«Der Wolf macht Jägern die Beute streitig»

Ständerat Stefan Engler will Wölfe in der Schweiz regulieren. Im Interview sagt er, warum er mit dem Raubtier konkurrenziert und wie er seinen Kindern erklärt, dass er mehr Wölfe abschiessen will.

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Herr Engler, Sie leben im Bünder Bergdorf Surava. Inwiefern sind Sie von der Rückkehr des Wolfs in die Schweiz betroffen?
Ich erlebe die Konflikte, die das Tier auslöst als Politiker sowie als Privatperson hautnah mit. Menschen aus der Bündner Bevölkerung treten an mich heran und berichten über ihre Ängste und Sorgen. Es sind nicht einzelne Wölfe, die die Probleme verursachen, sondern die Aussicht darauf, dass es bald viele mehr sein werden.

Der Ständerat diskutiert heute über Ihre Motion, in der Sie fordern, die Wolfspopulation zu regulieren. Wie viele Wölfe pro Region sind für Sie erträglich?
Ich stehe nicht auf der Seite jener, die den Wolf in der Schweiz ausrotten wollen. Trotzdem ist es für mich eine Frage des Masses. Verhältnisse wie in Frankreich und im Norden, wo die grosse Wolfspopulation zu heftigen Konflikten führt, möchte ich nicht. Um dies zu vermeiden, müssen wir unter Berücksichtigung der verschiedenen Interessenten intervenieren können. Es muss möglich sein, das Wachstum der Wolfsbestände zu bremsen.

In der Schweiz leben aktuell etwas über zwanzig Wölfe. Glauben Sie, es ist schon Zeit, über Abschüsse zu sprechen?
Ein Wolf ist zweieinhalb Jahre nach seiner Geburt geschlechtsreif. Die Weibchen werfen jedes Jahr zwischen drei und sechs Junge. Nun kann man sich ausrechnen, wie viele Wölfe in zehn Jahren hier leben werden. Noch vor zehn Jahren waren es lediglich einer oder zwei. Es ist wichtig, die Spielregeln im Umgang mit dem Raubtier frühzeitig festzulegen. Zudem sehe ich es als Aufgabe der Politik an, Probleme frühzeitig zu erkennen und Lösungen zu entwickeln.

Sie sind Jäger. Die Jagd hat die Aufgabe, die Wildbestände zu regulieren. Ein Job, den künftig der Wolf übernehmen könnte?
Der Wolf ist sicher ein Konkurrent für den Jäger. Es ist klar, dass wir uns den Umständen anpassen müssen. Dass die Jagd damit überflüssig wird, glaube ich allerdings nicht. Sie stellt in den Bergkantonen ein Kulturgut dar.

Haben Sie Angst, dass der Wolf Ihnen Ihre Beute wegschnappt?
Es wird sicher eines Tages so sein, dass der Wolf den Jägern die Beute streitig macht. Doch Jäger gehen anders vor als Raubtiere. Sie berücksichtigen in der Bestandesregulation wildbiologische Aspekte und arbeiten tierschützerisch rücksichtsvoll. Der Wolf wird weder auf Schonzeiten noch auf Rückzugsgebiete für das Wild Rücksicht nehmen.

Häufig wird über Wolfsrisse berichtet. Doch in der Schweiz sterben die wenigsten Schafe durch Angriffe von Grossraubtieren. Die meisten werden von Steinen erschlagen, stürzen Feldwände hinab oder erliegen unbehandelten Krankheiten.
Das ist so. Doch in den Bergtälern gibt es viele Familien mit kleinen Betrieben ohne grosse Schafherden. Für sie macht jedes Tier einen Unterschied. Sie gehen abends mit der Sorge ins Bett, morgen nicht mehr alle Tiere zu haben. Zudem ist der Anblick, den der Wolf nach einem Angriff auf einer Weide hinterlässt, erschreckend. Wenn diese Kleinbetriebe im grossen Stil Abwehrmassnahmen treffen müssen, überfordert man sie. Sie gehören zur Schweiz – man sollte sie nicht dem Wolf opfern.

Aber ist das nicht der Lauf der Natur? Sind in der Schweiz Tiere, die andere Tiere fressen, nicht willkommen?
Die Zeiten sind anders als noch vor hundert Jahren. Die Kulturlandschaft wird viel intensiver genutzt. Der Tourismus und das Freizeitverhalten haben sich gewandelt. Damit die Bergbevölkerung den Wolf akzeptieren kann, braucht es ein Zeichen vonseiten der Politik – und zwar in Form einer roten Linie, um in die Bestände einzugreifen.

Doch die Regionen könnten auch vom Wolf profitieren. Schweiz Tourismus plant Wolfsafaris durch ihre Lebensräume.
Ich halte nichts davon, dass man unsere Region zum Safarigebiet machen will. Die Vorstellung, dass bald Touristen wie in Afrika durch unsere Bergtäler streifen, ist mir fremd. Was ich allerdings befürworte, ist die Vermarktung des unversehrten Lebensraums. Wäre dieser nicht so gut, kämen Wolf und Bär ja nicht zurück.

