auch spürbare Folgen für die Patienten haben: «Wenn nächstes Jahr die diagnosebezogene Fallpauschale in Kraft tritt, wird die Aufenthaltsdauer in den Spitälern noch kürzer werden, dadurch werden sich die Rahmenbedingungen für das Pflegepersonal noch mehr verschärfen.»

Trotzdem oder gerade deshalb gelte es, die Werbetrommel für den Pflegeberuf zu rühren: «Wir brauchen dringend wieder viel mehr junge Leute, die sich zu Pflegefachkräften ausbilden lassen.» Und damit sie das täten, sei auch die Politik gefragt: «Der Pflegeberuf ist in der Schweiz noch immer als Hilfsberuf deklariert – um dem Beruf aber den gebührenden Wert zu geben, müsste dies im Gesetz dringend geändert werden.» Der Pflegeberuf sei nämlich einer der interessantesten und besten, fügt Gandon an: «Ich kenne keinen Beruf, der so viele verschiedene Einsatzgebiete ermöglicht wie der Pflegeberuf.»

Keine Zeit zum Essen

Zum Beispiel eben auf der Intermediate Care Station, der Notfallstation in der Notfallabteilung sozusagen. Hier geht es immer turbulent zu und her, hier geht es stets um Leben und Tod. Die Pflegefachfrau Esther Stamm arbeitet seit 6 Jahren hier: «Wir wissen nie, wie viel Patienten wir im Lauf des Tages betreuen müssen, weil es ja immer Notfälle sind – gestern mussten wir ausnahmsweise sogar zwei Herzinfarktpatienten im Gang warten lassen, weil alle Betten besetzt waren.»

Den wachsenden Zeitdruck durch die kürzere Aufenthaltszeit der Patienten und das vermehrte Fehlen von gut ausgebildetem Personal seien gut spürbar: «Häufig kann ich während meines Dienstes nicht alle meine Aufgaben bewältigen und bleibe nach Feierabend noch da, um das Versäumte nachzuholen.» Auch komme es vor, dass dann die eine oder andere Pause gestrichen werde: «Dann kann es schon passieren, dass ich eine Art Schwächegefühl durch Unterzuckerung bekomme, weil ich keine Zeit zum Essen hatte.»

* Name von der Redaktion geändert (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.05.2011, 10:03 Uhr

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1 Kommentar

Nicole Meier

16.05.2011, 11:43 Uhr
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Ein Riesengrosses Dankeschön an die Pflegefachleute dieser Station. Sie leisten unglaubliches und haben auch immer ein offenes Ohr für die Angehörigen. Schön wenn man das von den Ärzten auch sagen könnte. Antworten



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