In der Stadt entzückt der Wolf die Menschen, auf dem Land ist er ein Ärgernis. Sie leben in Graubünden, sind als Ständerat jedoch häufig in Bern. Wie erleben Sie den Unterschied?
Es gibt auch im Berggebiet Wolfsbefürworter, genauso wie in den Städten gegnerische Stimmen. Den Konflikt austragen müssen aber jene, die direkt betroffen sind. Ihre Aufgabe ist es, ihr Anliegen den Städtern zu erklären.

Und wie erklären Sie Ihren Kindern, dass Sie mehr Wölfe abschiessen wollen?
Ja das ist natürlich ein Thema zu Hause, wie bei vielen anderen Familien auch. Es ist nicht einfach, solche Anliegen Kindern verständlich zu machen. Ich versuche ihnen zu erklären, dass der Mensch auch Teil der Natur ist und sich und seine Existenz beschützen will. Das Leben in den Bergen verlangt gegenseitige Rücksichtnahme, und dazu gehört auch, dass die Landwirte ein Recht darauf haben, ohne Sorgen zu leben. Ich hoffe, sie verstehen das. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.06.2014, 09:34 Uhr)

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Ständerat will Wolfsschutz lockern

Der Ständerat will den Schutz des Wolfes lockern. Damit soll den Interessen der Bergbevölkerung - Alpwirtschaft, Jagd oder Tourismus - besser Rechnung getragen werden können. Die kleine Kammer hat einer Motion von Stefan Engler (CVP/GR) mit diesem Anliegen zugestimmt.

Heute darf ein Wolf mit einer Ausnahmebewilligung abgeschossen werden, wenn er Schafe reisst, grosse Schäden beim Wild anrichtet oder Menschen erheblich gefährdet. «Ohne tote Schafe kann man Wölfe nicht schiessen», formulierte es Umweltministerin Doris Leuthard etwas salopp. Nach Ansicht des Ständerats ist dieses Konzept wegen der wachsenden Wolfspopulation überholt.

Erstes Rudel

Tatsächlich hat das Raubtier in den vergangenen Jahren in der Schweiz wieder Fuss gefasst. Die ersten Wölfe waren 1995 aus Italien eingewandert. Gemäss der Schweizer Raubtierforschungsstelle KORA leben derzeit 15 bis 20 Wölfe in der Schweiz. Im Kanton Graubünden brachte ein Wolfspaar 2012 und 2013 Junge zur Welt. Im November 2013 wurde auf St. Galler Kantonsgebiet erstmals ein Rudel beobachtet.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung verlangte Engler, neue Prioritäten zu setzen. Statt wie bisher den Schutz des Wolfes und der Artenvielfalt in den Vordergrund zu stellen, sollen die Interessen der Landwirtschaft, der Jagd, der öffentlichen Sicherheit und des Tourismus gleich hoch gewichtet werden.

Kontingent für Wölfe

Mit einer «abgeflachten Wachstumskurve» könne die Akzeptanz des Wolfes bei der einheimischen Bevölkerung verbessert werden, sagte Engler. Gemäss seinem Vorschlag könnte für ein bestimmtes Gebiet eine maximal tolerierbare Anzahl Wölfe festgelegt werden. Stimmt auch der Nationalrat zu, muss der Bundesrat auf dieser Basis einen Entwurf für ein neues Wolfsmanagement ausarbeiten.

Bei den betroffenen Organisationen ist der Konsens bereits weit gediehen: Schafzüchter, Jäger und Naturschützer haben sich vor zwei Jahren auf eine Lösung geeinigt. Schafzüchter und Jäger akzeptierten die Rückkehr von Wolf, Luchs und Bär, die Umweltorganisationen gaben im Gegenzug ihren grundsätzlichen Widerstand gegen die Regulation der Bestände auf.

Damit erklärten sie sich einverstanden, dass Grossraubtiere unter gewissen Bedingungen bejagt werden können. Die politische Diskussion dürfte sich darum im Wesentlichen um die Frage drehen, wie gross die Wolfspopulation in einem Gebiet sein darf.

Wolfskonzept sistiert

Der Bundesrat will den Auftrag des Ständerats entgegennehmen. Leuthard erklärte sich zudem bereit, die Arbeiten am neuen Wolfskonzept vorerst zu sistieren. «Wir haben nicht vor, das jahrelang vor uns herzuschieben», sagte sie.

Leuthard rief auch in Erinnerung, dass die Regulierung der Wolfsbestände nach Ansicht des Bundesrats vereinbar wäre mit der Berner Konvention über den Schutz wildlebender Tiere und Pflanzen. Dies hatten Abklärungen des Bundesrats beim zuständigen Ausschuss der Konvention ergeben. (sda)

Stefan Engler sitzt für die CVP im Ständerat. Zwischen 1998 und 2010 gehörte er dem Bündner Regierungsrat an. Dort leitete er das Bau-, Verkehrs- und Forstdepartement. (Bild: Keystone )

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